Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

9/11: Chaos und Konfusion

Fünf Jahre nach dem 11. September 2001

Von Siegfried Buschschlüter

Das zweite Flugzeug rast in einen der Türme des World Trade Centers in New York.
Das zweite Flugzeug rast in einen der Türme des World Trade Centers in New York.

Der 11. September 2001 hat zweifelsohne die Welt verändert. An jenem schicksalshaften Tag verloren rund 3000 Menschen in New York, Washington und Pennsylvania ihr Leben und die Weltmacht USA ihre vermeintliche Unverwundbarkeit. US-Präsident George W. Bush sieht sich seitdem als Kriegspräsident.

"Es war mild und der Himmel im Osten der Vereinigten Staaten nahezu wolkenlos an jenem Dienstag, dem 11. September 2001”. Mit diesen Worten beginnt der Bericht der Untersuchungskommission zum 11. September.

"Millionen von Männern und Frauen machten sich auf den Weg zur Arbeit. Für einige führte er zu den Zwillingstürmen, dem Wahrzeichen des World Trade Center in New York City. Für andere führte er nach Arlington, Virginia, zum Pentagon. Auf der gegenüberliegenden Seite des Potomac hatte der Kongress seine Arbeit wiederaufgenommen. Am anderen Ende der Pennsylvania Avenue bildete sich eine Schlange von Besuchern, die das Weiße Haus besichtigen wollten. In Sarasota, Florida, machte sich Präsident George W. Bush fertig für sein morgendliches Jogging.”

"Wer auf dem Weg zum Flughafen war”, so der Untersuchungsbericht weiter, hätte sich kein besseres Wetter für eine sichere und angenehme Reise wünschen können. Unter den Reisenden befanden sich Mohammed Atta und Abdul Aziz al Omari. Ihr Ziel: der Flughafen von Portland, Maine.”

Eine Momentaufnahme der Morgenstunden jenes schicksalhaften Tages, an dessen Ende rund 3.000 Menschen in New York, Washington und Pennsylvania ihr Leben, die Weltmacht USA ihre vermeintliche Unverwundbarkeit verloren und ihr Präsident geschworen hatte, die Kriegserklärung der Terroristen entsprechend zu beantworten.

Amerika sei im Krieg, erklärte Bush…

Und er selber sah sich später als Kriegspräsident, der bei all seinen Entscheidungen im Oval Office den Krieg nie aus dem Blick verlor…

Krieg in Afghanistan, gefolgt vom Krieg im Irak. Dabei war von kriegerischer Entschlossenheit und unbeirrbarer Entschlusskraft, die mit den Äußerungen des Präsidenten vermittelt werden sollten, in den ersten Stunden des 11. September wenig zu bemerken.

Chaos habe an jenem Morgen des 11. September geherrscht, referierte Thomas Kean, der Vorsitzende der Untersuchungskommission, als er im Juli 2004 die Ergebnisse der Arbeit seiner Kommission bilanzierte.

Die Nachrichtenverbindungen seien einfach nicht gut gewesen und die Lagebeurteilung eher kümmerlich. Der Grund: auf diese Anschläge seien weder die Nachrichtendienste noch die Regierung vorbereitet gewesen. In Kategorien des Kalten Krieges hätten sie gedacht. Ein Vorwurf, der vor allem die Militärs traf, die sehr spät von den Flugzeugentführungen erfuhren.

Das Militär, konkret das nordamerikanische Flugabwehrkommando NORAD, war an jenem Morgen ganz mit sich selbst beschäftigt. Es war der vierte Tag eines siebentägigen Manövers, bei dem es darum ging, einen simulierten Angriff russischer Atombomber abzuwehren.

Als um 8.37 Uhr die Manöverroutine im nordöstlichen Luftverteidigungssektor durch einen Anruf aus dem Flugaufsichtszentrum Boston unterbrochen wird…”Wir haben ein entführtes Flugzeug, das sich in Richtung New York bewegt. Ihr müsst uns helfen und eine F-16 in Marsch setzen”…fragt der NORAD-Offizier ungläubig: "Ist das echt oder eine Übung?”

Als um 8.46 Uhr zwei F-15 Kampfflugzeuge auf dem Luftwaffenstützpunkt Otis in Massachusetts zum Einsatz beordert werden, 153 Meilen von New York entfernt, muss sich der diensthabende Offizier erst kundig machen, wohin er seine Jungs schicken soll.
Sieben Minuten später hat sich ihr Ziel in Nichts aufgelöst, ist die Boeing 767 von American Airlines Flug Nummer 11, Boston-Los Angeles, bereits im Nordturm des World Trade Center eingeschlagen, nimmt das Inferno seinen Lauf…

Dabei hatte die Flugbegleiterin Betty Ong schon kurz nach der Entführung der Maschine dem Reservierungszentrum von American Airlines in North Carolina berichtet, was sich an Bord tat, dass niemand im Cockpit das Telefon abnehme, in der Business Class ein Passagier erstochen worden sei, dass man nicht atmen könne, weil Mace oder etwas ähnliches versprüht worden sei.

Spätestens um 8.24 Uhr war dem Controller im Boston Center klar geworden, dass American 11 entführt worden war. Da empfing er eine offenbar an die Passagiere gerichtete Aufforderung, ruhig zu bleiben, dann sei alles in Ordnung. Das Flugzeug kehre zum Flughafen zurück. Doch die kritischen ersten Worte "Wir haben einige Flugzeuge” hatte er nicht verstanden.

So verging wertvolle Zeit mit dem Abhören der Aufzeichnung der Aufforderung Attas an die Passagiere. Von der zweiten Entführung erfahren die US-Militärs um 9.03 Uhr, zum selben Zeitpunkt, da die Boeing 767 von United Airlines Flug Nummer 175, ebenfalls Boston-Los Angeles, in den Südturm des World Trade Center rast.

Von dem dritten entführten Flugzeug, einer Boeing 757, American Airlines Flug Nummer 77, um 8.20 Uhr von Washington Dulles nach Los Angeles gestartet, erfährt das Flugabwehrzentrum rein zufällig, als es sich bei der Luftfahrtbehörde FAA nach American 11 erkundigt. Um 9.21 Uhr hatten die Militärs von der FAA gehört, dass American 11 noch in der Luft sei, eine halbe Stunde nach dem Absturz.

Um 9.37 Uhr rast American Airlines Flug 77 mit einer Geschwindigkeit von 848 Stundenkilometern in das Pentagon. Zwei Minuten später empfängt der Controller im Flugzentrum Cleveland eine Mitteilung von United Airlines Flug 93. Die Maschine war vom Flughafen Newark in New Jersey in Richtung San Francisco gestartet.

Doch wer sich da als Flugkapitän ausgibt, ist nicht Jason Dahl, auch nicht der Erste Offizier, LeRoy Homer, sondern der 26jaehrige Libanese Ziad Jarrah. Wie sich aus den Anrufen von Passagieren, die sich über Handy oder Airfone bei Familienangehörigen melden, sowie aus den Flugschreibern ergibt, haben einige der Passagiere offenbar versucht, die Entführer zu überwältigen.

Vergeblich. Um 10.03 Uhr rast die Boeing 757 mit 575 Meilen pro Stunde auf den Boden zu, dreht sich Sekunden vor dem Aufprall und zerbricht unweit des Ortes Shankville, Pennsylvania, in Tausende von Trümmerteilen. Das Ziel der Hijacker, so heißt es später, sei das Kapitol, der Sitz des US-Kongresses in Washington gewesen.

Präsident Bush erfährt vom Absturz der zweiten Maschine an diesem Morgen, während er in einem Klassenzimmer einer Grundschule in Sarasota, Florida sitzt. Sein Stabschef Andrew Card flüstert ihm die Nachricht ins Ohr.

"Ein zweites Flugzeug hat den zweiten Turm getroffen. America wird angegriffen”, mit diesen Worten zitiert der Untersuchungsbericht den Stabschef. Zu hören waren die Worte nicht. Eine Videoaufnahme zeigt, wie Bush reagiert. Betroffen. Mehr als fünf Minuten lang bleibt der Oberbefehlshaber wie gelähmt im Klassenzimmer sitzen, und das, nachdem ihm gesagt wurde, sein Land werde angegriffen.

Andrew Card hat später wiederholt geschildert, was ihm durch den Kopf ging, als er von dem zweiten Flugzeug erfuhr. Er habe überlegt, was er dem Präsidenten sagen solle und entschieden, ihm zu den Fakten noch einen redaktionellen Kommentar zu geben.

Der Kommentar lautete: "America is under attack”. Zu dem Zeitpunkt war ihm von den zwei weiteren Flugzeugentführungen aber noch nichts bekannt.

Fünf Jahre später ist noch immer nicht geklärt, was der Stabschef seinem Präsidenten wirklich gesagt hat und warum George Bush solange brauchte, um zu reagieren.
Er sei sitzen geblieben, sagte er der Untersuchungskommission später, weil er Ruhe und Stärke ausstrahlen wollte, bis er besser verstehen konnte, was da geschah.

Auf die Diskrepanz zwischen der angeblichen Äußerung von Andrew Card "America is under attack” und der Reaktion des Präsidenten angesprochen, meint Philip Zelikow, Autor des Untersuchungsberichts, das menschliche Erinnerungsvermögen sei eben mit Fehlern behaftet.

Und so versuche man schon mal ganz unschuldig, seine Erinnerungen zu glätten, um die Dinge geordneter erscheinen zu lassen, als sie es wirklich waren.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:18 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 04:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 04:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

SolidaritätszuschlagSteffens: Staat hält gerne an Steuern fest

Porträt von Udo Steffens

Der Ökonom Udo Steffens hält den Solidaritätszuschlag für eine versteckte Steuererhöhung, seit er nicht mehr nur für die ostdeutschen Länder eingesetzt werden muss. Im Deutschlandfunk sagte der Präsident der Frankfurt School of Finance & Management, der Staat verzichte nur ungerne auf eine einmal eingeführte Steuer.

HungerstreikPolizei löst Flüchtlingscamp in München auf

Ein Flüchtling ruft von einem Baum am Sendlinger Tor in München.

In München protestieren Flüchtlinge gegen die Art ihrer Unterbringung und den Umgang mit ihren Asylanträgen. Sie traten zunächst in den Hungerstreik. Nachdem sie nun auch nicht mehr trinken wollten, räumte die Polizei das Camp.

VerbraucherschutzEU will Google an die Leine nehmen

Mehrere Webseiten der Internet-Suchmaschine Google

Google hat eine zu beherrschende Marktstellung in Europa - das finden viele EU-Parlamentarier und stimmten deswegen heute für eine Resolution, mit der der US-Konzern aufgefordert werden soll, seine Suchmaschine neutral zu betreiben. Kritiker warnen vor übermäßigen Eingriffen in das Internet.

LiteraturKrimi-Autorin P. D. James ist tot

Die britische Schriftstellerin P. D. James bei einer Lesung in München im Jahr 2002.

Sie schrieb klassische Detektivgeschichten mit zeitgemäßen, realistischen Themen. Die britische Schriftstellerin P. D. James, Autorin von millionenfach verkauften Krimis, starb im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus in Oxford.

Umweltbilanz von GetränkekartonsFür Händler vorteilhafte Umweltsünde

Nach der Sortierung werden die gebrauchten Getränkekartons zu großen Ballen gepresst und zwischengelagert. Anschließend erfolgt das Recycling in der Papierfabrik.

Milch oder Saft werden längst zum größten Teil in Getränkekartons verkauft, in einer laut Herstellern besonders umweltfreundlichen Verpackungsart. Umweltschützer allerdings halten die Getränkekartons für eine regelrechte Umweltsünde. Neue Zahlen der Deutschen Umwelthilfe sprechen eine eindeutige Sprache.

WuppertalChinesen auf den Spuren von Engels

Enthüllung des von der Volksrepublik China gestifteten Denkmals des Philosophen und Gesellschaftstheoretikers Friedrich Engels (1820-1895) in Wuppertal am 11. Juni 2014

Friedrich Engels ist der bekannteste Sohn Wuppertals und fast 120 Jahre nach seinem Tod noch immer ein Türöffner der Stadt für Kontakte ins Ausland. Vor allem Chinesen pilgern an die Wupper, sie drehen dort TV-Shows und investieren viel Geld.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Juncker gegen Sanktionen  für EU-Defizitsünder | mehr

Kulturnachrichten

Britische Krimiautorin P.D. James gestorben  | mehr

Wissensnachrichten

Deodorant-Bonbon  Duft von Rosenparfum durch Süßigkeit | mehr