Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Achtwöchige Untersuchungshaft für norwegischen Attentäter

Richterliche Anhörung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Polizisten sichern den Eingang zum Gericht in Oslo. (AP)
Polizisten sichern den Eingang zum Gericht in Oslo. (AP)

Mit dem Anschlag habe er der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei größtmöglichen Schaden zufügen wollen, sagte der geständige Attentäter Anders Behring B. dem Haftrichter. Die Zahl der Opfer wurde von der Polizei korrigiert, insgesamt seien 76 Menschen ums Leben gekommen.

Als Anders Behring B. in Oslo einem Haftrichter vorgeführt wurde, bekundeten vor dem Gerichtsgebäude zahlreiche Menschen ihre Wut über die Tat. Der 32-Jährige hat sowohl den Sprengstoffanschlag im Osloer Regierungsviertel als auch den Angriff auf ein Jugendlager auf der Ferieninsel Utoya gestanden. Die Anzahl der Opfer wurde inzwischen von den Behörden korrigiert. Es sollen insgesamt 76 Menschen ums Leben gekommen sein, bisher wurde von 93 Opfern gesprochen.

Nach Angaben des Gerichts erklärte Anders Behring B., er habe der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei durch seine Tat größtmöglichen Schaden zufügen wollen. Er machte die Partei für eine massenhafte Zuwanderung von Muslimen verantwortlich. Das Gericht folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verhängte eine achtwöchige Untersuchungshaft. Die ersten vier Wochen werde der Attentäter in vollständiger Isolation gehalten, dürfe keinen Besuch empfangen und keine Briefe schreiben. Von ihm gehe weiterhin ein großes Risiko aus, heißt es weiter.

Anhörung unter Ausschluss der Presse

Journalisten warten am 25.7.2011 vor dem Gerichtssaal in Oslo, in dem der vermutliche Attentäter dem Haftrichtervorgeführt wird. (AP)Journalisten warten vor dem Gerichtssaal, in dem der vermutliche Attentäter dem Haftrichter vorgeführt werden soll. (AP)Die richterliche Anhörung von Anders Behring B. fand unter Ausschluss der Presse statt. Die Staatsanwaltschaft hatte den Antrag gestellt, um dem Beschuldigten nicht die Möglichkeit zu geben, seine Motive öffentlich zu erläutern. Außerdem wurden Sicherheitsbedenken zur Begründung angeführt. Der Tatverdächtige hatte zuvor angekündigt, zum Termin in Uniform zu erscheinen und sich öffentlich zu den Gründen für sein Handeln äußern zu wollen.

Bereits kurz vor dem Anschlag in Oslo und dem Massaker auf der Ferieninsel Utoya hatte er in einem per E-Mail veröffentlichten Manifest die Motive seines mörderischen Handelns dargelegt.

Schweigeminute für die Opfer der Anschläge

Während einer Schweigeminute für die Opfer der Anschläge ließen die knapp fünf Millionen Bürger überall im Land die Arbeit ruhen. In Oslo kam auch der Straßenverkehr zum Stillstand. In der Aula der Uni Oslo trugen sich König Harald und Regierungschef Jens Stoltenberg in ein Kondolenzbuch ein. Auch in Schweden, Dänemark, Island und Finnland zeigten die Menschen ihre Anteilnahme.

Komplizierte Suche nach den Gründen

"Man weiß nicht, wohin mit seinen Gedanken und Gefühlen", zeigte sich der norwegische Pfarrer Björn Sandvik im Deutschlandradio Kultur betroffen. Nach dem Anschlag in Oslo und dem Massaker auf der Ferieninsel Utoya komme auf die norwegische Gesellschaft die Frage nach den Gründen für das furchtbare Geschehen zu. Was Anders Behring B. zu seiner Tat bewogen hat, bleibe vorerst rätselhaft, sagte der Osloer Pfarrer.

B. stamme aus einer "guten Familie", sei intelligent und gut ausgebildet und ein erfolgreicher Kaufmann gewesen, erläuterte Sandvik. Das Land müsse sich jetzt Gedanken machen, wie es überhaupt zu der Tat kommen konnte.

Der norwegische Politologe Stein Kuhnle zeigte sich im Deutschlandradio Kultur erschrocken, dass Fremdenfeindlichkeit und Sorge um den Wohlstand in seinem reichen Heimatland Norwegen zu den Anschlägen geführt haben könnten. Wegen der geringen Einwohnerzahl von fünf Millionen hätten die Norweger besondere Angst vor dem Verlust der einst ethnisch und religiös homogenen Gesellschaft.

Eine falsch verstandene Toleranz erklärte Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung gegenüber dem Deutschlandradio als mitverantwortlich für den Anschlag in Oslo und das Massaker auf der Ferieninsel Utoya. Galtung sagte, Toleranz habe zwei Seiten. So seien auch die Ansichten des Attentäters Anders Behring B. toleriert worden: "Aber diese Toleranz ist eine negative Toleranz, in dem Sinne: man lässt es passieren." Niemand sei auf B. eingegangen und habe ihm gesagt, es sei Wahnsinn, was er verbreite - und niemand habe ihn zur Debatte herausgefordert und wirklich ernst genommen: "Ich glaube, das ist gefährlich", sagte Galtung.


Gefahr für norwegische Offenheit?

Aus Anteilnahme für die Opfer in Norwegen legt eine Frau am 23.07.2011 vor der Botschaft Norwegens in Berlin Blumen ab. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Anteilnahme vor der Botschaft Norwegens in Berlin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Nach den Anschlägen herrsche in Norwegen Trauer und Verzweiflung, sagte Merete Kristin Wilhelmsen, Gesandte und Leiterin der politischen Abteilung der norwegischen Botschaft in Berlin im Deutschlandfunk. Auch nach dem Geschehenen solle die norwegische Gesellschaft für Offenheit stehen. "Wir müssen weiterkämpfen für unsere Werte, für unsere politischen Werte, und das soll sich nicht ändern."

Debatte über Innere Sicherheit

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat angesichts der Anschläge in Norwegen eine intensivere Beobachtung des Internets verlangt. "Die Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung ist richtig, völlig unabhängig von dem Geschehen in Norwegen", bekräftigte Herrmann im Bezug auf die Debatte über die Innere Sicherheit in Deutschland.

Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel hält es für wichtig, das Internet stärker als öffentlichen Raum zu sehen und eine Kultur des Hinsehens zu schaffen. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk warnte er aber vor gesetzgeberischem Aktionismus.

Der ARD-Extremismusexperte Stefan Schölermann weist im Deutschlandfunk darauf hin, wie schwer es für die Polizei sei, Einzelgänger wie den Norweger Anders Behring B. an einem Amoklauf zu hindern. Wenn ein mutmaßlicher Attentäter nicht mit anderen kommunizieren würde, sei es unmöglich, durch V-Männer an ihn heranzukommen.

Mehr zum Thema:
Ein Land trauert - Norwegen nach dem Tag des Schreckens (Hintergrund, DLF, vom 23.7.2011)

Anders B. und das Internet - Mutmaßlicher Attentäter von Norwegen hatte Affinität zu sozialen Netzwerken (Forschung Aktuell, DLF)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 12:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Jens Spahn (CDU)"Rechtliche Hürden für Abschiebungen abbauen"

Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied (picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa)

Jeder, der nicht vor Krieg und Verfolgung flüchte, müsse wieder aus Deutschland ausreisen, sagte CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn im Deutschlandfunk. Dafür müssten auch rechtliche Hürden für Abschiebungen abgebaut werden, wie sie etwa durch ärztliche Atteste entstünden.

Big Data und PsychometrieInternetdaten als Wahlkampfhelfer?

Donald Trump während seiner Rede in New York nach seinem Wahlsieg bei der US-Präsidentschaftswahl (AFP/ Mandel Ngan)

Hat Donald Trump den US-Wahlkampf aufgrund der gezielten Auswertung von Internet-Profilen gewonnen? Ein Artikel aus dem Magazin des Schweizer Tagesanzeigers legt genau das nahe. Für den Netzaktivisten Markus Beckedahl greift die Erklärung allerdings zu kurz.

SCHNELLER AN DER KASSESpeed-Shopping

Immer erwischt ihr die langsamste Schlange im Supermarkt? Wir haben uns schlau gemacht, wie es wirklich schneller an der Kasse geht.

Entschädigungs-Urteil für AtomkonzerneTrittin: "Krachende Niederlage" für Ausstiegsgegner

Der frühere Umweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Entschädigungen für Energiekonzerne grundsätzlich begrüßt. Die Entscheidung sei eine "krachende Niederlage" für diejenigen, die versucht hätten, den Atomausstieg für verfassungswidrig zu erklären, sagte Trittin im DLF.

FrauenrechteEine freie Frau treibt nicht ab

Frauen demonstrieren für das Recht auf Abtreibung in Warschau. (imago/Pacific Press Agency)

Tausende von Frauen gehen für ihre Selbstbestimmung, etwa in Polen, auf die Straße. Radikale Konservative fürchteten, dass sie ohne staatliche oder kirchliche Kontrolle ihre Babys töten würden, sagt Gesine Palmer. Dabei würden wirklich freie Frauen anders entscheiden.

Mordfall Freiburg"Man darf nicht den Umkehrschluss ziehen, dass alle so drauf sind"

Freiburgs Oberbürgermeister Salomon (Bündnis 90/Die Grünen) (Imago / Winfried Rothermel)

Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon hat nach dem Mord an einer Studentin in seiner Stadt vor Pauschalurteilen gewarnt. Tatverdächtig ist ein junger Mann aus Afghanistan. Man dürfe Probleme nicht verschweigen, etwa beim Frauenbild von Flüchtlingen. Aber die Reaktionen in sozialen Netzwerken seien "ekelerregend", sagte Salomon im DLF.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Doppelte Staatsbürgerschaft  SPD und Grüne empört über CDU-Beschluss | mehr

Kulturnachrichten

Börsenverein schätzt jeden vierten NRW-Verlag als bedroht ein  | mehr

Wissensnachrichten

Ernährung  Männer essen in Gesellschaft mehr | mehr