Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ägypten drängt Hamas zur Waffenruhe

Mehr als 70 Tote seit Beginn Israels Großoffensive

Proteste der Hamas im Gazastreifen (picture alliance / dpa / Alaa Badarneh)
Proteste der Hamas im Gazastreifen (picture alliance / dpa / Alaa Badarneh)

Während der Raketenbeschuss zwischen Gaza und Israel unvermindert andauert, gerät ein Akteur in den Mittelpunkt der Friedensvermittlung: Ägyptens Präsident Mursi soll die radikalislamische Terrorgruppe Hamas im Gazastreifen zur Waffenruhe bewegen. Mursis Muslimbruderschaft und die Hamas teilen eine gemeinsame Geschichte.

Der Begriff "Hamas" tauchte erstmals im Dezember 1987 in einem Flugblatt zum ersten palästinensischen Aufstand gegen Israel auf. Scheich Ahmed Jassin gründete die Gruppe als politischen Arm der ägyptischen Muslimbruderschaft, die zuvor selbst 40 Jahre lange in Palästina Politik machte. Der Name Hamas steht für "Harakat al Mukawamah al Islamijah", zu deutsch "Islamische Widerstandsbewegung". EU und USA stufen sie als Terrororganisation ein; ihre Anhänger feuerten seit einer Woche mehr als 200 Raketen auf Israel ab.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hält eine Kopie des Antrags seines Landes auf UN-Vollmitgliedschaft vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York in die Höhe (AP / Richard Drew)Palästinenserpräsident Mahmud Abbas mit einem Antrag seines Landes auf UN-Voll-mitgliedschaft (AP / Richard Drew)Im Januar 2006 gewann die Hamas die Parlamentswahl in den palästinensischen Autonomiegebieten, ihre Regierung wurde aber international boykottiert. Eine daraufhin gebildete Einheitsregierung der Hamas und der gemäßigten palästinensischen Organisation Fatah zerbrach. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Palästinensern fiel der Gazastreifen 2007 an die Hamas und das Westjordanland an die Fatah.

Die beiden rivalisierenden Palästinensergruppen unterzeichneten 2011 ein Versöhnungsabkommen. Im vergangenen Februar einigten sie sich, dass der Fatahvorsitzende Mahmud Abbas Chef einer Übergangsregierung wird und Wahlen stattfinden sollen. Dazu ist es bisher jedoch nicht gekommen. Die Hamas will laut Beobachtern mit jüngsten Rakentenbeschüssen Stärke beweisen.

Verhandlungen über Waffenruhe

Der Terrorgruppe gelingt es selbst nach fünf Tagen israelischer Großoffensive immer noch Raketen auf Israel zu schießen, wider Erwarten auch nach Tel Aviv und Jerusalem. Bombardements auf Munitionslager und Verstecke der Hamas konnten deren Schlagkraft nicht mindern. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu setzt auf eine Bodenoffensive und will bis zu 75.000 Reservisten mobilisieren lassen. Davor warnte US-Präsident Barack Obama; dann seien viele Tote auf beiden Seiten zu befürchten. Seit Mittwoch wurden mehr als 60 Palästinenser und drei Israelis getötet.

Netanjahu mag an eine Waffenruhe nicht denken. "Halb Israel wird beschossen, das kann nicht so weitergehen", sagte er nach einem Treffen mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius, der sich um eine Waffenruhe in Nahost bemüht. "Erst mal müssen die Raketenangriffe (auf Israel) aufhören, und dann können wir über den Rest reden."

Hamas signalisiert Zustimmung

Präsidentschaftskandidat Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / Romain Beurrier)Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / Romain Beurrier)Damit über den Rest geredet und ein Krieg in Gaza verhindert werden kann, kommt Ägypten ins Spiel: Präsident Mohammed Mursi, bis zu seiner Wahl als Präsident einer der führenden Köpfe der ägyptischen Muslimbruderschaft, soll weiterhin gute Kontakte zum palästinensischen Arm der Muslimbruderschaft haben. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo finden wegen dieser engen Verflechtung Friedensgespräche mit Hamas-Vertretern statt. Sie forderten Berichten zufolge eine Garantie, dass die "Aggression und die Morde aufhören". Eine Möglichkeit sei, dass die USA als Israels engste Verbündete ein Garant der Einhaltung einer Waffenruhe werden könnten. Eine Einigung sei noch heute oder morgen möglich. Nach ägyptischen Angaben kam ein israelischer Vertreter am Abend nach Kairo. Israel erklärte einen Stopp der Angriffe aus dem Gazastreifen zur Bedingung für eine Waffenruhe.

Internationale Friedensbemühungen

Der russische Außenminister Sergej Lawrow will sich unterdessen für ein Treffen des Nahost-Quartetts einsetzen. Dazu gehören außer Russland und den USA auch die Europäische Union und die UNO an. Das Quartett solle auch mit der Arabischen Liga über die Gewalt im Nahen Osten beraten. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon wird heute in Ägypten erwartet. Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erwog eine baldige Reise in die Region. Er forderte Ägypten auf, seinen Einfluss auf die Hamas voll auszuschöpfen. In Berlin demonstrierten bei zwei Protestkundgebungen jeweils mehrere hundert Menschen gegen die Angriffe auf Israel und auf den Gazastreifen.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:01 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Feature

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Designierter SPD-KanzlerkandidatMartin Schulz - ein Mann der klaren Worte

Martin Schulz spricht in ein Mikrofon (dpa/picture alliance/Kay Nietfeld)

Martin Schulz habe das EU-Parlament als sein Präsident sichtbarer gemacht, loben ihn sogar Abgeordnete anderer Parteien. Er sei ein Mann mit Ecken und Kanten. Nach seinem Wechsel von Brüssel nach Berlin soll Schulz die SPD in die Bundestagswahl führen.

US-Protektionismus"Ein Trend, mit dem wir uns beschäftigen müssen"

US-Präsident Donald Trump mit dem Dekret zum Ausstieg aus dem Handelsabkommen TPP (pa/dpa/AP/Vucci)

Trumps Wirtschaftspolitik wird die Globalisierung verlangsamen, prophezeit der Ökonom Michael Burda. Aber sie werde der Weltwirtschaft zunächst einen gewissen Schub verpassen. Auch für die EU könnte sich der US-Protektionismus als vorteilhaft erweisen.

ÜberblickIm Dschungel der Freihandelsabkommen

Es war eine der ersten Amtshandlungen von Donald Trump: Aufkündigung der US-Beteiligung aus TPP. Nicht zu verwechseln mit TTIP. Bei der Gesamtzahl an Freihandelsabkommen, die den globalisierten Handel regeln, kann man auch leicht den Überblick verlieren. Etwa 600 Stück gibt es mittlerweile.

EU-Krise"Keine dieser Aufgaben kann ein Nationalstaat alleine bewältigen"

Der Europa-Abgeordnete Elmar Brok während einer Tagung zum Thema Europa in Tutzing (imago / Oryk Haist)

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europäischen Parlament blickt Elmar Brok mit Sorge in die Zukunft der EU. Man habe selten vor so vielen Herausforderungen gestanden. Kein Nationalstaat könne diese Aufgaben noch alleine bewältigen, sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk.

US-Protektionismus"Ein Trend, mit dem wir uns beschäftigen müssen"

US-Präsident Donald Trump mit dem Dekret zum Ausstieg aus dem Handelsabkommen TPP (pa/dpa/AP/Vucci)

Trumps Wirtschaftspolitik wird die Globalisierung verlangsamen, prophezeit der Ökonom Michael Burda. Aber sie werde der Weltwirtschaft zunächst einen gewissen Schub verpassen. Auch für die EU könnte sich der US-Protektionismus als vorteilhaft erweisen.

Männerbewegung in der katholischer Kirche Auf der Suche nach der verlorenen Männlichkeit

Schulpfarrer Philippe de Maistre befürwortet Geschlechtertrennung im Unterricht und Initiationsrituale für Jungen. (Bettina Kaps)

Eine neue Männerbewegung breitet sich unter französischen Katholiken aus. Ihre These: In Gottesdiensten und in der Seelsorge würden vor allem weibliche Tugenden propagiert, Männlichkeit habe ein negatives Image. Und so gibt es immer mehr Angebote für katholische Männer, ihre Maskulinität zu entdecken.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Große Koalition  Gabriel sieht Mitverantwortung von CDU/CSU an EU-Krise | mehr

Kulturnachrichten

Elbphilharmonie: Kritik an verkürzter Arte-Übertragung  | mehr

Wissensnachrichten

Gerüche  Pflanzen reagieren anders auf Exoten | mehr