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"Ägypten ist in einer kritischen Phase"

Der koptisch-katholische Patriarch Naguib über die Lage im Land

Von Corinna Mühlstedt

Ein koptischer Christ bei einer Demonstration in Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)
Ein koptischer Christ bei einer Demonstration in Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)

Nach Demonstrationen koptischer Christen in Kairo ist es zu Straßenschlachten gekommen, über 20 Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Antonius Naguib, koptisch-katholische Patriarch von Alexandria, ist besorgt über dieses Erstarken extremistischer Kräfte.

"Ägypten ist in einer kritischen Phase. Das Land befindet sich im Übergang. Es gibt verschiedene Kräfte, die für einen demokratischen Staat eintreten. Daneben versuchen aber leider auch die radikalen Islamisten, Einfluss zu gewinnen. Insgesamt fühlen wir Christen uns derzeit nicht ernsthaft bedroht oder verfolgt. Aber das Erstarken dieser extremistischen Kräfte beunruhigt uns."

Antonius Naguib ist das Oberhaupt der mit Rom unierten koptisch-katholischen Kirche, zu der in Ägypten rund 250.000 Gläubige gehören. Insgesamt stellen die Christen in dem Land am Nil über zehn Prozent der Bevölkerung, stärkste Kraft ist die koptisch-orthodoxe Kirche mit etwa acht Millionen Mitgliedern. Nach dem Sturz des alten Regimes herrschte unter den Christen aller Konfessionen eine gewisse Aufbruch-Stimmung. Doch inzwischen wächst die Sorge:

"Nach der Revolution sind in Ägypten plötzlich immer mehr radikale Gruppen zum Vorschein gekommen. Das war für uns neu. Wir kannten sie nicht. Und leider werden sie jetzt immer stärker. Sie arbeiten vor allem mit dem einfachen Volk an der Basis. Ja, sie treten inzwischen sogar so selbstbewusst auf, als stünden sie für die Mehrheit der Ägypter. Aber ich glaube, das entspricht nicht der Realität."

Trotzdem: Der Rückhalt dieser Gruppen im Volk wächst. Denn viele Ägypter sind von der Revolution enttäuscht. Die neu gewonnene Freiheit hat bisher weder die Armut noch die Arbeitslosigkeit beseitigt. Im Gegenteil: Ägyptens Wirtschaft steckt in einer schweren Krise.
Darüber hinaus fehlt es vor allem in den ländlichen Regionen an Aufklärung und Bildung. Noch vor einigen Jahren schätzte man die Analphabeten-Quote am Nil auf etwa 50 Prozent. Die studierte, junge Internet-Generation, die im Januar das Regime zu Fall brachte, ist eine Minderheit. Die Mehrheit sehnt sich nach materieller Hilfe und klarer Orientierung. Beides scheinen die Islamisten zu bieten:

"Das Problem ist nicht nur das Analphabetentum oder die mangelnde Bildung im Volk. Das Problem ist die Mentalität der meisten Leute. Um eine Demokratie aufzubauen, muss man reif und aufgeklärt denken, selbstständig entscheiden können. Und das haben in Ägypten bisher die wenigsten gelernt."

Eine Institution, die seit Langem versucht, das Bildungs-Niveau in Ägypten zu heben, ist die renommierte Universität von Al Azhar mit ihrer über tausendjährigen Tradition. Sie ist weltweit die führende Lehrinstanz des sunnitischen Islams, zu dem die überwiegende Mehrheit der rund 80 Millionen Ägypter gehört.

Im Juli hat Al Azhar eine Erklärung zur Zukunft Ägyptens verabschiedet und darin deutlich einen "konstitutionellen, demokratischen und modernen" Staat befürwortet. Das Dokument bekennt sich zwar zu den Grundwerten des Islams, erkennt aber ausdrücklich die Rechte anderer Religionen an. Patriarch Naguib, der auch Vorsitzender der katholischen Hierarchie Ägyptens ist, sieht in der Erklärung ein wichtiges Signal:

"Im Großen und Ganzen war der Islam in Ägypten bisher nie radikal, sondern sehr moderat. Das hat auch Al Azhar immer wieder bewiesen. Das neue Dokument enthält viele moderne und gemäßigte Elemente, die wir als Christen sehr unterstützen. Es kann die Entwicklung des Staates positiv beeinflussen."

Im Vertrauen auf die Reformkräfte innerhalb des Islams, so der Patriarch, hätten Ägyptens Christen auch einheitlich beschlossen, keine eigene Partei zu gründen. Stattdessen ermutigen die Bischöfe alle Gläubigen, sich mit Blick auf die bevo-stehenden Parlamentswahlen in den gemäßigten, demokratischen Parteien zu engagieren:

"Unter den Parteien gibt es heute zwei starke Strömungen: jene, die für einen wirklich demokratischen Staat eintreten und die radikal-islamistischen Kräfte. Wir wünschen uns natürlich, dass die demokratischen Parteien bei der Wahl die Mehrheit erlangen. Aber die Moslembrüder und die Salafiten müssen in einem demokratischen System ebenfalls ihren Platz haben. Demokratie gilt für alle. Deshalb können wir letztlich nur hoffen, dass sie bereit sind, sich in ein solches demokratisches System einzugliedern."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr

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