Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ägypten: Neue Verfassung in Kraft

Internationale Aufrufe zur Versöhnung

Ein Ägypter bei der Stimmabgabe zum Verfassungsreferendum (picture alliance / dpa /Khaled Elfiqi)
Ein Ägypter bei der Stimmabgabe zum Verfassungsreferendum (picture alliance / dpa /Khaled Elfiqi)

Nach der Volksabstimmung über eine islamistisch geprägte Verfassung in Ägypten haben europäische und amerikanische Politiker an die verfeindeten Lager appelliert: Präsident Mohammed Mursi habe die Verantwortung, Brücken zu bauen.

Auf dem Tahrirplatz wurden alte Zöpfe abgeschnitten. Mit normalen Bastelscheren ging es in die Haare, einen Augenblick später landeten die Strähnen auf dem Boden des berühmtesten Platzes mitten in Kairo. Dutzende Frauen waren dabei, Bilder gingen via Twitter durch das Internet.

Das Haare-Abschneiden war eine politische Aktion anlässlich der neuen Verfassung, die in Ägypten gilt - allerdings keineswegs als Zustimmung, sondern als scharfer Protest. Die teilnehmenden Frauen fürchten um ihre Freiheitsrechte, weil Islamgelehrte jetzt mehr Einfluss auf Staat und Gesellschaft bekommen. Liberale, Linke, Christen, Frauen … - es sind viele Gruppen, die die politische Entwicklung mit Sorge betrachten.

Niedrige Wahlbeteiligung

Die ägyptische Verfassung war offiziellen Angaben zufolge von 63,8 Prozent der Wähler angenommen worden. Von den rund 51 Millionen Wahlberechtigten hätten 32,9 Prozent an der Abstimmung, die in zwei Wahlgängen stattfand, teilgenommen, berichtet Peter Steffe aus Kairo. Dieser niedrige Wert dürfte auch hinter den Erwartungen von Mursis Freiheits- und Gerechtigkeitspartei liegen. Anfang des Monats hatte ein führendes Mitglied noch gesagt, eine Beteiligung unter 70 Prozent wäre "nicht gut".

Ägyptens Regierungschef Hischam Kandil sagte, nach dem Referendum gebe es weder Sieger noch Verlierer. "Die Verfassung ist für uns alle da." Damit sich die angeschlagene Wirtschaft des Landes erholen könne, müssten nun alle politischen Kräfte des Landes miteinander sprechen.

Mursi hatte nach Verkündung der Ergebnisse die Verfassung unterschrieben und damit in Kraft gesetzt. Inzwischen übernahm das islamistisch dominierte Oberhaus die parlamentarischen Aufgaben. Seine 270 Mitglieder sollen so lange Gesetze beschließen, bis ein neues Unterhaus gewählt ist. Diese Wahl soll innerhalb von zwei Monaten stattfinden. Die erste Parlamentswahl nach dem Sturz von Machthaber Mubarak war von einem Gericht für ungültig erklärt worden.

Appelle aus dem Ausland

Die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Catherine Ashton, sagte an Mursi gerichtet, er möge das Vertrauen in die Demokratie wiederherstellen. Es müsse weitere Fortschritte geben, diese tief zu verankern. Die USA forderten Mursi auf, die Differenzen im Land zu überbrücken. "Die Zukunft der ägyptischen Demokratie hängt von einem breiteren Konsens über die neuen demokratischen Regeln und Institutionen ab", erklärte ein Sprecher des US-Außenministeriums.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte in Berlin, Mursi müsse jetzt auf die verschiedenen politischen Kräfte zugehen. Es gehe darum, alle Ägypter einzubinden, um die Gräben im Land zu überwinden.

Kritiker und Unterstützer der neuen Verfassung hatten in den vergangenen Wochen wiederholt für ihre Ansichten demonstriert. Die Massenkundgebungen waren nicht immer friedlich geblieben. Rund um die Volksabstimmung hatte es außerdem einen Konflikt zwischen Präsident Mursi und der Richterschaft des Landes gegeben. Binnen zwei Monaten muss es jetzt Parlamentswahlen geben.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 03:05 Uhr Weltzeit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Unisex-Mode von Esther Perbandt"Egal, ob es für Mann oder Frau ist"

Die Modeschöpferin Esther Perbandt  (Birgit Kaulfuss )

Rote Röckchen für die Weiblein, blaue Hosen für den Mann - nicht, wenn die Mode von Esther Perbandt entworfen wird. Ihre Unisex-Kleidung verfolge kein Konzept, es gehe ihr einfach darum, einem Charakter eine Hülle zu verleihen.

Schweres ErdbebenItalien wird nicht zerreißen

Ganze Dörfer sind zerstört - Retter suchen weiterhin nach Überlebenden. Bis zu 247 Menschen sind in Zentralitalien durch das Erdbeben gestorben. Manche behaupten nun, das Land könnte zerreißen. Eine gewagte These, sagt Erdbeben-Seismologe Frederik Tilmann.

Erste Sendung nach SommerpauseBöhmermann ohne Biss

Der Satiriker Jan Böhmermann bei einem TV-Auftritt. (Imago Stock & People)

Sex, Hitler und Erdogan - in der ersten Folge vom "Neo Magazin Royale" lieferte Jan Böhmermann Aufregerthemen ohne viel dahinter. Der Satiriker rappte gut, doch die meisten Gags waren öde. Eine ganz hübsche Anspielung auf die Schmähkritik-Affäre gelang ihm dennoch.

Zum Tod von Walter Scheel"Er war schon ein toller Bursche!"

Der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Burkhard Hirsch (r, FDP) spricht am 30.05.2015 in Berlin bei der Demonstration gegen Massenüberwachung durch Geheimdienste mit einem Teilnehmer. (dpa)

Walter Scheel sei ein hervorragender und äußerst entschlossener Politiker gewesen, sagte sein langjähriger Weggefährte Burkhard Hirsch (FDP) im DLF. Gegen alle Widerstände der Konservativen habe er gemeinsam mit Willy Brandt die Grundlagen für die deutsche Wiedervereinigung gelegt. 

Chinesischer Dissident Liao YiwuErinnerungen an Willkür und Folter

Der Schriftsteller Liao Yiwu zu Gast im Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Der chinesische Autor und Dissident Liao Yiwu wurde international bekannt mit seiner literarischen Dokumentation "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser". Nun ist sein erster Roman, "Die Wiedergeburt der Ameisen" erschienen - Unterdrückung ist wieder das Thema.

Interview mit Merve KayikciKonservative Muslimas tragen keinen Burkini

Die Studentin und Bloggerin Merve Kayikci (Privat)

Kaum ein Kleidungsstück wird hysterischer diskutiert als der Burkini. Die Bloggerin Merve Kayikci alias "Primamuslima" freut sich über das Kleidungsstück. So könne sie sich im Schwimmbad integrieren, statt sich isolieren zu müssen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Europa  Steinmeier sieht den Frieden bedroht | mehr

Kulturnachrichten

"Toni Erdmann" ist für die Jury modern und universell  | mehr

Wissensnachrichten

Erderwärmung  Es ging schon früher los | mehr