Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ägypten vor der entscheidenden Verfassungsabstimmung

Verletzte bei Massenschlägerei in Alexandria

Ausschreitungen bei Demonstrationen in Alexandria (picture alliance / dpa /Str)
Ausschreitungen bei Demonstrationen in Alexandria (picture alliance / dpa /Str)

Einen Tag vor der entscheidenden Abstimmung über die neue Verfassung gingen Gegner und Anhänger von Präsident Mursi in Alexandria auf die Straße. In den ländlichen Gebieten, in denen heute gewählt wird, scheint ein "Ja" zur muslimisch geprägten Verfassung sicher.

Einen Tag vor der entscheidenden Runde des Verfassungsreferendums sind in Ägypten erneut Gegner und Anhänger das ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi auf die Straße gegangen. In der Hafenstadt Alexandria trommelte die hinter Mursi stehende Muslimbruderschaft ihre Anhänger zusammen. Auch Mursi-Gegner versammelten sich in den Straßen. Bei einer Massenschlägerei wurden mindestens 68 Menschen verletzt. Die Polizei versuchte, die Kontrahenten, die Steine und Brandbomben warfen, mit Tränengas auseinanderzutreiben. Bei dem Konflikt geht es um eine neue Verfassung für Ägypten, über die rund 51,3 Millionen Ägypter seit dem 15. Dezember in zwei Etappen abstimmen sollen.

In den ländlichen Gebieten haben die Muslimbrüder großen Rückhalt

Beim ersten Teil der Abstimmung, vor einer Woche, waren die Bürger aus zehn der insgesamt 27 Provinzen zur Wahl aufgerufen, darunter auch die Menschen in Kairo und Alexandria. Dabei votierte nach ägyptischen Medienberichteneine Mehrheit von 56 Prozent für den neuen Verfassungsentwurf. Heute stimmen die Bewohner in 17 eher ländlich geprägten Provinzen über den Entwurf ab. Dort haben die Islamisten noch stärkeren Rückhalt, wie DLF-Korrespondent Peter Steffe berichtet. Bei der zweiten Abstimmungsrunde sei deshalb von einem Ja für den Verfassungsentwurf auszugehen.

Wahlzettel für das Verfassungsreferendum in Ägypten (picture-alliance/dpa/Andre Pain)Wahlzettel für das Verfassungsreferendum in Ägypten (picture-alliance/dpa/Andre Pain)Begleitet wurde die erste Abstimmung von Manipulationsvorwürfen. Richter beklagten, dass 26 Wahllokale in Kairo, Alexandria und zwei weiteren Provinzen ohne juristische Aufsicht gewesen seien. Das Justizministerium wies dies zurück. Das Oppositionsbündnis Nationale Heilsfront sprach von unversiegelten Wahlurnen mit Stimmzetteln und weit verbreiteter Beeinflussung der Wähler.

Obwohl Wahlpropaganda in Gotteshäusern in Ägypten verboten ist, mischten sich erneut Prediger in die Politik ein. Das Nachrichtenportal "youm7" berichtete, in Suez sei es deshalb in mehreren Moscheen zu Streit zwischen dem Prediger und den Betenden gekommen. Ein Prediger habe den Gläubigen sogar gesagt, wer mit "Ja" stimme, komme ins Paradies.

"Unsere Seelen und unser Blut opfern wir dem Islam"

Präsident Mursi und seine Anhänger sehen in dem neuen Grundgesetz einen entscheidenden Schritt in Richtung Demokratie – fast zwei Jahre nachdem ein Volksaufstand den langjährigen Präsidenten Husni Mubarak zu Fall gebracht hat. Die Opposition kritisiert die Verfassung, die überwiegend von Muslimen erarbeitet wurde, als Weg zu einer noch tieferen Spaltung der Gesellschaft und zu noch mehr Gewalt. Sie bemängelt, dass die Rechte von Frauen sowie von Minderheiten - darunter zehn Prozent Christen - missachtet werden.

Auf den Straßen Alexandrias waren Äußerungen zu hören, die die Zerrissenheit des Landes deutlich machten: "Die Leute wollen die Einführung der Scharia", skandierten die Islamisten. "Unsere Seelen und unser Blut opfern wir dem Islam." Auf der anderen Seite sagte ein Demonstrant, er lehne die Verfassung ab, Mursi habe seine Legitimität verloren und werde gestürzt. Die jüngsten Proteste hatten begonnen, als der Präsident Ende November seine Macht per Dekret ausbaute und den Verfassungsentwurf durch das zuständige Gremium peitschte.

Mehr zum Thema auf dradio.de

"Wir wollen diese Verfassung nicht" - Regierungsgegner demonstrieren in Ägypten
Angst vor Rückfall in Mubaraks Zeiten - Niebel warnt vor Diktatur in Ägypten
Ägypten bleibt gespalten - Offenbar Mehrheit für Verfassungsentwurf - Opposition beklagt Manipulationsvorwürfe
Großproteste in Ägyptens Hauptstadt - Opposition ruft zum Marsch auf den Präsidentenpalast auf

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:05 Uhr Studio LCB

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 21:30 Uhr Die besondere Aufnahme

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Sahra Wagenknecht"Europa ist wesentlich unsozialer und brutaler geworden"

Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht. (Imago / Metodi Popow)

Nach dem britischen Votum für einen Brexit hat die Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Sahra Wagenknecht, ein sozialeres Europa angemahnt. Gerade Regionen mit einer hohen Arbeitslosigkeit hätten für den Austritt aus der EU gestimmt, sagte sie im DLF. Der Sozialstaat dürfe nicht weiter zerstört, sondern müsse wiederhergestellt werden.

Reaktionen in den USADie Beziehung zu den Briten kühlt ab

US-Präsident Obama wirbt in einer außenpolitischen Rede in Hannover für einstarkes und geeintes Europa. (AFP PHOTO/ Jim Watson)

Washington reagiert besorgt auf das Brexit-Votum. Nicht nur zu Großbritannien wird die Beziehung der USA komplizierter, sondern auch zur EU. Innenpolitisch könnte allerdings einer profitieren.

Referendum als perfekter Serien-TwistGame of Brexit

Leave! Bei Game of Thrones wäre die Brexit-Abstimmung der perfekte Cliffhanger gewesen. Und wie in der Serie verlieren die Guten viel zu oft. Unser Autor Stephan Beuting ist trotzdem gaaanz leicht optimistisch.

Multimedia-ReportageGrimme Online Award für Deutschlandradio Kultur

Tausende Sizilianer zogen in den 1960er-Jahren nach Solingen, um dort zu arbeiten. Was wurde aus ihrem Heimatgefühl, was aus ihren Träumen? Darum geht es in der ausgezeichneten Multimedia-Reportage.

Der Grimme Online Award geht unter anderem an eine Multimedia-Reportage vom Deutschlandradio Kultur. "Trappeto-Solingen-Trappeto" erzählt von Zuwanderern aus Sizilien, die nach Solingen kamen.

EU-Austritt Großbritanniens"Schotten könnten Unabhängigkeit vom Königreich verlangen"

Graham Watson, Vorsitzender der Liberalen-Fraktion im Europäischen Parlament (ALDE) (imago stock & people)

In Schottland hat es beim Referendum eine große Mehrheit für den Verbleib in der EU gegeben. Wenn die Engländer nun auf den EU-Austritt bestünden, dann könnte es dazu kommen, dass es kein Vereinigtes Königreich mehr geben werde, sagte Graham Watson, britischer Abgeordneter der Liberaldemokraten im EU-Parlament, im DLF.

BayernVom Freistaat zum freien Staat?

Sogenannte "Schellenrührer" ziehen am beim Faschingstreiben in Mittenwald durch den Ort. Mit dem Lärm der großen Kuhglocken sollen nach altem Brauch die bösen Wintergeister ausgetrieben werden. (dpa / picture alliance /  Angelika Warmuth)

Bayern ist zwar nicht Großbritannien - doch für mehr Unabhängigkeit vom Bund sprechen sich rund 40 Prozent der Bayern aus. Folgt nach dem Brexit bald der bayerische Ausstieg?

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  Belgischer Diplomat soll für EU Austrittsgespräche mit Großbritannien führen | mehr

Kulturnachrichten

Homosexuelle wollen vor türkischer Botschaft protestieren  | mehr

Wissensnachrichten

Evolution  Haare, Federn und Schuppen haben ziemlich viel gemeinsam | mehr