Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ägyptens Kompromiss-Kabinett

Regierung wird erstaunlich unislamisch besetzt

Der Schatten Mubaraks: Die alte Garde ist auch in der neuen Regierung mächtig. (dpa / Matthias Tödt)
Der Schatten Mubaraks: Die alte Garde ist auch in der neuen Regierung mächtig. (dpa / Matthias Tödt)

Premier Hischam Kandil hat seine Minister gewählt – und mit großer Sorgfalt alle politischen Parteien und Minderheiten bedacht. Nur die islamistische Muslimbruderschaft kommt überraschend kurz. Das größte Bündnis im ägyptischen Parlament ist in der Regierung nur am Rande vertreten.

<p>Er will es allen recht machen. Bei der Besetzung des Kabinetts von Premierminister Hischam Kandils ist für jeden etwas dabei: Islamisten, Christen, Mitglieder der alten Garde, Bürokraten und Frauen. Ägyptische Staatsmedien haben eine vorläufige Liste mit Namen der künftigen Minister verbreitet, bevor der Präsident sie heute offiziell vereidigt. Auch wenn die Liste noch Lücken aufweist, zeichnet sich ab, dass die Zusammensetzung der Regierung viele überraschen wird. <br /><br /></p><p><strong>Randressorts gehen an Islamisten</strong></p><p>An die Muslimbruderschaft gehen laut der Veröffentlichung zunächst nur zwei Ministerposten, obwohl ursprünglich 20 mögliche Minister aus den Reihen vorgestellt worden waren. Dazu kommt: Die Ressorts höhere Bildung und Wohnungsbau zählen nicht zu den einflussreichsten. Medienberichten zufolge könnten die Muslimbrüder zusätzlich das Jugendministerium bekommen, dennoch bliebe die Beteiligung der Islamisten äußerst bescheiden. Dahinter könnte Kandils Absicht stehen, Kritik an der Dominanz der Islamisten in der ägyptischen Politik den Wind aus den Segeln zu nehmen. <br /><br /><papaya:media src="b6e34b9a26f6fa28923d98f94b9e8da3" rspace="5" bspace="5" width="144" height="108" align="left" resize="abs" subtitle="Richter Ahmed Mekky kam 2006 selbst in Bedrängnis, als er Mubarak Wahlfälschung vorwarf." popup="yes" /></p><p><strong>Militärrat weiter stark vertreten</strong></p><p>Schlüsselministerien sollen dagegen offenbar Kandidaten des Militärrats und damit der alten Riege von Ex-Präsident Hosni Mubarak besetzen. Eine Wahl, über die die Revolutionäre vom Tahrir-Platz wenig begeistert sein werden. Äußeres und Finanzen bleiben bei den Amtsinhabern, die vom Militärrat unterstützt werden. Das Oberhaupt des Verteidigungsministeriums ist in der vorläufigen Liste nicht erwähnt – zuvor hatten Medien aber berichtet, dass der Chef des Militärrats, Hussein Tantawi, den Ministerposten behalten soll. Investoren und internationale Verbündeten könnten die Kontinuität begrüßen. Schließlich bedeutet sie auch Stabilität. <br /><br />Ein Gegenpol zu den Köpfen der alten Garde könnte der mutmaßliche künftige Justizminister sein. Wie der Sender "Al Arabiya" berichtet, hat der Richter Ahmed Mekky angegeben, das Ressort zu übernehmen. Während der Mubarak-Zeit hat er einige regierungskritische Urteile gefällt und Wahlfälschungen des damaligen Präsidenten öffentlich kritisiert. <br /><br /></p><p><strong>Kein Platz für Salafisten</strong></p><p>Demonstrativ säkular gibt sich die Regierung auch bei der Besetzung zweier Ministerien durch Frauen. Eine von beiden vertritt außerdem die koptischen Christen. Die Minderheit steht der Muslimbruderschaft skeptisch gegenüber. Sie befürchtet eine Islamisierung des Landes. Geschürt wird die Angst auch von den wiederholten Angriffen von Muslimen auf ägyptische Christen. <br /><br />Für die radikalen Salafisten dürfte die Bekanntgabe eine Enttäuschung sein. Sie hatten Mohamed Mursi <a class="link_audio_beitrag" href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/07/13/drk_20120713_0710_cd22c258.mp3" title="Ägypten: Salafisten rufen zur "Millionen-Demonstration" auf (MP3-Audio)">bei seiner Wahl zum Präsidenten unterstützt</a>, gehen aber bei den Posten leer aus. Im Gespräch war die Leitung des Ministeriums für religiöse Stiftungen. Es wird vermutet, dass Kandil Abstand von der Idee nahm, nachdem die Überlegungen eine Welle der Entrüstung von religiösen und politischen Persönlichkeiten in Ägypten ausgelöst hatte. Die Salafistenpartei Al-Nour selbst behauptet dagegen, sie hätten einen Posten abgelehnt, weil ihnen der gewünschte nicht angeboten worden sei. <br /><br />Die Muslimbrüder bleiben aber Beobachtern zufolge trotzdem eine mächtige Kraft in Ägypten. Kandil stammt zwar selbst nicht aus der Partei, soll aber enge Verbindungen zu ihr haben. Vor seiner Nominierung als Premier war er Bewässerungsminister und kaum bekannt.</p>


Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr In Concert

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Debatte um europäische AnnäherungWelches Europa wollen wir?

Verschiedenfarbige Köpfe, im Hintergrund: Sterne der EU-Flagge. (imago/Ikon Images)

Während man sich in Deutschland noch in Sachen Regierungsbildung abmüht, macht Emanuel Macron Druck. Er will ein neues Kapitel in Europa aufmachen. Und das möglichst bald. Davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen meint allerdings der Publizist und Historiker Klaus Rüdiger Mai.

Studie über KinderarmutEinmal arm, lange arm

Kinder stehen in einem Kindergarten in Hamburg. (dpa-Bildfunk / Christian Charisius)

Gut 20 Prozent aller Kinder in Deutschland leben laut einer Studie länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Für weitere 10 Prozent sei Armut zumindest ein zwischenzeitliches Phänomen, heißt es in einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Fazit: Wer einmal arm sei, bleibe es in den meisten Fällen für lange Zeit.

Aus den FeuilletonsDer nächste US-Import: Polarisierung

Zwei Stiere verkeilt im Konflikt (imago stock&people / Copyright Marcus Butt)

Die "Welt" blickt mit Sorge auf die USA und würdigt einen Autor, der die Polarisierung des Landes beschreibt und analysiert. Die "Süddeutsche" diskutiert den aktuellen Tatort und die "FAZ" war auf einer Preisverleihung.

Asteroid in optimaler OppositionDer Iris-Planet im Widder

Der Asteroid Iris (roter Punkt) steht gerade im Sternbild Widder  (Stellarium)

Im Sommer 1847 entdeckte der Brite John Russell Hind den Himmelskörper Iris. Er war das siebte Objekt zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter – und galt in den ersten Jahren nach der Entdeckung noch als Planet.

Gelungene Opernpremiere in Stuttgart Halbe Inszenierung ohne Regisseur Kirill Serebrennikow

Die Opernsängerin Esther Dierker (Gretel) probt am 19.03.2017 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) eine Neuinszenierung der Oper "Hänsel und Gretel". Die Inszenierung war von dem in Moskau in Hausarrest sitzenden Regisseur Kirill Serebrennikow geplant. Die Oper hielt trotzdem an der Neuinszenierung der Oper «Hänsel und Gretel» fest. Die Premiere der unvollendeten Arbeit ist am 22.10.2017. (zu dpa: "Oper "Hänsel und Gretel" vom 23.10.2017) Foto: Bernd Weißbrod/dpa | Verwendung weltweit (dpa)

Die Stuttgarter Oper hat die Märchenoper "Hänsel und Gretel" inszeniert. Weil aber der Regisseur der Inszenierung, Kirill Serebrennikow, in Russland unter Hausarrest steht, führte das Haus das Stück als eine Art Fragment auf und unterstützte damit die Forderung nach einer Freilassung des Künstlers.

Lage der Rohingyya in Myanmar Das Elend der Ungewollten

Das Bild zeigt muslimische Kinder im Lager Da Paing IDP bei Sittwe im Bundesstaat Rakhine.  (AFP / Hla Hla Htay)

Vor der Militärgewalt sind fast 600.000 Rohingya nach Bangladesh geflohen. Aber auch innerhalb Myanmars gibt es Flüchtlinge, die sich zu Tausenden in die Lager bei Sittwe gerettet haben. Hungernd, lethargisch und gehasst inzwischen auch von der buddhistischen Bevölkerung warten sie auf Hilfe.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

SPD  Oppermann setzt sich durch | mehr

Kulturnachrichten

Umstrittener Film "Matilda" erlebt Uraufführung | mehr

 

| mehr