Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ägyptens Regierung verteidigt Gewalt gegen Mursi-Anhänger

Muslimbrüder kündigen weitere Proteste an

Soldaten durchkämmen das geräumte Lager der Mursi-Anhänger in Kairo. (AFP)
Soldaten durchkämmen das geräumte Lager der Mursi-Anhänger in Kairo. (AFP)

Die ägyptische Übergangsregierung hat die gewaltsame Auflösung der beiden Protestlager der Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi gerechtfertigt. Nach Behördenangaben sind landesweit mehr als 400 Menschen bei den Kämpfen rund um die Räumung der Camps ums Leben gekommen.

Übergangs-Ministerpräsident Hasem al Beblawi sagte am Abend im Staatsfernsehen, es habe keine Alternative zur Räumung der Protestcamps gegeben. Die Entscheidung sei getroffen worden, um eine Anarchie zu verhindern. Er betonte jedoch, man halte an dem Ziel fest, einen demokratischen, zivilen Staat zu errichten.

Trotz des harten Vorgehens des ägyptischen Militärs haben die Muslimbrüder weiteren Protest angekündigt. Die Mursi nahestehende Bewegung werde nicht ruhen, bis "der Militärputsch" der Vergangenheit angehöre, erklärte ein Sprecher über den Kurznachrichtendienst Twitter. Er betonte, dass die Muslimbrüder dabei "stets gewaltfrei und friedlich" vorgehen würden.

Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor fünf Wochen errichtet, um für die Wiedereinsetzung des Anfang Juli vom Militär abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi zu demonstrieren. Während der Räumung kam es gestern landesweit zu schweren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Mursi-Anhängern. Das ägyptische Gesundheitsministerium gibt die Zahl der Toten inzwischen mit 421 an. Die islamistische Muslimbruderschaft sprach sogar von einem Massaker mit mehr als 2000 Toten. Rund 2000 Menschen sind arabischen Medienberichten zufolge verletzt worden.

Ausnahmezustand und Rücktritt von El Baradei

Mohammed El Baradei ist nur einer von mehreren Kandidaten für den Posten des Regierungschefs (AFP / Gianluigi Guercia)Mohammed El Baradei. (AFP / Gianluigi Guercia)Als Reaktion auf die Ausschreitungen hatte Präsident Adli Mansur den Ausnahmezustand über das Land verhängt und angeordnet, dass das Militär die Polizei unterstützt. Für Kairo und zehn weitere Provinzen wurde zusätzlich eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Aus Protest gegen die gewaltsame Räumung der Lager trat der ägyptische Friedensnobelpreisträger und Vizepräsident Mohamed El Baradei zurück.


Entsetzte Reaktionen auf Eskalation der Gewalt

Man habe auf grauenhafte Art und Weise gesehen, dass die ägyptische Regierung die Probleme im Land nicht alleine lösen könne,sagte Ronald Meinardus von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Kairo im Deutschlandfunk-Interview. Internationale Vermittlungsversuche seien aber bisher gescheitert.

Angesichts der instabilen Lage in Ägypten forderte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) ließ den ägyptischen Botschafter ins Auswärtige Amt in Berlin einbestellen. Während seines Tunesien-Besuchs sagte Westerwelle, er wollte damit deutlich machen, dass das Blutvergießen ein Ende haben müsse. Auch in Frankreich hatte Präsident François Hollande persönlich den ägyptischen Botschafter wegen der Gewalt in Ägypten zu sich bestellt.

Bereits gestern hatten westliche Politiker und Entscheidungsträger besorgt reagiert und zur Mäßigung aufgerufen. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen zeigte sich beunruhigt über die Gewaltausbrüche in Ägypten. "Ich bin tiefbesorgt über die Situation und die anhaltenden Bericht über Blutvergießen", teilte er in Brüssel mit. Die Europäische Union forderte Zurückhaltung. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon drückte sein Bedauern aus. US-Außenminister John Kerry verurteilte die Gewalt. Der Ausnahmezustand müsse so schnell wie möglich enden. Nötig sei eine rasche Rückkehr zur politischen Lösung der Krise, betonte er.

Verschärfte Sicherheitshinweise für Reisen nach Ägypten

Nach dem jüngsten Gewaltausbruch in Ägypten hat das Auswärtige Amt seine Reisehinweise erneut verschärft. "Für Kairo steht zu befürchten, dass sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert", erklärte das Außenministerium in Berlin. Im ganzen Land sei weiter mit Demonstrationen von Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi und Einsätzen der Sicherheitskräfte zu rechnen, die auch einen gewalttätigen Verlauf nehmen könnten. Die Lage bleibe im Moment sehr unübersichtlich.


Mehr zum Thema auf dradio.de:

"Erste Züge eines Bürgerkrieges"
Ronald Meinardus von der Friedrich-Naumann-Stiftung über die Lage in Ägypten
Hunderte Tote in Ägypten - El Baradei tritt zurück
Ausnahmezustand über das Land verhängt
Vermittlungsgespräche in Ägypten gescheitert
Führung in Ägypten kündigt hartes Vorgehen gegen die Muslimbrüder an
Hintergrund: Machtkampf am Nil
Chronologie: Unruhen in Ägypten

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr Musik-Panorama

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 21:30 Uhr Kriminalhörspiel

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

#PiU05Schafft die CDU die Wende?

Puderzucker wird über eine "CDU-Waffel" beim Tag der offenen Tür am 04.07.2015 im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin gestreut. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Die CDU hat sich in den zwölf Jahren der Kanzlerschaft von Angela Merkel weiterentwickelt. Im September will sie bei den Wählern mit Humanität und Härte gegenüber geflüchteten Menschen punkten.

Trump-Beraterin über "alternative Fakten"Eine Lüge ist eine Lüge

Kellyanne Conway mt ihrem Boss Donald Trump (picture alliance / dpa / Chris Kleponis)

"Alternative Facts", diese Sprachschöpfung von Trump-Beraterin Kellyanne Conway, birgt Sprengstoff in sich. Wenn eine Regierung, zumal die der letzten Supermacht, Tatsachen nicht mehr anerkennt, dann sei große Gefahr im Verzug, findet unser Kommentator Marco Bertolaso. Er sieht die Medien gefordert, aber auch Bundeskanzlerin Merkel.

BierbrauenEin kühles Blondes vom Mond

Auf lange Sicht könnte es auf unserem Planeten etwas eng werden, wenn sich die Menschheit weiterhin so rasant vermehrt wie in den letzten 100 Jahren. Die Weltbevölkerung wächst pro Tag um rund 230.000 Menschen an. Gut, wenn wir dann in der Lage wären, auf dem Mond Brot zu backen oder frisches Bier zu brauen.

Trump und die deutsche WirtschaftMichael Fuchs (CDU): "Trump wird die Zusammenarbeit nicht abschaffen"

Der stellvertretende Unions-Fraktionschef Michael Fuchs (dpa / picture alliance / Michael Kappeler )

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs geht davon aus, dass die Handelsbeziehungen zu den USA fortbestehen werden. Er glaube nicht, dass Präsident Trump hohe Zölle auf deutsche Einfuhren verhängen werde, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschlandfunk: "Am Ende des Tages wird Vernunft einkehren."

Beginn der Ära TrumpMit Shakespeare gegen Trump

William Shakespeare als Wachsfigur (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)

Wir reiben uns noch immer die Augen! Der neue König hat den Thron bestiegen. Seine Kumpane und seine Familie sind in Position gebracht, die Rivalen liegen im Staub. Wie kann man das begreifen? Vielleicht mit Shakespeare?

Trump und die Medien"Es ist klar, dass sie Unwahrheiten gesagt haben"

US-Präsident Donald Trump während einer Rede im CIA-Hauptquartier (imago / Olivier Douliery)

"Damit kommen wir klar", sagte der Präsident der Korrespondenten-Vereinigung im Weißen Haus, Jeff Mason, mit Blick auf den neuen US-Präsidenten Donald Trump und dessen Umgang mit der Presse. Aufgabe der Journalisten sei es, sich weiter an die Fakten zu halten. Auch wenn Trump und sein Team das selbst nicht immer täten.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Afghanistan  Proteste in Frankfurt gegen drohende Abschiebungen | mehr

Kulturnachrichten

Deutscher Bühnenverein wählt neuen Präsidenten  | mehr

Wissensnachrichten

Invasive Arten  Leipziger Zoo verfüttert seine Hirsche an Raubtiere | mehr