Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ära Mubarak beendet

Armee übernimmt das Land

Ägypter feiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak (AP)
Ägypter feiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak (AP)

Die tagelangen Proteste haben Wirkung gezeigt. Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak ist nach Angaben seines Stellvertreters Omar Suleiman zurückgetreten. Ein Militärrat soll die Amtsgeschäfte übernehmen. Die Menschenmenge in Kairo begleitete die Rücktrittsmeldung mit Jubelstürmen.

Suleiman erklärte in einer Fernsehansprache, Mubarak verzichte auf die Präsidentschaft und übergebe die Amtsgeschäfte einem Militärrat. An dessen Spitze soll Verteidigungsminister Mohamed Hussein Tantawi stehen. Die Ankündigung Suleimans wurde mit Jubelschreien von mehreren hunderttausend Demonstranten auf dem Tahrir-Platz begrüßt.

ARD-Korrespondent Jörg Armbruster war in der ARD-Tagesschau um fünf gerade live auf Sendung, als die Meldung vom Rücktritt Mubaraks eintraf. (ARD-Video: Der entscheidende Moment in Kairo)

Ägypter feiern die Nachricht vom Rücktritt des Präsidenten Hosni Mubarak auf den Tahrir-Platz in Kairo (AP)Grenzenloser Jubel in Kairo (AP)Nach Protesten vor dem Präsidentenpalast hatte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak Kairo am Freitagnachmittag verlassen. Gemeinsam mit seiner Familie war Mubarak in seiner Residenz am Badeort Scharm el Scheich am Roten Meer eingetroffen.

Zuvor hatten sich über tausend Demonstranten vor dem Präsidentenpalast in Heliopolis, im Osten Kairos, versammelt. Die Armee hatte den kompletten Stadtteil abgesperrt und schweres Geschütz aufgefahren, um einen Sturm des Palastes zu verhindern. Hunderttausende hatten nach dem Freitagsgebet erneut auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt protestiert.

Erleichterung über Mubaraks Rücktritt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm die Meldung vom Rücktritt Mubaraks mit Erleichterung auf. Es sei ein Tag großer Freude, sagte Merkel und forderte gleichzeitig von momentanen und künftigen Entscheidungsträgern in Ägypten, die Entwicklung unumkehrbar zu machen und friedlich zu gestalten.

Ähnlich äußerte sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). "Wir sind Zeuge eines historischen Umbruchs", sagte Westerwelle in New York. Entscheidend sei aber auch, "dass der Wandel zu einer Verbesserung der Lebenssituation der Menschen führt".

Die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Ashton, hofft auf schnelle und tiefgreifende Reformen in Ägypten. Die EU sei bereit, dem Land zu helfen, erklärte sie in Brüssel.

Überraschendes Ende einer Ära

Noch am Donnerstag hatte Mubarak erklärt, er werde nicht zurücktreten. In einer Live-Fernsehansprache hatte der ägyptische Präsident zwar seinem Vizepräsidenten Suleimann Befugnisse übertragen - unter anderem die Änderung einiger Verfassungsartikel zur innerpolitischen Öffnung des Landes. Doch das ersehnte Wort vom Rücktritt nahm Mubarak nicht in den Mund. Stattdessen zeigte er sich als landestreuer Soldat, der sich Einmischungen von außen verbittet.

Regime-Gegner protestieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo (AP)Regime-Gegner protestieren auf dem Tahrir-Platz (AP)Die Reaktion auf dem Tahrir-Platz in Kairo kam prompt, aber nicht gewalttätig: Die Demonstranten forderten weiter Mubaraks Abdankung, viele hielten Schuhe in die Höhe - im arabischen Raum eine Geste der Verachtung.

Mubarak-Vize Suleimann meldete sich ebenfalls im Fernsehen zu Wort und forderte die Demonstranten auf, nach Hause zu gehen und zurück an die Arbeit. Der von Mubarak installierte General hinterließ bei den Massen auf dem Tahrir-Platz keinen nachhaltigen Eindruck.

Hilflosigkeit und Zurückhaltung beim Militärpartner USA: Barack Obama bezweifelte zwar, dass die Ankündigungen ausreichten - eine klare Aufforderung an Mubarak, die Amtsgeschäfte ultimativ abzugeben, erfolgte nicht. Die USA subventionieren Ägypten militärisch mit über einer Milliarde Dollar jährlich. Ägypten ist seit Jahren der verlängerte Schutzmacht-Arm der USA für Israel.

Westen hofft auf demokratische Lösung

Wie die Demonstranten in Kairo hatte auch Washington mehr von der Rede des ägyptischen Machthabers erwartet. US-Präsident Obama forderte erneut einen glaubwürdigen Weg zu einer "echten" Demokratie (MP3-Audio).

Für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), ist entscheidend, dass es einen geordneten Übergang mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in Ägypten gibt - und es nicht nur bei Präsidenten-Neuwahlen bleibt.

Auch der außenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Rainer Stinner,hofft für Ägypten auf ein "Modell demokratischer Entwicklung durch einen Runden Tisch". Eine Militärdiktatur oder eine dominierende Rolle der Muslimbrüderschaft hält er für nahezu ausgeschlossen.

Der Politologe Guido Steinberg hält alle Szenarien für möglich - aber von unseriösen Prognosen zur Zukunft des Landes nichts. Das Regime versuche offensichtlich, die Proteste auszusitzen, sagte Steinberg im Deutschlandfunk.

Laufend aktualisierte Informationen zu den Ereignissen in Ägypten erhalten Sie in den Deutschlandradio-Nachrichten.

Alle Beiträge auf dradio.de zu den Krisen im Nahen und Mittleren Osten im Überblick: Der arabische Aufstand

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 09:10 Uhr Das Wochenendjournal

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:05 Uhr Im Gespräch

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 07:00 Uhr Early Bird

Aus unseren drei Programmen

Claudia Roth zur Türkei"Eine unvorstellbare Entrechtung des Rechts"

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth (Grüne), äußert sich am 30.05.2016 in Berlin zum Thema Rassismus. (dpa)

In der Türkei sei "eine Art ziviler Putsch in Richtung eines autokratischen Präsidialsystems" in Gange. "Man könnte es auch als Diktatur bezeichnen", sagte die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) im DLF. In dieser Lage müssten die Bundesregierung, die Europäische Union und auch die Nato klare Worte finden.

Terror in DeutschlandNicht in Hysterie verfallen

Vor dem Olympia Einkaufszentrum liegen Blumen, es brennen Kerzen. (picture-alliance / dpa / Felix Hörhager)

Die Angst oder zumindest die Sorge vor weiteren Anschlägen ist allgegenwärtig. Aber wir dürfen jetzt nicht in Hysterie verfallen, meint Marie Sagenschneider, Wortchefin von Deutschlandradio Kultur. Die größte Gefahr bestehe in einer Überreaktion.

Ermittlungen im Darknet"Uns als Polizei sind da Grenzen gesetzt"

Symbolfoto zum Thema Internetkriminalität: eine Hand vor einem Computer-Monitor (imago / epd / Annette Zoepf)

Das Darknet sei ursprünglich geschaffen worden, damit Bürger von Unrechtsstaaten ihre Meinung frei äußern könnten, sagte der Cyberexperte Frank Scheulen vom nordrhein-westfälischen LKA im DLF. Zunehmend hielten sich in dem separaten Bereich des Internets aber auch Kriminelle auf. Für die Polizei sei es schwierig, gegen sie vorzugehen.

Clinton oder TrumpWen wählt der amerikanische Wutbürger?

US-Wahlkampf 2016: Hillary Clinton und Donald Trump kämpfen um das Amt. (picture / alliance / dpa / Collage Deutschlandradio)

Ob die Demokratin Hillary Clinton als erste Frau das US-Präsidentenamt übernimmt oder ob die größte Demokratie der Welt künftig von dem republikanischen Populisten Donald Trump angeführt wird: Ausschlaggebend werden die Stimmen der Unentschlossenen sein.

GesellschaftGlücklichsein gegen den Terror

Ein kleines Mädchen wirft vor Freude die Arme in die Luft. (imago stock&people)

Ist es egoistisch, in Zeiten von Terror und Gewalt auch Glück zu empfinden? Nein, meint die Soziologin Hilke Brockmann. Vielmehr sei das auch ein Statement gegen Terroristen, die genau dieses Glück beschädigen wollten.

Armin Nassehi"Religion ist etwas Wildes"

(dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi ist Sohn einer katholisch sozialisierten Schwäbin und eines Iraners. Er hat sich als junger Mann für die Taufe entschieden. Heute bezeichnet er sich als Kultur-Katholik. Er hadert immer wieder mit der Religion. Denn "sie kann sehr gefährlich sein."

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Türkei  Presse sorgt sich vor neuer Verhaftungswelle | mehr

Kulturnachrichten

Regisseur Wedel plant TV-Mehrteiler  auf Mallorca | mehr

Wissensnachrichten

Beziehungen  Bei Streiten an die Zukunft denken | mehr