Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Afghanistan: Erneut Tote bei Protesten

NATO zieht Mitarbeiter aus Ministerien ab

Protestzüge und Unruhen in Herat nach den Koranverbrennungen. (picture alliance / dpa/Jalil Rezayee)
Protestzüge und Unruhen in Herat nach den Koranverbrennungen. (picture alliance / dpa/Jalil Rezayee)

Nach einem tödlichen Schusswechsel im Innenministerium in Kabul zieht die NATO ihre Mitarbeiter aus allen afghanischen Ministerien ab. Bei der Schießerei wurden zwei US-Militärberater getötet. Seit der Verbrennung von Koranexemplaren durch US-Soldaten eskaliert seit Tagen die Gewalt.

Im afghanischen Innenministerium in Kabul sind zwei US-amerikanische Militärberater erschossen worden. Die radikalislamischen Taliban haben die Verantwortung für die beiden Toten übernommen, wie Sandra Petersmann im Deutschlandradio Kultur berichtet. Es sei ein Akt der Vergeltung gewesen, für die Schändung des Korans. Zuvor sei es zu einem Wortgefecht zwischen den Amerikanern und den Angreifern gekommen sein. Wer geschossen habe, sei unklar, so Petersmann weiter. Die NATO hat nun angekündigt, alle Mitarbeiter aus afghanischen Ministerien abzuziehen, berichtete Petersmann weiter.

Auch im Norden des Landes halten die Proteste an. Rund 1000 aufgebrachte Afghanen hatten sich vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in Kundus versammelt und wollten das Gebäude stürmen. Sicherheitskräfte hielten die gewalttätige Menge zurück. Dabei kam es zu einem Schusswechsel, bei dem mindestens drei Menschen getötete wurden. 50 weitere Menschen seien nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden verletzt worden. Drei weitere Tote werden südlich von Kabul gemeldet.

Religion ist der einzige Kompass

Die Gewalttaten haben am Dienstag begonnen, als bekannt wurde, dass im Bagram Koranbücher von US-Soldaten verbrannt wurden. Motivation für die gewalttätigen Ausschreitungen könnten verletzte Gefühle sein. Afghanistan gilt als ein konservatives, tief religiösen Land. Nach über 30 Jahren Bürgerkrieg gibt vielen Menschen nur die Religion einen sicheren Halt. Wenn Ausländer den Koran, das heilige Buch der Muslime, verbrennen, entsteht Hass, der auch von religiösen Extremisten ausgenutzt werden kann.

Reservistenverband: Sicherheit der eigenen Soldaten wichtig

Wegen der anhaltenden Gewalt zieht sich die Bundeswehr vorzeitig aus ihrem Stützpunkt Talokan zurück. Das Lager sollte im März ohnehin geräumt werden. Die Bundeswehr teilte mit, Grund für die Entscheidung sei ein Auflauf von Demonstranten vor dem Gelände gewesen. Der relativ kleine Komplex ist schwierig zu sichern, weil er mitten in der 200.000-Einwohner-Stadt liegt. Talokan ist die Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Takhar.

Auch der Präsident des Reservistenverbandes der Bundeswehr, Roderich Kiesewetter (CDU), forderte im Deutschlandradio Kultur einzelne deutsche Standorte vorzeitig zu übergeben. Es sei wichtig, dass die Bundeswehr sich "mehr um die Sicherheit der eigenen Soldaten kümmert".. Weiter sagte er, dass die Afghanen "die Sicherheit selbst in die Hand" nehmen müssten.

Gestern zogen nach den Freitagsgebeten Hunderte Menschen in Kabul zum Präsidentenpalast. In der Hauptstadt wurde ein Demonstrant erschossen. In Herat soll es sieben Tote gegeben haben, als eine wütende Menge das US-Konsulat stürmen wollte. Auch in Dschalalabad und in der Provinz Ghasni versammelten sich Afghanen auf den Straßen. In den vergangenen Tagen waren mindestens 14 Menschen getötet worden, darunter zwei US-Soldaten.


Obama entschuldigt sich

ISAF-Soldat in Afghanistan (dpa / picture alliance / Jean Marc Loos)ISAF-Soldat in Afghanistan (dpa / picture alliance / Jean Marc Loos)Präsident Hamid Karsai warb für Ruhe und Besonnenheit. Der Oberkommandeur der NATO-geführten Afghanistantruppe ISAF, General John Allen, versuchte die Situation zu beruhigen. "Ich appelliere an jeden im ganzen Land - ISAF-Angehörige und Afghanen -, Geduld und Zurückhaltung zu üben", erklärte Allen. Die ISAF teilte mit, die gemeinsame Untersuchung mit den afghanischen Behörden zur Verbrennung von Koranexemplaren auf der US-Basis Baghram dauere an. Noch stehe kein Datum für ihren Abschluss fest.

Zuvor hatte sich US-Präsident Obama für die unbedachte Koranschändung entschuldigt. Er habe in einem Schreiben gesagt, dass die Verbrennung von Koranexemplaren nicht vorsätzlich geschehen sei. Ferner habe er eine vollständige Aufklärung des Falls zugesagt. Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte am Donnerstag erklärt, dass er die Todesopfer zutiefst bedauere . Er rief alle Beteiligten zu Mäßigung, Zurückhaltung und Gewaltlosigkeit auf.

Taliban schwören Rache

Die Organisation der Islamischen Konferenz betonte in einer Erklärung, die Tat stehe im Widerspruch zu den gemeinsamen Bemühungen von muslimischen Ländern und internationaler Gemeinschaft, Intoleranz und religiösen Hass zu bekämpfen. Zugleich begrüßte die Organisation die Entschuldigungen der ISAF und der USA.

Die Taliban hingegen schworen Rache und riefen Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte zur Fahnenflucht auf. Talibanfunktionäre seien angewiesen worden, alle Deserteure, die sich gegen die "Invasoren" stellten, als "Helden" willkommen zu heißen.


Mehr zum Thema:
Gewaltsame Proteste gegen Koranverbrennungen halten an - Zwei US-Soldaten in Kabuler Innenministerium erschossen, drei Tote bei Angriff auf UN-Hauptquartier
Weitere Tote bei Koranprotesten in Afghanistan
Bundeswehr räumt Stützpunkt im Norden Afghanistans
"Der Nutzen der militärischen Truppen nimmt rapide ab" - Grünen-Politiker Koenigs: Zivile Hilfe kommt im Afghanistanmandat zu kurz
Politologe wirft westlichen Akteuren in Afghanistan Ignoranz vor - Thomas Ruttig vom Afghanistan Analyst Network zu den Koranverbrennungen



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Weitere Tote bei Koran-Protesten

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 09:35 Uhr Tag für Tag

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 06:30 Uhr Hielscher oder Haase

Aus unseren drei Programmen

Debatte um europäische AnnäherungWelches Europa wollen wir?

Verschiedenfarbige Köpfe, im Hintergrund: Sterne der EU-Flagge. (imago/Ikon Images)

Während man sich in Deutschland noch in Sachen Regierungsbildung abmüht, macht Emanuel Macron Druck. Er will ein neues Kapitel in Europa aufmachen. Und das möglichst bald. Davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen meint allerdings der Publizist und Historiker Klaus Rüdiger Mai.

Studie über KinderarmutEinmal arm, lange arm

Kinder stehen in einem Kindergarten in Hamburg. (dpa-Bildfunk / Christian Charisius)

Gut 20 Prozent aller Kinder in Deutschland leben laut einer Studie länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Für weitere 10 Prozent sei Armut zumindest ein zwischenzeitliches Phänomen, heißt es in einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Fazit: Wer einmal arm sei, bleibe es in den meisten Fällen für lange Zeit.

Aus den FeuilletonsDer nächste US-Import: Polarisierung

Zwei Stiere verkeilt im Konflikt (imago stock&people / Copyright Marcus Butt)

Die "Welt" blickt mit Sorge auf die USA und würdigt einen Autor, der die Polarisierung des Landes beschreibt und analysiert. Die "Süddeutsche" diskutiert den aktuellen Tatort und die "FAZ" war auf einer Preisverleihung.

Asteroid in optimaler OppositionDer Iris-Planet im Widder

Der Asteroid Iris (roter Punkt) steht gerade im Sternbild Widder  (Stellarium)

Im Sommer 1847 entdeckte der Brite John Russell Hind den Himmelskörper Iris. Er war das siebte Objekt zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter – und galt in den ersten Jahren nach der Entdeckung noch als Planet.

Gelungene Opernpremiere in Stuttgart Halbe Inszenierung ohne Regisseur Kirill Serebrennikow

Die Opernsängerin Esther Dierker (Gretel) probt am 19.03.2017 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) eine Neuinszenierung der Oper "Hänsel und Gretel". Die Inszenierung war von dem in Moskau in Hausarrest sitzenden Regisseur Kirill Serebrennikow geplant. Die Oper hielt trotzdem an der Neuinszenierung der Oper «Hänsel und Gretel» fest. Die Premiere der unvollendeten Arbeit ist am 22.10.2017. (zu dpa: "Oper "Hänsel und Gretel" vom 23.10.2017) Foto: Bernd Weißbrod/dpa | Verwendung weltweit (dpa)

Die Stuttgarter Oper hat die Märchenoper "Hänsel und Gretel" inszeniert. Weil aber der Regisseur der Inszenierung, Kirill Serebrennikow, in Russland unter Hausarrest steht, führte das Haus das Stück als eine Art Fragment auf und unterstützte damit die Forderung nach einer Freilassung des Künstlers.

Lage der Rohingyya in Myanmar Das Elend der Ungewollten

Das Bild zeigt muslimische Kinder im Lager Da Paing IDP bei Sittwe im Bundesstaat Rakhine.  (AFP / Hla Hla Htay)

Vor der Militärgewalt sind fast 600.000 Rohingya nach Bangladesh geflohen. Aber auch innerhalb Myanmars gibt es Flüchtlinge, die sich zu Tausenden in die Lager bei Sittwe gerettet haben. Hungernd, lethargisch und gehasst inzwischen auch von der buddhistischen Bevölkerung warten sie auf Hilfe.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

WerteUnion  Konservative CDU-Politiker fordern neue Parteispitze | mehr

Kulturnachrichten

Timberlake tritt wieder bei Super Bowl auf | mehr

 

| mehr