Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Altersarmut in Deutschland steigt

Statistik zur Grundsicherung im Alter vorgestellt

Das Existenzminimum in Deutschland liegt derzeit bei 727 Euro im Monat (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Das Existenzminimum in Deutschland liegt derzeit bei 727 Euro im Monat (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Immer mehr Rentner in Deutschland brauchen Sozialhilfe. Nach Angaben von Statistikern sind es so viele wie noch nie. Ein Skandal, warnen Gewerkschafter und Sozialverbände. Sie fordern die Bundesregierung zum Gegensteuern auf.

Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, lebten Ende 2012 knapp 465.000 Menschen über 65 Jahre von der staatlichen Grundsicherung im Alter. Das waren 6,6 Prozent mehr als 2011. In den vergangenen zehn Jahren hat sich nach Angaben der Statistiker die Zahl der Rentner in Armut damit fast verdoppelt. 2003 bezogen etwas mehr als 250.000 Menschen über 65 Jahre Sozialhilfe.

In den Städten ist die Lage deutlich dramatischer: Während in Westdeutschland durchschnittlich drei Prozent der Rentner die Grundsicherung erhielten, waren es in Hamburg 6,2 Prozent, gefolgt von Bremen (5,5 Prozent) und Berlin (5,3 Prozent). In den neuen Ländern lag die Quote im Durchschnitt bei zwei Prozent, in Sachsen und Thüringen bei nur einem Prozent.

"Entwicklung untergräbt Vertrauen in die Rentenversicherung

Das Existenzminimum in Deutschland liegt derzeit bei 727 Euro im Monat. Brutto. Wer mit weniger auskommen muss, hat Anspruch auf staatliche Unterstützung.

Die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Göring-Eckardt, sagte dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel", die Entwicklung untergrabe das Vertrauen in die Rentenversicherung weiter. Vielen Beschäftigten sei es selbst in 45 Erwerbsjahren nicht möglich, eine sichere Rente zu erreichen. Göring-Eckardt warb für das grüne Modell einer Garantierente nach 30 Beitragsjahren in Höhe von 850 Euro im Monat. Dann müssten langjährig Versicherte nicht zum Sozialamt gehen, sagte sie.

DGB geht von weitaus größeren Zahlen aus

Die IG Metall warnte vor einem "sozialpolitischen Skandal". Die Zahlen zur Grundsicherung im Alter seien ein Alarmsignal, das die Politik nicht länger ignorieren dürfe. "Mit kosmetischen Korrekturen auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners wird sich die drohende Altersarmut als Massenphänomen in Deutschland nicht abwenden lassen", sagte Vorstand Hans-Jürgen Urban.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund geht davon aus, dass die Statistiken die Altersarmut nicht angemessen erfassen. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach erklärte, erfahrungsgemäß stellten viele alte Menschen keinen Antrag auf Grundsicherung. Die verdeckte Armut sei noch einmal doppelt so hoch wie die registrierte. Viele Ältere schämten sich und beantragten keine Grundsicherung. Deshalb müsse von deutlich mehr armen Rentnern ausgegangen werden - von drei Millionen Älteren in Armut. Insgesamt leben in der Bundesrepublik rund 20 Millionen Rentner.

Ältere Frauen im Westen noch stärker betroffen

Der DGB, die AWO und der Sozialverband VdK forderten, das sinkende Rentenniveau wieder anzuheben. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher nannte die steigende Zahl der Grundsicherungsempfänger ein Warnsignal für künftige Altersarmut. Die Bundesregierung geht davon aus, dass das Rentensicherungsniveau bis 2025 auf rund 45 Prozent sinkt. Heute liegt es bei rund 50 Prozent.

Aus den Zahlen der Statistiker geht auch hervor, dass ältere Frauen stehen im Westen schlechter dastehen als im Osten. Ende 2012 lebten in den alten Bundesländern 3,3 Prozent der Rentnerinnen von der Grundsicherung. In den neuen Ländern einschließlich Berlin waren es 2,1 Prozent. Männer beziehen die Sozialhilfe im Alter seltener. In Westdeutschland leben 2,5 Prozent von der Grundsicherung, in Ostdeutschland 1,8 Prozent der Männer über 65 Jahre.


Mehr zum Thema auf dradio.de:

Keine Allheilmittel gegen Armut- Vor- und Nachteile eines gesetzlichen Mindestlohns oder einer tariflichen Lohnuntergrenze
Die Rente ist nicht sicher- Nach der Wahl wird eine grundlegende Rentenreform fällig
Soziale Gerechtigkeit 2013- Anmerkungen zu einem überstrapazierten Kampfbegriff

 

Letzte Änderung: 24.10.2013 23:12 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 18:10 Uhr Informationen am Abend

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 18:30 Uhr Hörspiel

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 18:00 Uhr Hörsaal

Aus unseren drei Programmen

PsychologieSei nicht so hart zu dir selbst!

Anderen können wir Fehler verzeihen - bei uns selbst tun wir uns damit schwer. Stress, Ängste, sogar Depressionen können die Folge sein, sagt die Psychotherapeutin Christine Brähler. Sie rät: Wir brauchen mehr Mitgefühl mit uns selbst!
      

Motivation von Attentätern und AmokläufernWir leben Aggressivität vor

Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, macht vor Beginn des Mannesmann-Prozesses im Landgericht in Düsseldorf das Victory-Zeichen. (dpa/ picture-alliance/ Oliver Berg)

Auch in modernen Gesellschaften sei Gewalt allgegenwärtig, meint der Soziologe Harald Welzer. Der "kampfbereite und siegerprobte Einzelkämpfer" werde in der Wirtschaft gefeiert und der "Ego-Shooter" zum Idealtypus erhoben. Bei der Suche nach den Ursachen von Terror und Amok werde das gern übersehen.

Wahl in Mecklenburg-VorpommernSPD und CDU profitieren nicht vom Wirtschaftsboom

Zwei Grossplakate zur Landtagswahl 2016 in Mecklenburg-Vorpommern mit den Spitzenkandidaten der SPD Erwin Sellering (links) und der CDU Lorenz Caffier stehen an einem Einkaufscenter in Rostock. Die Wahl zum 7. Landtag des Landes Mecklenburg-Vorpommern findet am 4. September 2016 statt. Schwerin (Imago / Frank Hormann / Nordlicht)

Die Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns hat in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung genommen: mehr Jobs, weniger Arbeitslose, eine gute Konjunktur - nicht nur im Tourismus-Sektor. Trotzdem könnte es bei der Landtagswahl am 4. September für die Regierungsparteien SPD und CDU eng werden.

Aus den FeuilletonsBurka - umkämpftes Kleidungsstück

Eine afghanische Frau in Herat trägt eine Burka.  (picture alliance / dpa / Jalil Rezayee)

Der Streit um das Verbot von Burka und Burkini hat in den vergangenen Tagen an Schärfe zugenommen. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Ist ein Verbot paternalistisch? Oder bedroht die Vollverschleierung das Fundament von Europas Kultur?

Märchen Europa?"Diese ewige Wettbewerberei macht die Menschen kaputt"

Gesine Schwan am 17. Januar 2016 in der ARD-Talksendung "Anne Will" (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)

Aus Sicht der Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan hat die negative Stimmung in Europa seit der Bankenkrise stark zugenommen. Falsche politische Weichenstellungen und "Wahltaktiererei" in den Nationalstaaten hätten die Menschen gegeneinandergetrieben, sagte sie im Deutschlandfunk. Städte und Gemeinden müssten grenzüberschreitend "mehr machen können".

Daniel Fuhrhop: "Willkommensstadt"Flüchtlinge in unsere Häuser

Zimmer für Flüchtlinge in Hamburg-Harvestehude (Foto: Axel Schröder)

Für Flüchtlinge müssen keine neuen Wohnungen gebaut werden, schreibt der Architektur-Verleger und Blogger Daniel Fuhrhop. Neubauten würden die Integration sogar erschweren. In "Willkommensstadt" beschreibt er, wie es besser geht.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Flüchtlingspolitik  Bundeskanzlerin Merkel verweist auf gemeinsame Politik mit SPD | mehr

Kulturnachrichten

Nigerianer Ogboh erhält den Bremer Kunstpreis der Böttcherstraße  | mehr

Wissensnachrichten

Rio de Janeiro  Selfies an der Lochte-Tankstelle | mehr