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Am "Boulevard" gehen die Lichter aus

Freizeitpark am Nürburgring vor der Schließung

Von Ludger Fittkau

Luftaufnahme der Grand-Prix-Strecke am Nürburgring. (dpa/Thomas Frey)
Luftaufnahme der Grand-Prix-Strecke am Nürburgring. (dpa/Thomas Frey)

"Boulevard" - so heißt im mit mehr als 300 Millionen Euro Steuergeld finanzierten Freizeitpark am Nürburgring ein Einkaufs- und Geschäftszentrum. Hier hinein sollten die Massen auch außerhalb des Motorsportbetriebs, doch sie kamen nicht. Die Betreiber stehen mit vier Millionen Pachtzahlungen beim Land Rheinland-Pfalz in der Kreide.

Die Opposition in rheinland-pfälzischen Landtag gibt Kurt Beck und dessen ehemaligem SPD-Wirtschaftsminister Hendrik Hering die Hauptverantwortung für dieses neue Desaster am Nürburgring. Beck und Hering hatten die Betreibergesellschaft um die Geschäftsleute Lindner und Richter vor rund zwei Jahren als "Retter" des Freizeitparks am Nürburgring präsentiert und künftige Millioneneinnahmen für das Land durch die Pachtzahlungen versprochen. Alexander Licht, der stellvertretende Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag, spricht jetzt von "Lügen" der Landesregierung:

"Wenn Richter und Lindner heute mit diesen Meldungen an die Öffentlichkeit gehen und die Zahlen sich bestätigen, die Richter und Lindner jetzt neu rechnen, dann kann man nur eines feststellen: Wir wurden wirklich systematisch belogen und betrogen, das Parlament, die Öffentlichkeit und das ist wirklich ein Desaster hoch drei."

Schon vor knapp zwei Jahren wurde klar: Die von der rheinland-pfälzischen Politik immer geforderte Privatfinanzierung eines neuen Freizeitpark am Nürburgring ist gescheitert - die Steuerzahler blieben auf mehr als 300 Millionen Euro sitzen, die bereits in die Eifel geflossen waren. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck geriet unter großen politischen Druck - sein damaliger Finanzminister Ingolf Deubel musste wegen des Nürburgring-Finanzdesasters gehen, bis heute ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Kurt Beck und sein damaliger Wirtschaftsminister Hendrik Hering präsentierten 2009 die neue Betreibergesellschaft am Ring - und versprachen, alles werde gut. Hendrik Hering ist heute Fraktionsvorsitzender der SPD im rheinland-pfälzischen Landtag und wird in zwei, drei Jahren als einer der möglichen Nachfolger von Kurt Beck im Amt des Ministerpräsidenten gehandelt. Er weist den Oppositions-Vorwurf der Lüge zurück und beruft sich auf ein damaliges Wirtschaftsgutachten:

"Grundlage für unsere Zahlen war ein Gutachten von Ernst und Young, die in einem umfangreichen Auftrag ermittelt haben, dass eine Betreibergesellschaft in der Lage ist, perspektivisch Einnahmen von 15 bis 23 Millionen Euro zu erzielen, daraus auch die Pacht an das Land zu zahlen. Diese Zahlen lagen auch den Betreibern vor, vor Vertragsabschluss. Und wir haben sehr transparent der Öffentlichkeit auch dargestellt, auf welcher Datenbasis die Zahlen beruhten. Und auch die Aussage, in der Anfangsphase wird das weniger sein und deswegen sind ja auch in der Anfangsphase geringere Pachten mit der Betreibergesellschaft vereinbart worden."

Die Betreibergesellschaft beteuert, dass sie den Pachtvertrag mit dem Land im Prinzip einhalten wolle. Aber wenn das Land nicht noch weitere Millionen für bauliche Veränderungen des verlassenen "Boulevards" zuschieße, sei der Betrieb nicht mehr in der bisherigen Form aufrechtzuerhalten, sagt Christian Lindner, einer der Betreiber des Nürburgrings:

"Sollte man diese Veränderungen nicht vornehmen, ist es nur möglich, die geforderte Pacht zu erwirtschaften, wenn man das Geschäft in vielen Bereichen stark einschränkt und davon natürlich auch sehr viele Mitarbeiter betroffen sein würden."

Bei einer Schließung des "Boulevards" und anderer Anlagen würden bis zu 140 Menschen am Nürburgring ihre Arbeitsplätze verlieren, rechnet die Betreibergesellschaft. Doch die Landesregierung will sich durch das Arbeitsplatzargument nicht unter Druck setzen lassen und besteht auf den Pachtzahlungen. Auch die Grünen, die seit dem Frühjahr gemeinsam mit der SPD das Land regieren, unterstützen diese Linie. Daniel Köbler, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, weist darauf hin, dass viele der Arbeitsplätze am Nürburgring ohnehin keine Vollzeit-Arbeitsplätze sind:

"Die Arbeitsplätze am Nürburgring waren immer saisonabhängig. Das war schon immer so, deswegen sind die Zahlen, mit denen die Betreiber jetzt argumentieren, nichts anderes als eine politische Drohkulisse. Realistisch betrachtet reden wir vor allem über Saisonarbeitskräfte und zum Teil prekäre Angestelltenverhältnisse dort am Nürburgring und auch im Sinne der Arbeitsplätze vor Ort kann nur ein nachhaltiges, wirtschaftlich tragfähiges Konzept vor Ort die Zukunft sein."

Doch woher ein solches Konzept kommen soll, weiß in der rheinland-pfälzischen Politik wohl zurzeit niemand. Die Opposition schlägt nun vor, den "Boulevard" und andere Bereiche des Freizeitparks, in denen mangels Nachfrage die Lichter ausgehen, von der Vermarktung der Autorennbahn zu trennen. Sie wenn nötig, erst einmal von außen mit einem Vorhängeschloss zu versehen. Alexander Licht, der stellvertretende CDU-Fraktionschef im Landtag:

"Wenn ich Rummel und Rennsport trenne, muss ich bei dem Teil, den ich als Rummel bezeichne, alles in Frage stellen. Alles in Frage stellen heißt, dass Teile, die nicht lukrativ sind, auch einer anderen Verwertung zugeführt werden. Bis zum schlimmsten Fall, zur Schließung."



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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