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"Amerikaner denken bei Berlin immer an Intrigen, Spione, Geheimnisse"

Corsogespräch mit Woody Allen

Woody Allen im Gespräch mit Sigrid Fischer

US-Filmregisseur Woody Allen dreht gerne in Europa: "Es ist einfacher." (picture alliance / dpa - Guido Montani)
US-Filmregisseur Woody Allen dreht gerne in Europa: "Es ist einfacher." (picture alliance / dpa - Guido Montani)

"Midnight in Paris" heißt der neue Film von Woody Allen, der ab Donnerstag in den Kinos läuft. Mit Sigrid Fischer sprach der US-Filmregisseur über die europäischen Drehorte seiner jüngsten Filme - London, Barcelona, Paris, Rom - und verriet, was ihm zu Berlin einfällt.

Sigrid Fischer: Mister Allen, Sie schicken Ihre Hauptfigur, einen kalifornischen Hollywood-Drehbuchautor, ins Paris der 20er-Jahre, wo er auf Gertrude Stein, Hemingway, Picasso und andere Künstler jener Zeit trifft. Da schwingt viel Nostalgie mit. Sind Sie nostalgisch?

Woody Allen: Natürlich bin ich nostalgisch, das ist eine Falle, in die man tappt. Ich denke zum Beispiel: Ach, wie war das schön als Kind, Comics lesen, Radio hören, Süßigkeiten essen. Aber in Wirklichkeit war es eine furchtbare Zeit, ich habe die Schule gehasst, ich konnte es nicht erwarten, erwachsen zu werden und sie hinter mir zu lassen. Aber man läuft sehr leicht in diese Nostalgiefalle hinein.

Fischer: Aber denken Sie nicht auch: Früher war es mal leichter für mich, meine Filme zu realisieren?

Allen: So sehe ich das nicht, da bin ich Realist. Keine Zeit war für mich gut, um Filme zu drehen. Es war immer schwer, mein Publikum zu finden und das Geld zusammen zu bekommen. Als Musiker oder Baseballspieler wäre es anders – leider fehlt mir das Talent. Aber die Leute wollen einen spielen hören beziehungsweise sehen und zahlen dafür. Aber Filme zu drehen ist nicht einfach.

Fischer: Die Leute kommen aber doch in Ihre Konzerte mit der New Orleans Jazzband, um Sie zu hören. Und sie zahlen dafür.

Allen: Die Musik ist ein Hobby für mich. Die Leute kommen ins Konzert, weil sie meine Filme kennen. Wäre ich nicht im Filmbusiness, kämen sie nicht. Aber sie kommen, weil sie denken: Im Film mochte ich ihn, dann höre ich mir mal an, wenn er Klarinette spielt. Sie hören einmal zu und kommen nie wieder.

Fischer: Wäre die Vorstellung, mit anderen Künstlern zusammenzuleben und sich auszutauschen, wie Sie es in Ihrem Film-Paris der 20er ja zeigen, eigentlich reizvoll für Sie selbst?

Allen: Ich glaube nicht, dass ich so arbeiten könnte. Dafür bin ich zu bürgerlich. Ich brauche mein ruhiges Zimmer und meinen geregelten Tagesablauf. Ich sitze auch nicht in Cafés und zusammen mit Intellektuellen. Andere Autoren können vielleicht unorganisiert arbeiten und großartig dabei sein, ich nicht, ich brauche dieses Mittelklasseleben: Morgens aufstehen, aufs Laufband, die Kinder zur Schule bringen, frühstücken, schreiben, Film drehen, Film schneiden, Klarinette spielen, Football schauen. Ich führe eine sehr langweilige Existenz. Aber für Amerikaner sind die 20er-Jahre in Paris Kult. Wenn sie an Paris denken, dann an diese Zeit. Das ist einer dieser Mythen, dass die Bohemiens alle zusammengelebt, zusammen getrunken und ihre Freundinnen ausgetauscht haben. Ich weiß gar nicht, wie viel davon wahr ist und wie attraktiv beziehungsweise wie unangenehm das für die Betreffenden vielleicht war.

Fischer: Aber alle Welt hält Sie, Woody Allen, doch für einen Intellektuellen - und Sie sind auch sehr belesen.

Allen: Ich weiß, komisch, oder? Aber das ist falsch, ich habe zwar einiges gelesen. Aber für einen anderen Intellektuellen bin ich keiner, für jemanden, der weniger gelesen hat, als ich, bin ich einer. Ich bin nicht intellektuell, das macht alles nur die Brille.

Fischer: Aber es gibt schon Bereiche, in denen Sie sich richtig gut auskennen, oder?

Allen: Naja, ich weiß einiges über New Orleans Jazz, und einiges über – nein, nicht wirklich, ich hätte fast gesagt: Sport. Aber dann wäre ich so anmaßend, wie alle anderen, die dauernd über Sport reden, so als hätten sie Ahnung davon. Sie haben aber keine. Und ich habe auch keine.
Fischer: Das Paris, das Sie uns im Film "Midnight in Paris" zeigen, ist eine Fantasie, ein Märchen-Paris. Wie sehr entspricht es dennoch Ihrer Sicht auf die Stadt?

Allen: Sehr, die Stadt, in der ich drehe, bedeutet mir eigentlich immer viel, ich sehe sie ungern nur als Kulisse. Paris hat etwas Magisches für mich, genau wie Manhattan sehe ich auch Paris nicht realistisch, sondern durch eine rosarote Brille. Ich sehe nur die schönen Seiten, nicht die schlechten, und so erlebe ich es auch immer.

Fischer: Apropos Manhattan: Würden Sie nicht gerne mal wieder dort drehen? Sie arbeiten fast nur noch in Europa.

Allen: Ich habe nichts in Planung, würde aber gerne dort drehen. Aber es ist schwierig, Filme in den USA zu finanzieren, ohne ihnen das Drehbuch zu zeigen und die Besetzung vorzulegen. In Europa gibt es kein Studiosystem. Es ist einfacher. Die Leute sind Banker und sind zufrieden damit. Ich drehe einen Film und sie finanzieren ihn. In Amerika aber wollen die, die den Film finanzieren, auch noch mitreden und kreativ sein. Sie sind aber nicht kreativ.

Fischer: Ihre Schwester, die auch Ihre Produzentin ist, hat in einem Interview erzählt, dass Sie, Woody Allen, von heute auf morgen aufhören würden, Filme zu drehen, wenn Sie Ihre Drehbedingungen nicht mehr vorfänden. Hat sie recht?

Allen: Ja, das stimmt. Ich bin verwöhnt von der Art und Weise, in der ich mein Leben lang meine Filme drehe: Ich hatte immer das Recht auf den Final Cut, niemand liest meine Bücher vorher, keiner redet rein. Was das Kreative angeht, würde ich nie mit Partnern zusammenarbeiten.

Fischer: Midnight in Paris läuft sehr erfolgreich in den USA, wovon hängt es ab, ob Ihre Filme floppen oder nicht?

Allen: Es ist reine Glückssache, man gibt immer sein bestes, mal mögen die Leute ihn und mal nicht. Man tappt immer im Dunkeln. Man hat nicht die Kontrolle darüber. Und hätte man sie, wäre es vermutlich keine Kunst mehr, sondern Fabrikarbeit. Man würde den Erfolg fabrikmäßig herstellen. Aber so hängt man immer in der Luft.

Fischer: London, Barcelona, Paris, Rom - würde Ihnen zu Berlin auch eine Geschichte einfallen?

Allen: Amerikaner denken bei Berlin immer an Intrigen, Spione, Geheimnisse, an so einen Film würde ich auch zuerst denken. So wie man bei Paris zuerst an Liebe und Romantik denkt. Weil man es in so vielen Filmen gesehen hat. Genauso Berlin. Filme, die ich aus Berlin kenne, sind keine Komödien oder Liebesfilme, das sind Agentenfilme.

Fischer: Wovon hängt es ab, in welcher Stadt Sie drehen?

Allen: Sie müssen mich einladen und den Film finanzieren. Dann sage ich, wie ich arbeite. Vielleicht passt Ihnen das nicht und sie ziehen Ihr Angebot zurück. Aber wenn Sie einverstanden sind, dann überlege ich - zum Beispiel im Fall von München – da war ich schon vier-, fünfmal, ob ich dazu eine Idee hätte.

Fischer: An Ideen scheint es Ihnen nicht zu mangeln, so regelmäßig wie Sie jedes Jahr ein neues Drehbuch fertig haben, scheinen Sie kreative Krisen oder Schreibblockaden nicht zu kennen

Allen: Nein, es ist ja ein Vergnügen für mich, ein Hobby, ich schreibe gerne, und dann schreibe ich eben. Manchmal sitze ich auch lange da und es fällt mir nichts ein, aber eine Schreibblockade kenne ich nicht. Das ist das einzige, worunter ich nicht leide. Alles Mögliche stimmt bei mir nicht, aber das gehört nicht dazu.

Fischer: In Ihrem nächsten Film, der in Rom entsteht, spielen Sie nach langer Zeit mal wieder selbst mit. Haben Sie die Schauspielerei vermisst

Allen: Nein, ich spiele gerne, aber dann muss man sich jeden Tag rasieren, das macht keinen Spaß.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

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