Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Amnesty prangert Polizeigewalt in der Türkei an

Menschenrechtler fordern Bestrafung

Die Istanbuler Polizei setzte unter anderem Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. (picture alliance / dpa / EPA / Sedat Suna)
Die Istanbuler Polizei setzte unter anderem Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. (picture alliance / dpa / EPA / Sedat Suna)

8000 Verletzte und mindestens drei Tote: Amnesty International hat in einem Bericht die "schlimmsten Polizeiexzesse" während der Gezi-Park-Proteste in Istanbul dokumentiert. Die Organisation fordert die Türkei auf, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.

"Der Versuch, die Gezi-Park-Proteste zu zerschlagen, führte zu einer ganzen Reihe von Menschenrechtsverletzungen", erklärte Selmin Caliskan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland. Den Demonstranten sei das Menschenrecht auf friedliche Versammlungsfreiheit brutal verwehrt worden - so heißt es in dem in Istanbul vorgestellten Bericht.

Bei den Protesten der vergangenen Monate seien mindestens drei Demonstranten getötet worden. Im Juni und Juli wurden durch Einsatz von scharfer Munition, Tränengas, Wasserwerfern, Plastikgeschossen und Schlägen auch mindestens 8000 Menschen verletzt, erklärte die Organisation.

Hier einige der Anschuldigungen:

  • Demonstrierende seien massiv geschlagen worden
  • Die Polizei habe Plastikgeschosse auf Köpfe und Oberkörper von Demonstrierenden abgefeuert
  • Tränengaskanister seien direkt auf Demonstranten und Schaulustige, aber auch direkt in Wohnhäuser oder medizinische Einrichtungen abgeschossen worden
  • Den Tanks der Wasserwerfer sollen chemische Reizmittel beigemischt worden sein.
  • Auch sollen weibliche Demonstranten von Gesetzeshütern sexuell missbraucht worden sein

Für die Studie interviewte Amnesty International Aktivisten, Vertreter von NGOs, Experten, Ärzte, Anwälte und Journalisten. Im Juni, Juli und August habe man vor Ort und über Telefon mit Teilnehmern der Demonstrationen in Ankara, Antakya, Istanbul und Izmir gesprochen.

Strafe gefordert

Unweit des Taksim-Platzes: Polizisten mit Tränengasmasken gehen am Sonntag gegen Demonstranten vor (picture alliance / dpa / Depophotos)Unweit des Taksim-Platzes gingen Polizisten gegen Demonstranten vor. (picture alliance / dpa / Depophotos)Amnesty verlangt nun Konsequenzen. "Die türkische Justiz ermittelt aber offensichtlich nicht ernsthaft gegen die Verantwortlichen für die Polizeigewalt. Stattdessen werden Demonstranten und die Organisatoren der Proteste mit Verfahren überzogen, zum Teil mit absurden Vorwürfen", so Caliskan weiter. Die türkische Regierung müsse "endlich lernen, friedlichen Protest zu respektieren". Außerdem müssten Journalisten in Zukunft ungehindert und ohne Gefahr über die Demonstrationen berichten können.



Protest gegen Bebauungspläne weitete sich aus

Die Protestwelle in der Türkei hatte sich im Sommer an Plänen der Regierung entzündet, die den Gezi-Park am Rande des Taksim-Platzes bebauen will. Sie richten sich inzwischen aber vor allem gegen den autoritären Regierungsstil des islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der wiederum warf den Demonstranten vor, sie seien "Plünderer" und wollten seine Regierung mit den Mitteln der Straßengewalt zu Fall bringen.


Mehr auf dradio.de:

Drei Monate nach den Gezi-Park-Protesten - Was aus der Hoffnung auf einen Umbruch in der Türkei geworden ist
Straßenschlachten auf Taksim-Platz gehen weiter - UN-Generalsekretär Ban ruft zu friedlichem Dialog in der Türkei auf
Türkei: Proteste schicken Börsen auf Talfahrt - Opposition mahnt Erdogan zu Zurückhaltung
Demonstranten sind Vandalen und Anarchisten - Türkei erlebt weiteres Protestwochenende
Gemeinsam gegen Erdogans Allmacht - Die Unruhen in der Türkei

Mehr Links:

Gezi Park protests: Brutal denial of the right to peaceful assembly in Turkey

 

Letzte Änderung: 08.10.2013 23:12 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:05 Uhr Länderreport

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Option Minderheitsregierung"Man muss auch das Unmögliche durchdenken"

Der dänische Europaabgeordnete Jens Rohde  (picture alliance/ dpa/ Belga)

Fast alle dänischen Regierungen der Nachkriegszeit hatten keine eigene Mehrheit. Die Minderheitsregierungen funktionierten dort gut, sagte der dänische Europapolitiker Jens Rohde im Dlf. In Deutschland habe er dagegen gespürt, dass viele Menschen unzufrieden seien, dass es zwischen den Wahlen kaum politische Debatten gebe.

Zur Opfer-Floskel "Darunter auch Frauen und Kinder"Auch Männern gebührt Trauer!

Die kleine Figur eines Engels liegt am 22.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin auf einer Grabkerze. (picture alliance / Rainer Jensen/dpa)

"Darunter auch Frauen und Kinder" heißt es meist, wenn über Opfer von Krieg, Terror oder Naturkatastrophen berichtet wird. Warum gelten männliche Gewaltopfer als weniger beklagenswert, fragt Knut Berner – und plädiert für einen Abschied von veralteten Heldenfantasien.

Spielfilm über den IS"Wenn Ideologie tief sitzt, gibt es nichts zu verlieren"

Der Regisseur Züli Aladag mit seinen Hauptdarstellern Tamer Yigit (l) und Edin Hasanovic (r) (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)

Warum schließen sich junge Deutsche, auch ohne Migrationshintergrund, dem IS an, reisen sogar in den Krieg? Was passiert dort mit ihnen? Und was, wenn sie zurück sind? Der Regisseur Züli Aladag hat den dreistündigen Film "Brüder" über diese Fragen gedreht.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Den Haag  Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt | mehr

Kulturnachrichten

Filmproduzent und Schauspieler Berling ist tot | mehr

 

| mehr