Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Angeklagter Chodorkowski nennt Prozess "verbrecherisch"

Der Ex-Ölmilliardär ist seit heute in der Berufung

Von Robert Baag

Michail Chodorkowski, Gründer des Ölkonzerns Yukos, im Gerichtssaal in Moskau (AP)
Michail Chodorkowski, Gründer des Ölkonzerns Yukos, im Gerichtssaal in Moskau (AP)

Gegen die im Dezember verhängte Verlängerung seiner Haftstrafe um 14 Jahre kämpft seit heute Michail Chodorkowski, einst milliardenschwerer Chef des JUKOS-Gaskonzerns. Zum Auftakt sparte er nicht mit Kritik am System.

Angriff als beste Verteidigung - aber abgestuft in der Tonart. So lässt sich kurz am ehesten die Strategie umreißen, mit der die Verteidigung von Michail Chodorkowski heute in das Berufungsverfahren vor dem Moskauer Stadtgericht hineingegangen ist. Als Verteidiger in eigener Sache präsentierte sich dabei zunächst der frühere Eigentümer des russischen Ölkonzerns JUKOS, der im vergangenen Dezember nach einem zweiten international sehr umstrittenen und kritisierten Gerichtsverfahren zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Tatvorwurf: Er und sein mitangeklagter Geschäftspartner Platon Lebedew hätten weit über 200 Millionen Erdöl aus dem eigenen Unternehmen gestohlen und illegal weiterverkauft. Zudem hätten sie sich der Geldwäsche in Höhe von über 23 Milliarden US-Dollar schuldig gemacht. Das jeweilige Urteil in Höhe von vierzehn Jahre, das über beide Angeklagte vom Moskauer Basmannyj-Gericht verhängt worden war, nannte Chodorkowski wörtlich "absurd":

"Die Verfasser dieses Urteils haben sich selbst und das Gerichtssystem Russlands in ein peinlich-obskures Licht getaucht. Wie können denn Bestohlene aus dieser angeblichen Tat am Ende finanziellen Nutzen ziehen? Oder anderes formuliert: Nach ökonomischem Gewinn zu streben wird hier einem Verbrechen gleichgesetzt. Verbrecherisch aber ist in erster Linie ein System, das einen Menschen zwingt, solch ein Urteil zu verfassen."

Viktor Danilkin, der betreffende Richter, sei eigentlich - so Chodorkowski wörtlich - "ein anständiger Mensch", der jedoch nicht fähig gewesen sei, dem Druck des Systems auf ihn standzuhalten. Die Strafanzeige gegen den Richter erfolge deshalb nicht aus persönlichen Rachemotiven, sondern damit die Gerechtigkeit siege, ergänzte Chodorkowski.

"Korrigieren darf man dieses Urteil nicht. Das wäre bloße Kosmetik. Entweder es wird abgeändert oder das Verfahren wird eingestellt. Eine Begnadigung brauche ich nicht. Und ebenso wenig bitte ich darum, mir die Haftdauer zu abzukürzen."

Noch vor diesem Berufungsverfahren, das um eine Woche verschoben worden war, hatten der 47-jährige einstige Öl-Magnat Chodorkowski und sein Geschäftspartner Lebedew ebenso wie ihre Verteidiger kaum Hoffnung gezeigt, dass die Urteile wegen - wie sie es sehen - deutlich nachweisbarer Beweisfälschungen seitens der Anklage aufgehoben würden. Verfahren und Urteil seien vielmehr politisch motiviert. Vor allem Chodorkowski gilt seit knapp einem Jahrzehnt als persönlicher Feind des einstigen Staatspräsidenten und heutigen Premierministers Vladimir Putin. Zur Stunde dauert das Berufungsverfahren noch an. Auch Platon Lebedew hat zu Beginn seiner Rede scharfe Kritik an den juristischen und ökonomischen Fähigkeiten der Staatsanwaltschaft geübt. Sollte das Urteil gegen beide dennoch bestätigt werden, können sie selbst bei Anrechnung des ersten Urteils und der bisher verbüßten Haftzeit womöglich erst im Jahr 2017 mit ihrer Freilassung rechnen.

Deutschlandradio Aktuell vom Dezember 2010:
Chodorkowski muss weitere sechs Jahre in Haft bleiben

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

TrendsWie sich Blogger als "Tastemaker" positionieren

Berliner Fashion Week 2017 (Deutschlandradio / Laura Naumann)

Modemagazine waren gestern. Die schnelllebige Zukunft gehört den Blogs und deren Machern, den Tastemakern und Influencern. Und jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben, weil sich damit unter Umständen auch Geld verdienen lässt, wie Modeexperte Sebastian Schwarz sagt.

TiefseeDer Ozean als Bergwerk

Der Meeresgrund ist voller Rohstoffe. Vor allem die mineralischen Ressourcen sind spannend für uns, denn die sind knapp und wir brauchen sie für Hightechgeräte wie unsere Smartphones. Staaten, Forscher und Unternehmen prüfen schon lange die Möglichkeiten des kommerziellen Tiefseebergbaus.

SimbabweHoffen auf ein Ende der Ära Mugabe

Simbabwes Präsident Robert Mugabe mit seiner Frau Grace beim Parteitag der ZanuPF. (AFP/Jekesai Nijikizam)

Simbabwe ohne Präsident Robert Mugabe? Für viele Menschen ist das kaum vorstellbar, denn der 93-Jährige herrscht seit der Unabhängigkeit 1980 autoritär über das Land, will sogar noch einmal kandidieren. Er und seine Machtclique haben aber das einst florierende Land heruntergewirtschaftet. Auf der Straße formiert sich trotz massiver Repressalien immer lauter Protest.

Schulz und Merkel im WahlkampfNur Ankündigungen sind zu wenig

Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz im Gespräch auf dem EU-Gipfel am 15. Dezember 2016 in Brüssel.  (picture-alliance / Belga / Christophe Licoppe)

Ob SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die Politik wieder streitbarer mache, bleibe abzuwarten, meint Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Noch fehle ihm dafür der Widerpart. Angela Merkel mobilisiere derzeit eher die parteiinternen Gegner als die eigenen Wähler.

Visual Effects bei der Oscar-VerleihungDie perfekte Illusion

Mowgli (gespielt von Neel Sethi) und Bagheera aus dem Film "The Jungle Book" (2015 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved)

Aufwändige Spezialeffekte entführen uns in fantastische Bildwelten. Fünf Filme können sich nun Hoffnungen auf einen Oscar für ihre Effekte machen. Für "Vollbild" kommentieren zwei Experten die nominierten Filme - an einem haben sie sogar selber mitgearbeitet.

Post, Drucker und KopiererLand der Papierverschwender

Der New Yorker Jim Kavanaugh meint: Hey, ihr Deutschen recycelt wie die Weltmeister, aber warum verbraucht ihr immer noch so schrecklich viel Papier?

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

UNO-Gesandter  "Sabotage der Syrien-Friedensgespräche nicht zulassen" | mehr

Kulturnachrichten

Gabriel drängt zu schneller Entscheidung im Fall Yücel  | mehr

Wissensnachrichten

Geld  Alte Ein-Pfund-Münze bald nutzlos | mehr