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Angst und Chaos in Paris

Reihe: "Juni '40 - Der Revanchekrieg gegen Frankreich" - Teil 5

Von Jörg Hafkemeyer

Winston Churchill droht in einer Radioansprache den Deutschen mit Krieg. (AP)
Winston Churchill droht in einer Radioansprache den Deutschen mit Krieg. (AP)

OKW-Meldung: "Acht Geschütze fahren nebeneinander auf, als handele es sich um ein Schulschießen. Die feindliche Artillerie ist nur noch selten zu spüren. Im Marnebogen hat der Gegner noch einmal Kräfte sammeln können, die er teilweise in Omnibussen von der Maginot-Linie hierher gefahren hat. Die nun aber auch in einem blutigen Gefecht geschlagen werden."

In Paris herrscht Angst und Chaos. Sofka Zinovieff, eine 33-jährige weit gereiste Frau, schreibt über die Evakuierung an diesem 12. Juni 1940 in ihr Tagebuch:

"Die Straße, auf der man sich in Sicherheit zu bringen versucht, heißt La Rue du Sang. Autos und Lastwagen sausen dahin, ohne sich zu kümmern, wer oder was ihnen im Weg ist – Handwagen, Fahrräder, Kinderwagen werden in den Graben gestoßen oder zusammengefahren. Die Menschen bleiben liegen und werden von den nachkommenden Wagen überfahren. (…) Es gibt nichts zu essen; selbst ein Glas Wasser kostet 10 Francs. Es herrscht entsetzliche Panik."

OKW-Bericht: "Während so die Divisionen am 12. Juni den Weg freimachen nach einem Tag Atem holen, brausen in unaufhörlichen Kolonnen Panzer vorüber: Panzerkampfwagen, Panzerspähwagen, Kräder, motorisierte Artillerie, Pioniere, motorisierte Infanterie ... eineinhalb Tage lang ein endloser Strom."

Der CBS-Radiokorrespondent William Shirer berichtet an diesem Tag:

"Der von den Deutschen erreichte, Paris am nächsten gelegene Punkt ist, so sagen sie, an der Oise, nordwestlich der Stadt. Nördlich der Hauptstadt, so melden die Deutschen, stehen sie zu beiden Seiten von Senlis und haben hier die ersten Verbindungsstellen von Paris erreicht. Weiter östlich sind sie an der Marne."

OKW-Meldungen: "An der Marne zerbricht der letzte organisierte Widerstand des Feindes. Von nun an geht der Angriff in eine gewaltige Verfolgung über. Hier oben an der Marne wird das Tor durchbrochen, durch das in tagelangem Zug die Truppen, darunter zwei Panzer-Korps in Frankreich einziehen. Nach der Überquerung dieses Marneübergangs ist der Raum ostwärts nach Paris offen wie das Gelände rückwärts der Maginot-Linie."

Der Wissenschaftler Victor Klemperer, von den Nazis denunziert und schikaniert, schreibt in Dresden in jenen Stunden in sein Tagebuch:

"Heute Vormittag in der Stadt las ich die Nachricht vom Kriegseintritt Italiens. Eine biedere Frau wandte sich zu mir: 'Die französische Regierung ist aus Paris geflohen. Wird man sie ausliefern?' Sancta Simplicitas."

Karl Reichenbach und seine Frau in Paris springen buchstäblich aus dem Bett. Die Flucht beginnt:

"Die aufgeregte, aber nicht kopflose Menge begibt sich wie wir zum Bürgermeisteramt, um Instruktionen zu erhalten. Die Kaltblütigkeit des Bürgermeisters wirkt beruhigend. Er hat keinen Befehl, den Ort räumen zu lassen, aber er hindert niemanden daran, es zu tun."

Die Nazis haben Klemperer in Dresden in ein so genanntsogenanntes Judenhaus gesteckt, um ihn zu isolieren.

Victor Klemperer: "Meine absolute Verzweiflung hielt bis zum Nachmittag an. Dann hat mir die Zeitung, obwohl Frankreich verloren scheint, doch wieder Mut gegeben. Aus dem Kleingedruckten, Verhüllten und Bagatellisierten glaube ich entnehmen zu können, dass England sich noch längst nicht für besiegt hält und – vor allem – dass ein Eingreifen Amerikas wahrscheinlich erscheint."

Der britische Premierminister Winston Churchill droht in seiner Radioansprache Mitte Juni 1940 Adolf Hitler:

"Wir stellen uns gegen Hitler. Wir werden gegen ihn kämpfen. Wenn nötig jahrelang. Und wenn wir nicht siegen, sondern verlieren, dann wird die ganze Welt, eingeschlossen die Vereinigten Staaten von Amerika, und viele, viele andere Länder in einem Zeitalter der Finsternis versinken."

Und ruft dann den unter Deutschlands Krieg und Besatzung leidenden Völkern Europas zu:

"Tschechen, Polen, Norweger, Holländer und Belgier kämpfen zusammen mit uns. Und sie alle sollen ihre Freiheit wieder erhalten."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:36 Uhr

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