Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Anti-Terror-Einsatz in Mali wird verstärkt

Nach Frankreich sagen weitere Staaten Beistand zu

Französische Truppen auf dem Weg zu Kampfeinsätzen in Mali (picture alliance / dpa / Nicolas-Nelson Richard)
Französische Truppen auf dem Weg zu Kampfeinsätzen in Mali (picture alliance / dpa / Nicolas-Nelson Richard)

Mali soll nicht wie Afghanistan zur Brutstätte für islamistische Terrornetzwerke verkommen: Deswegen nehmen französische Streitkräfte auf Bitte des westafrikanischen Staates dort Rebellen unter Dauerbeschuss und drängen sie auch mit Kampfjets zurück in die Wüste. Immer mehr Länder sichern Hilfe zu, Berlin bleibt zurückhaltend - noch.

Terroristen machen sich in Mali, bis 1960 Frankreichs Kolonie, seit dem Militärputsch vor fast einem Jahr besonders im Norden breit. Wichtige Städte wie Timbuktu und Gao sind in der Hand der islamistischen Terrorgruppe Ansar Dine. Der UN-Sicherheitsrat hatte die einseitige Unabhängigkeitserklärung der nordwestlichen Landeshälfte Azawad in einer Resolution im vergangenen Oktober verurteilt. Darin werden UN-Staaten, regionale und internationale Bündnisse aufgerufen, "Malis Streit- und Sicherheitskräfte so schnell wie möglich Hilfe anzubieten, um die staatliche Souveränität über das gesamte Landesterritorium wiederherzustellen". Diese Unterstützung hat Frankreichs Präsident François Hollande seiner ehemaligen Kolonie nun überraschend zügig gewährt - auch ohne NATO- oder EU-Mandat.

Frankreichs Präsident Francois Hollande beim EU-Sondergipfel in Brüssel (picture alliance / dpa / Julien Warnand)Frankreichs Präsident Hollande (picture alliance / dpa / Julien Warnand)Hollande sei "fest entschlossen, dass wir diese Terroristen auslöschen müssen, die die Sicherheit in Mali, in unserem eigenen Land und in Europa bedrohen", sagte Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian. Seit Freitag kämpfen französische Einheiten an der Seite malischer Soldaten gegen die Rebellen. Nach dem Vorrücken der Rebellen in Richtung der Hauptstadt Bamako im Süden des Wüstenstaates habe man eingreifen müssen, sagte Le Drian. "Wenn niemand eingegriffen hätte, wäre Bamako innerhalb von zwei oder drei Tagen gefallen." Ansar Dine drohte in einer Erklärung allen Franzosen in der muslimischen Welt Vergeltung an.

Frankreich wird bei seiner Offensive "Serval", benannt nach einer afrikanischen Wildkatze, bislang außerdem von Nigeria und dem Senegal unterstützt. Als die Truppen die strategisch wichtige Stadt Konna zurückeroberten, starben laut Malis Armee mehr als 100 Menschen, vor allem Rebellen. Bei Luftangriffen auf deren Standorte in der Nähe der Stadt Gao zerstörten französische Einheiten nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Paris Trainingslager und Depots. In der Nähe von Kidal wurden Munitions- und Treibstofflager zerstört.

Mehr Soldaten, mehr Kampfjets

Auch weitere afrikanische Staaten verstärken jetzt den Anti-Terror-Einsatz. Bis morgen will die westafrikanische Gemeinschaft Ecowas 3300 Soldaten nach Mali verlegt haben; daran beteiligen sich auch Burkina Faso, Niger und Togo. In dieser Region hat Frankreich ohnehin Streitkräfte stationiert.

Französisches Kampfflugzeug Mirage 2000 D (picture alliance / dpa / Ecpad Handout)Paris verlegt weitere Kampfjets nach Mali (picture alliance / dpa / Ecpad Handout)Der französische Präsident gab gleich zu Beginn der Offensive die Parole aus, so lange wie nötig Malis Militär zur Seite zu stehen. "Frankreich wird bereit sein, die Offensive der Terroristen zu stoppen, falls sie weitergehen sollte", sagte Hollande. Inzwischen ordnete Paris die Verlegung weiterer Kampfjets und eine Verstärkung der Truppe auf nunmehr 550 Soldaten an. Aus Sorge vor Racheakten wegen des militärischen Engagements wurde die Terrorabwehr in Frankreich verstärkt; dorthin emigrierten viele Menschen aus dieser Region. Die Luftangriffe in Mali gingen unvermindert fort: "Es hat letzte Nacht welche gegeben, es gibt sie jetzt und es wird sie auch heute und morgen geben", sagte Verteidigungsminister Le Drian. "Wir machen weiter, um die dschihadistischen Gruppen zurückzudrängen."

Hollande traf am Samstagabend kurzfristig EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Er habe Frankreich die Unterstützung der EU beim militärischen Vorgehen in Mali zugesichert, hieß es. Die EU plant keinen Kampfeinsatz, aber die Entsendung von 200 Militärberatern. Bundeswehr-Soldaten sollen zu den Ausbildern zählen. Großbritannien will eigene Flugzeuge zum Transport von Truppen und Ausrüstung in die Region schicken. Die USA erwägen militärische Unterstützung mit Drohnen.

Ecowas-Vorsitzender am Mittwoch bei Merkel

Für Deutschland stehe eine Beteiligung am Militäreinsatz in Mali hingegen nicht zur Debatte, teilte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Berlin mit. "Konkrete Zusagen stehen derzeit nicht im Raum und können allenfalls dann geprüft werden, wenn die Eckdaten einer afrikanischen Mission stehen und die Einbettung in einen politischen Prozess geklärt ist." Berlins Rückhalt ist anderer Natur: "Frankreich hat unsere volle politische Unterstützung", sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Alassane Ouattara, Präsident der Elfenbeinküste und Ecowas-Vorsitzender (dpa / Chris Melzer)Alassane Ouattara, Präsident der Elfenbeinküste und Ecowas-Vorsitzender (dpa / Chris Melzer)Über diese Eckdaten dürfte jedoch am Mittwoch im Bundeskanzleramt gesprochen werden. Dann ist der Vorsitzende der westafrikanischen Gemeinschaft Ecowas und Präsident der Elfenbeinküste, Alassane Ouattara, zu Besuch bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die Vereinten Nationen hatten ursprünglich davor gewarnt, die Intervention zu früh anzugehen und einen Plan vorgelegt, der möglicherweise erst im kommenden September zu einem Eingreifen geführt hätte. Der UN-Sonderbeauftragte für die Sahelzone, Romano Prodi, verteidigte jedoch das militärische Engagement Frankreichs in Mali. "Frankreich hat auf Basis einer breiten Übereinstimmung eingegriffen", sagte Prodi der Zeitung "Die Welt". Er sehe keine Anhaltspunkte dafür, dass Deutschland von der einheitlichen Position der Europäischen Union abweiche.

Beobachter befürchten, dass der riesige Flächenstaat Mali ohne staatliche Kontrolle ebenso wie Afghanistan unter den Taliban zu einem Hort des Terrors werden könnte.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Gesichter Europas

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Lesart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Mit Behinderung unterwegs"Wo will der Rollstuhl denn aussteigen?"

Der Behinderten-Aktivist Raul Krauthausen lässt seinen platten Rollstuhlreifen in der Autowerkstatt reparieren. (Deutschlandfunk / Bettina Schmieding)

Es gibt das Behindertengleichstellungsgesetz, die Antidiskriminierungsrichtlinie, die UN-Behindertenrechtskonvention und den Artikel 3 des Grundgesetzes. Und trotzdem ertönt bei den neuen Hamburger U-Bahnzügen kein akustisches Signal, wenn die Türen sich schließen. Für Blinde eine gefährliche Situation.

Schleuserkriminalität"Wir kreieren jeden Tag eine neue humanitäre Katastrophe"

Tausende Flüchtlinge stehen in der Nähe von Miratovac in einer Schlange (picture alliance / dpa / Djordje Savic)

Nach dem Tod zahlreicher Flüchtlinge in einem LKW in Österreich ertönt der Ruf nach verschärften Maßnahmen gegen Schlepper. Karl Kopp von Pro Asyl fordert stattdessen, den Menschenhändlern endlich die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

Ingrid Bergmans 100. GeburtstagDie Unsterbliche aus Casablanca

Humphrey Bogart als Richard 'Rick' Blaine und Ingrid Bergman als Ilsa Lund Laszlo blicken sich in dem Filmklassiker "Casablanca" tief in die Augen. Zu einer Gala-Vorführung des Kino-Klassikers «Casablanca» anlässlich dessen Erstaufführung vor 60 Jahren haben sich am 11.8.2003 in New York Angehörige der beiden Hauptdarsteller Humphrey Bogarts und Ingrid Bergman getroffen. Mit dabei waren Bogarts Witwe, Hollywood-Schauspielerin Lauren Bacall, mit dem gemeinsamen Sohn Stephen Bogart, Ingrid Bergmanns Tochter, Schauspielerin Isabella Rossellini sowie zwei weitere Töchter. Der Siegeszug des Filmklassikers hatte im Januar 1943 begonnen. In diesem Jahr gewann der Streifen von Regisseur Michael Curtiz drei Oscars. (picture alliance / dpa)

Ingrid Bergman galt schon als aufgehender Stern in ihrer Heimat Schweden, bevor sie in Hollywood eintraf. Sie ist kein klassisches Studioprodukt wie Marlene Dietrich oder Greta Garbo, sondern nahm ihr Starimage weitgehend selbst in die Hand. Heute vor 100 Jahren wurde sie geboren.

Proteste in Heidenau"Die Versammlungsfreiheit ist in Sachsen massiv bedroht"

Bild vom Willkommensfest für Flüchtlinge in Heidenau. (Deutschlandradio / Nadine Lindner)

Um das Versammlungsverbot im sächsischen Heidenau gibt es eine juristische Auseinandersetzung. Der Verfassungsrechtler Clemens Arzt übt scharfe Kritik an den Behörden in Sachsen: Die schienen es mit dem Grundgesetz nicht so genau zu nehmen.

Rhetorik in der Flüchtlingsdebatte"Gegenseitiges Diffamieren ist nicht der Weg"

Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh in einer Talkshow. (Imago / Müller-Stauffenberg)

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat einen sachlichen Ton in der Flüchtlingsdebatte angemahnt. Beschimpfungen wie "Pack" oder "Dunkeldeutschland" würden nur weitere Aggressionen schüren, sagte sie im DLF. Krawallmacher müsse man strafrechtlich verfolgen, sie aber nicht öffentlich diffamieren.

Erlebnisse mit der PolizeiIch hab doch gar nichts angestellt

Fahrzeuge der Polizei und Feuerwehr mit Blaulicht während eines Einsatzes in Magdeburg. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)

Wer unschuldig ist, hat nichts zu befürchten. Eigentlich. Außer man gerät doch in Verdacht. Und dann findet man sich eingekesselt in einer Demonstration wieder. Oder im Verhör beim Geheimdienst. Und hofft, dass sich am Ende alles als das herausstellt, was es eigentlich ist: ein großes Missverständnis.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Flüchtlinge  DRK-Präsident fur europäischen Sondergipfel - UNO-Beratungen | mehr

Kulturnachrichten

"Hamburger Abendblatt" setzt Flüchtlinge als Reporter ein  | mehr

Wissensnachrichten

Lernen  Vier-Tage-Woche bringt bessere Noten | mehr