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Arbeitslos und hoffnungslos

Reihe "Quo vadis, Italien": Alltag in einem Mailänder Arbeitsamt

Von Kristin Hausen

Arbeitslosengeld bekommt nur, wer mindestens ein Jahr lang fest angestellt war. (picture alliance / dpa - Patrick Pleul)
Arbeitslosengeld bekommt nur, wer mindestens ein Jahr lang fest angestellt war. (picture alliance / dpa - Patrick Pleul)

Mailand ist Italiens Wirtschaftslokomotive, keine andere Stadt trägt so viel zum nationalen Bruttoinlandsprodukt bei. Doch seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 erlebt die Stadt eine schwere Wirtschaftskrise und verliert täglich Arbeitsplätze.

Fünf Schalter, davon drei besetzt. Neonlicht, graue Büroschränke, in der Ecke ein Gummibaum mit staubigen Blättern, zwei vergessene Regenschirme. Die Atmosphäre im Job Center in der Via Dini am südlichen Stadtrand von Mailand stimmt nicht gerade hoffnungsvoll. "Abwickeln" ist hier tägliche Routine. "Abwickeln" heißt: Personalien aufnehmen, Antrag auf Arbeitslosengeld stellen, ausdrucken, abstempeln.

Manchmal heisst es aber auch: trösten und Tränen trocknen. Dario Brandelli arbeitet seit zehn Jahren hier in der kleinen Außenstelle, aber so etwas hat er noch nie erlebt.

"Viele Firmen schließen oder reduzieren ihr Personal und es gibt keine Neugründungen, die das auffangen. Deshalb ist die Nachfrage nach Arbeit weit höher als das Angebot. Für manche ist die Situation wirklich schlimm. Wer keine Familie hat, die ihn unterstützt, hat es schwer. Denn Arbeitslosengeld bekommt nur, wer mindestens ein Jahr lang fest angestellt war und auch das fällt nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit weg. Das ist heute das Problem."

Denn die Wirtschaftskrise hat Italien schon seit 2009 fest im Griff, auch wenn das der frühere Regierungschef Silvio Berlusconi immer geleugnet hatte. Dario Brandelli kennt die Realität.

"Solange jemand nur einige Monate arbeitslos ist und dann wieder etwas findet, sei es auch nur ein Gelegenheitsjob, solange ist er im System, aber wenn du länger als zwei Jahre draußen bist, ist es sehr schwer, wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukehren."

Das weiß auch Angelo Rolli. Der 52-Jährige hat sieben Jahre lang für einen Spielzeughersteller Waren ausgefahren. Im September wurde er krank. Nach seiner Rückkehr bekam er die Kündigung. Vier Tage sind seitdem vergangen.

"Die Aufträge sind zurückgegangen und ich wurde entlassen. Das Schöne ist, meine Frau ist auch arbeitslos geworden. Sie hat als Altenbetreuerin in einer Familie gearbeitet, die hat Geldprobleme bekommen und ihr gekündigt."

Angelo Rolli ist ein kräftiger Mann. Breites Kreuz, Hände, die anpacken können. Vom Naturell her eher gemächlich. Aber jetzt ist er nervös. Er kaut Kaugummi, rollt den Antrag auf Arbeitslosengeld zusammen und wieder auseinander. Seit Montag ruft er jeden Abend Kollegen und Freunde an und fragt, ob sie von einer freien Stelle als Fahrer wissen.

"Man sagt mir, ich sei zu alt. Die Firmen nehmen lieber junge Leute. Die können sie mit einem Ausbildungsvertrag abspeisen, mir müssten sie mehr zahlen."

Aber auch für die Jungen sind die Zeiten schlecht. 30 Prozent der Italiener zwischen 15 und 24 Jahren sind ohne Job und auch nicht in einer Ausbildung. So wie Marco. Er ist 17 Jahre alt, hat mit Ach und Krach die Schule abgeschlossen, aber er findet keine Lehrstelle.

"Ich möchte ins Hotel- und Gaststättengewerbe, aber ich mache alles. Ich wohne mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder zusammen. Sie verdient 700 Euro im Monat, damit kommen wir nicht aus zu dritt."

Sozialleistungen, die mit Hartz IV vergleichbar wären, gibt es in Italien nicht. Dramatische Armut ist oftmals die Folge. Gerade in einer eigentlich reichen Stadt wie Mailand, wo alles mehr kostet als in der Provinz. Früher kamen arbeitslose Süditaliener in den Norden und fanden hier Arbeit. Früher, als im Industriedreieck Turin-Mailand-Verona die Wirtschaft noch boomte. Heute gehen Süditaliener, die ihre Stelle verlieren, zum Teil wieder zurück, weil die Lebenshaltungskosten im Süden niedriger sind und die Chancen auf Arbeit auch im Norden sinken. Die neue Regierung will den Arbeitsmarkt reformieren und die Wirtschaft wieder zum Wachsen bringen. Im Jobcenter in der Via Dini hoffen alle, dass ihr das gelingt.

Alle Beiträge der Serie: Quo vadis, Italien? - Reportagen aus der Post-Berlusconi-Ära



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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