BildungsZeit
BildungsZeit
Montag bis Freitag • 10:25
27.9.2004
Kinder aus Migrantenfamilien am Gymnasium
Von Stephanie von Oppen

Mehr als eine halbe Millionen ausländische Kinder und noch viel mehr Kinder mit deutschem Pass und nichtdeutscher Muttersprache gehen auf hiesige Schulen. Nur etwa fünf Prozent dieser Kinder schaffen das Abitur - bei den deutschen Muttersprachlern sind es 30 Prozent. Über Schulkarrieren von Einwandererkindern war bisher wenig bekannt. Neuere Studien zeigen, dass auf dem Weg zum Abitur die Unterstützung von Lehrern und Eltern eine große Rolle spielt. Im normalen Schulalltag haben es Söhne und Töchter von Migranten schwer: Sie werden immer noch mit sprachlichen Schwierigkeiten allein gelassen, Zweisprachigkeit wird nicht gewürdigt und Lehrpläne werden den veränderten Bedingungen nicht angepasst. Ist es zum Beispiel notwendig, dass sich ein türkisch stämmiger Siebtklässer mit einer alten Ballade herumschlägt, mit der wohl selbst die deutschen Muttersprachler in seiner Klasse wenig anfangen können?

Osman: Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht man's gut:
Ein Wrack auf der Sandbank!


Osman geht in die siebte Klasse eines Gymnasiums in Berlin-Moabit. Bei der letzten Deutscharbeit sollten die Schüler nach der Ballade von Otto Ernst einen Zeitungsartikel verfassen.

Osman: Der Inhalt war sehr schwer, eine Ballade ist schwer formuliert, also ich wusste nicht, was ein Wrack heißt oder Menschen fressende Rosse ist auch eine Metapher.

Osman hat für seine Arbeit eine sechs bekommen. Schlechte Aussichten für die Deutschnote am Ende des Probehalbjahres, das er unbedingt bestehen möchte. Osman kommt wie einige andere Kinder seiner Klasse aus einer türkischsprachigen Arbeiterfamilie.

Havva Engin: Die Kinder können gut parlieren, ihren Alltag können sie ganz gut bewältigen, worauf es ankommt und wo sie Schwierigkeiten haben, ist die Schulsprache und die Schulsprache ist eine sehr künstliche Sprache. Es bedarf eines besonderen Vokabulars, es bedarf einer bestimmten Sicherheit mit bestimmten Zeitformen und bestimmten Verbformen., das ist alles eine gewisse Technik und oft bei Mittelschichtsfamilien funktioniert das, diese Schulsprache wird dann auch Teil der Familiensprache. Das ist bei Migrantenkindern beziehungsweise bei Kindern aus sozial schwachen Milieus nicht gegeben.

Havva Engin stammt selbst aus einer türkischen Gastarbeiterfamilie. Heute ist sie Erziehungswissenschaftlerin an der Technischen Universität in Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt: Bildungspolitik im Hinblick auf Migrantenkinder. Havva Engin ist überzeugt davon, dass mehr dieser Kinder einen höheren Schulabschluss erreichen könnten, wenn sie entsprechend gefördert würden. Derzeit besuchen etwa acht Prozent das Gymnasium, fünf Prozent schaffen das Abitur, bei den Deutschen sind es etwa dreißig Prozent. Die meisten Migrantenkinder scheitern an sprachlichen Schwierigkeiten. Das könnte man ändern, glaubt Havva Engin.

Havva Engin: Wir müssen auch Fachlehrer, die wir ausbilden damit vertraut machen, dass sie Fachinhalte so vermitteln, dass sie auch sprachlich verstanden werden, also sprich Sprachförderung auch im Fachunterreicht. Das ist jetzt nicht so, dass der Biolehrer oder der Naturwissenschaftslehrer Sprachförderung betreibt, sondern Methoden an die Hand bekommt, Texte so zu bearbeiten, dass die Schüler auch nachvollziehen können, was die Hürden des Textes sind und diese wirklich auch gemeinsam meistern.

An den Universitäten müssen angehende Lehrer inzwischen das Fach Deutsch als Zweitsprache, kurz DaZ, belegen und an den Schulen hat man so genannte DaZ-Stunden, also Sprachförderstunden eingeführt - zumindest auf dem Papier.
Osman hat keinen Anspruch auf Sprachförderung, weil er zu gut spricht. Und seine Fachlehrer sehen nicht ein, auf seine Schwierigkeiten Rücksicht zu nehmen, glaubt er. Er versucht seine Defizite auf eigene Faust auszugleichen und sitzt jeden Tag viel länger an seinen Hausaufgaben als die Muttersprachler in seiner Klasse.

Osman: Meine Freunde, die lernen kaum, aber die schaffen es trotzdem und ich lerne fünf Stunden und bin genauso wie sie, bei jedem Fach kommt es ja auch drauf an, also auf deutsch, bei Geschichte, Erdkunde, bei mir war es so ich hatte Schwierigkeiten, also ich wusste die Sachen, aber wegen der Grammatik wurde mir immer zwei Punkte abgezogen, man muss eben sehr gut deutsch können.

Osman, der in Deutschland geboren ist, hat zu Hause und in seinem Stadtteil immer sehr viel türkisch gesprochen hat. Anders war es bei der türkischen Kurdin Halime, die mit neun Jahren nach Deutschland kam und mit ihrer Familie zunächst in einem Asylbewerberheim auf einem brandenburgischen Dorf lebte. In ihrer Klasse war sie die einzige Nichtdeutsche.

Halime: Im zweiten Jahr hatte ich schon eine eins in deutsch, vier Stunden am Tag habe ich, versucht, deutsch zu sprechen, und mein Vater hat uns immer angehalten, sprecht mal deutsch miteinander und kein türkisch, wir sprechen auch heute Deutsch zu Hause.

Halime hat bald angefangen deutsche Jugendliteratur zu lesen. Der Sprung aufs Gymnasium sei ihr leicht gefallen, erzählt sie. Inzwischen besucht sie die zehnte Klasse und ist dort eine der besten Schülerinnen. Unter welchen Voraussetzungen sie das geschafft hat, das interessiere niemanden, meint sie. Manchmal wünscht sie sich.

Halime: Dass sie mir als Mensch sagen hey du hast was erreicht. Ich begegne immer wieder Leuten, denen es ganz schnuppe ist dass ich Deutsch kann, es gibt einfach Lehrer denen es egal ist, die es selbstverständlich finden dass ich Türkisch kann und Deutsch und Englisch und Latein, die würdigen das nicht die kritisieren dich. Ich habe mal der Milch gesagt, da haben sie mich krass kritisiert und die ganze Klasse hat auf den Tisch gehauen.

Diese Erfahrung teilt Halime mit anderen türkischsprachigen Jugendlichen in Deutschland: Deren Zwei- oder Mehrsprachigkeit, wird weniger anerkannt als die von Kindern, die neben deutsch noch englisch oder französisch sprechen.
Halime möchte nach ihrem Abitur Psychologie studieren. Auch Osman will sein Abitur schaffen und träumt von einem Informatikstudium. Seine Eltern unterstützen ihn - zumindest moralisch.

Osman: Ein Bekannter von mir, die Eltern haben ihm auch Mut gegeben, du schaffst und er hat es geschafft, wenn man es unbedingt schaffen will, dann schafft man es.
-> BildungsZeit
-> weitere Beiträge