BildungsZeit
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5.10.2004
Weltlehrertag - ein Grund zu feiern?
Zum Stand und zur Zukunft des Lehrerberufes
Von Georg Gruber

Lehrer und Schüler an der Tafel (Bild: AP)
Lehrer und Schüler an der Tafel (Bild: AP)
In Deutschland sind die Lehrer nach einer OECD-Studie zwar gut bezahlt, aber es fehlt an Nachwuchs. Die Lehrerschaft ist bei uns älter als in den meisten Nachbarländern, nach einer Pensionierungswelle droht ein Lehrermangel. Der Beruf scheint vielen jungen Menschen heute nicht mehr attraktiv genug. Und die Junglehrer selbst fühlen sich nach langem Studium oft nicht gut genug auf den Ernstfall vorbereitet.

Oliver Arlt: Vergiss das alles, was du an der Uni gelernt hast, wir sind jetzt hier an der Schule, da ist alles anders.

Ein Satz, den viele junge Lehrer in Deutschland an ihrem ersten Arbeitstag zu hören bekommen. Oliver Arlt, 32, ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Junglehrer und Lehrerinnen und seit zwei Jahren Gymnasiallehrer für Englisch, Russisch und Deutsch an einer Berufsbildenden Schule in Sachsen-Anhalt.

Oliver Arlt: Am Anfang hab ich das alles gar nicht so glauben wollen, so wahrhaben wollen, sondern war sehr idealistisch, bin mit viel Elan rangegangen, hab mir das bisher Gott sei Dank bewahren können. Man ist dann doch ernüchtert worden.

Wer in Deutschland Lehrer werden will, muss lange studieren, länger als in den meisten anderen OECD-Ländern. Doch auf den schulischen Alltag sind die Junglehrer dann meist nur unzureichend vorbereitet.

Oliver Arlt: Man wird als Junglehrer eigentlich in das kalte Wasser geschmissen, so muss man es einfach ganz grob formulieren. An der Universität hat man zwar seine erziehungswissenschaftlichen Seminare, Pädagogik und auch Sozialwissenschaft, was man da nebenbei studieren muss, ich sag das betont, nebenbei, denn an der Universität ist es doch eher der Fall, dass das Fachstudium den Vorrang hat und das Erziehungswissenschaftliche eher stiefmütterlich behandelt wird.

Die praktischen Erfahrungen soll der Lehrer im Referendariat erwerben, doch während dieser Zeit ist er oft nur billige Arbeitskraft:

Oliver Arlt: Aufgrund der Finanznot wird der Referendar vor allem ausgenutzt, das heißt, er muss meistens eigenverantwortlichen Unterricht geben, wird genötigt, für andere Lehrer, die nicht da sind, meistens aus Gründen der Nichteinstellung, in den Unterricht zu gehen, als billige Arbeitskraft missbraucht und wird nicht ausgebildet, sondern muss sich selber ausbilden, weil dann nämlich hinten sein Mentor fehlt, der spezielle Tipps geben kann, der führen kann: das war gut diese Methode, dieser Frontalunterricht hätte nicht gepasst, hättest lieber Gruppenunterricht gemacht.

Das Studium an der Universität sei viel zu theorielastig, müsste viel früher schon mit der Praxis verzahnt werden, das ist eine der Hauptforderungen der Junglehrerorganisation ADJ.

Lehrer gehört zu den Berufen mit Zukunft, die Lehrerschaft in Deutschland ist überaltert, die KMK, die Konferenz der Kultusminister rechnet damit, dass bis zum Jahr 2015 74.000 Lehrer an deutschen Schulen fehlen könnten. Der Verband Bildung und Erziehung VBE sieht einen noch höheren Bedarf.

Schultafel mit alter und neuer Rechstschreibung (Bild: AP)
Schultafel mit alter und neuer Rechstschreibung (Bild: AP)
Die Länder müssten endlich längerfristiger planen, damit sich der Zyklus früherer Jahre nicht wiederhole: Zuerst gibt es zu wenig, dann wieder zu viele Lehrer. Und es müsse ein bundesweiter Arbeitsmarkt für Lehrer geschaffen werden, denn noch immer ist es für Lehrer nur schwer möglich, von Bundesland zu Bundesland zu wechseln. Um für Abiturienten wieder interessant zu werden, müsse der Lehrerberuf gesellschaftlich aufgewertet werden, fordert Ludwig Eckinger, der Vorsitzende des VBE:

Wenn ein Lehramtsanwärter weniger verdient als ein Maurerlehrling im dritten Lehrjahr, dann ist das einfach nicht attraktiv genug, d.h. auch die Rahmenbedingungen finanzieller Art müssen verbessert werden, aber auch die Bedingungen insgesamt in den Schulen, da komm ich wieder auf die Klassenstärken, auf die Möglichkeiten der Hilfestellung, wenn es Probleme mit der Disziplin gibt, also ein soziales Netzwerk aufzubauen, das ist alles wichtig, um die Profession neu zu beschreiben und zu definieren und dann bin ich auch sicher, dass gerade geeignete junge Leute, die sich sozial engagieren wollen, gewonnen werden.

Noch ein Defizit der universitären Ausbildung: es fehlt an Aufklärung über das sich wandelnde Berufsbild. Der Sprecher der Brandenburger Junglehrer, Jörg Bölke:

Der Lehrer heute muss ja neben dem Bilden und Erziehen auch noch Sozialarbeiter sein, man wird in Dinge involviert, die man so nebenbei zu tun hat, wo man sich mit Problemen auseinandersetzen muss, die gesellschaftlich bedingt sind, mit Drogen, mit Gewalt, mit Schülern, wo man froh ist, wenn sie überhaupt am Unterricht mittun, und das wird eben dem Referendar und dem Lehramtsanwärter relativ spät erst klar.

Sinnvoll wären deshalb Praktika schon vor Studienbeginn und Eignungstests, wie sie bereits an der Universität Bamberg entwickelt worden sind.

Ludwig Eckinger: Die sind psychologisch natürlich aufgebaut, d.h. wo man dann ziemlich genau erfragen kann, ob die soziale Kompetenz, die Stresskompetenz so stabil ist von Anfang weg, dass man das ausbauen kann, und ich denk, dass das z.B. ein guter Weg ist für die Selbstüberprüfung der Kandidatinnen und Kandidaten.

Die Welle der anstehenden Pensionierungen ist für Studenten eine große Chance, einen schnellen Einstieg in den Beruf zu finden - aber nicht ohne Risiko. Oliver Arlt:

Das ist das Problem, das wir haben zur Zeit, der Lehrerstand ist überaltert, die Lehrer gehen alle in Pension, in Rente und wir haben dann keine älteren Kollegen mehr, die dem jungen ihre Erfahrung weitergeben können und das ist eigentlich sehr sehr gefährlich.

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