BildungsZeit
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6.10.2004
W wie Wissen
Ist Sciencetainment Wissenschaftsfernsehen?
Von Guido Meyer

PISA-Studie und OECD-Gutachten haben nicht nur die Bildungspolitiker in Bund und Ländern sowie die Lehrer in ganz Deutschland aufgeschreckt: Auch das Fernsehen hat sich an die eigenen Nase gepackt und in den letzten Jahren seine Wissenschaftsmagazine aufgerüstet. Dabei gehen öffentlich-rechtliche und private Sender jedoch - wie so oft - unterschiedliche Wege. Lernen mit Bildern - Das Fernsehen als Lehrer? lautete die Fragestellung einer Veranstaltung der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien und des Adolf Grimme Instituts, die Ende vergangener Woche in München stattfand.

Die Wespen in der Wissenschaft, so im ARD-Magazin W wie Wissen. Vielleicht besser: Alltagswissenschaft, denn das ist oftmals das höchste der Gefühle, wenn es darum geht, Neues aus der Forschung fernsehgerecht - also massenverständlich - aufzubereiten.

Yogeshwar: Dass wir mehr Wissenschaftssendungen sehen als vor zehn Jahren, liegt eher an der Unterlassungssünde vor zehn Jahren. Vor zehn Jahren war es tatsächlich so, dass es einfach eine Phase gab, wo Wissenschaft im Bewusstsein nicht nur im Fernsehen, sondern zum Beispiel auch im Zeitungsbewusstsein eher unterentwickelt war. Und davon hat man sich erholt. Und das ist gut.

Ranga Yogeshwar erklärt - ebenfalls im öffentlich-rechtlichen Fernsehen - die Welt, Quarks & Co., und zwar im Westdeutschen Rundfunk; einst - wie alle Dritten Programme - als Bildungsfernsehen an den Start gegangen. Bildung ist in - locker als Quiz, spaßig als Show oder erklärend als Wissensmagazin.

Yogeshwar: Mich beängstigt manchmal die Sprache in diesen so genannten Wissensmagazinen, die immer dramatischer wird. Wenn man nur mal die Augen zumacht und all diese schönen Bilder nicht sieht … wenn ich nur höre, was da passiert - da frag' ich mich immer: 'Was ist das?' Ich glaube, Boom ist richtig, Wissen vielleicht auch, Wissenschaft vielleicht nicht ganz immer so.

Ein Vorwurf zum Beispiel in Richtung Galileo, dem täglichen Wissensmagazin auf ProSieben. Dessen Redaktionsleiter, Thomas Zwiessler, erhebt für sein Programm erst gar nicht den Anspruch der Wissenschaftlichkeit.

Zwiessler: Wir machen nicht Wissenschaftsfernsehen, das ist absolut richtig. Wir machen Wissensfernsehen - so haben wir es mal genannt -; und die Idee ist nicht, die Wissenschaftscommunity zu bedienen. Es geht uns nicht drum, auf der Ebene mit Professoren und Wissenschaftlern zu argumentieren und den Level, was ganz vorn ist in der Wissenschaft, irgendwie darzustellen, sondern wir gehen genau den anderen Weg: Wir gehen auf die Seite der Zuschauer, und wir möchten deren Fragen beantworten; ganz einfache Fragen aus der Sicht von Laien.

Galileo, die "Sendung mit der Maus für Erwachsene". Wie kommt das Benzin in die Zapfsäule und wie entsteht ein Schlagloch? Doch die Grenzen zwischen Maus und Sesamstraße sind fließend.

"Fragen aus der Sicht der Zuschauer" auch hier, im gemeinsamen Dritten Programm von SWR und SR. Alltagswissenschaft öffentlich-rechtlich, genauso wie die Wespen von W wie Wissen. Die ARD bietet beides, im ersten und im dritten Programm: "Fragen aus der Sicht von Laien", aber eben auch Neues aus Naturwissenschaften. Beispiel hierfür: Abenteuer Erde im Hessenfernsehen.

Und auch Geschichte gehört zur Bildung, und damit die nicht nur bei arte vorkommt, hatte sich das ZDF vor vier Jahren History ausgedacht. Das Magazin mit einem historischen Themen-Mix fand jedoch nicht das gewünschte Zuschauerinteresse, so dass es seit seinem Relaunch 2003 monothematisch daherkommt.

Der Themenhorizont von ZDF-History ist recht eingeschränkt: Zeitgeschichte, und die heißt beim ZDF fast ausschließlich Hitler und das Dritte Reich. Als Exportschlager funktioniert dieses Thema jedoch. Stefan Brauburger, der stellvertretende Leiter der Redaktion Zeitgeschichte beim ZDF.

Brauburger: Wir haben ´ne enge Kooperation mit dem History-Channel seit über zehn Jahren schon. Und ein großer Teil unserer Programme - vor allem über den II. Weltkrieg und das NS-Regime - wird von History-Channel koproduziert, so dass wir bestimmt schon Dutzende von Programmstunden dorthin geliefert haben in den letzten Jahren.

In den USA also laufen deutsche Produktionen, während das ZDF umgekehrt jährlich rund ein Viertel der History-Sendeplätze mit Material aus Amerika bestückt. Aus dem anglo-amerikanischen Fernsehen kommt auch der Trend des Sciencetainments, den das ZDF in mittlerweile loser Folge mit der Knoff-hoff-Show bedient und seit diesem Jahr SAT.1 mit clever - der Show, die Wissen schafft. Thomas Zwiessler, Leiter der Wissensmagazine bei ProSieben.

Zwiessler: Sciencetainment ist eine dieser tollen Wortschöpfungen wie Infotainment oder so, wo man sagt Unterhaltung und Wissenschaft, das kann man zusammenbringen, Science und Entertainment. Und das ist mit Sicherheit ein Trend im Augenblick. Der Ansatz ist immer der, Wissen zu vermitteln. Und es gibt immer mehr Formate, die den Weg gehen über Unterhaltungsshows das Thema Wissen ans Publikum zu bringen. Das ist Scienetainment.


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