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11.10.2004
Hauptschüler können mehr
Arbeitsstiftung Hamburg vermittelt Hauptschülern eine Ausbildung

Ein Gießereimechaniker- Azubi reinigt die Negativformen für Aluminiumguss (Bild: AP)
Ein Gießereimechaniker- Azubi reinigt die Negativformen für Aluminiumguss (Bild: AP)
Hauptschüler ziehen bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz meistens den Kürzeren, Viele Arbeitgeber glauben, ihr Leistungsvermögen und ihre Leistungsbereitschaft seien zu gering. Dass Hauptschüler auf dem harten Lehrstellenmarkt dennoch eine Chance haben, zeigt die Arbeitsstiftung Hamburg. Sie bemüht sich, Hauptschüler in eine Ausbildung zu vermitteln, und das durchaus mit Erfolg.

Bei der Arbeitsstiftung Hamburg herrscht in diesen Tagen Hochbetrieb. Hier sitzt die Koordinierungsstelle, die zwischen den mehr als 100 Hautschulen der Hansestadt und den Unternehmen vermittelt. Zum beginnenden Ausbildungsjahr wollen die Vermittler noch so viele Hauptschüler wie möglich in Lohn und Brot bringen. Michael Gödecke hat die Koordinierungsstelle vor drei Jahren aufgebaut.

Wir sind mit der Koordinierungsstelle 2001 gestartet mit 30 Schulen, dann 61 im letzten Schuljahr 92 Schulen und jetzt auf alle ausgeweitet. Der Erfolg ist der, dass die Schüler die direkt im Anschluss an die Schule einen Ausbildungsplatz bekommen haben, diese Zahl hat sich verdoppelt. Der andere Erfolg, dass Schüler viel sicherer bei ihrer Berufswahl geworden sind und ihren Wunschberuf gefunden haben.

Gödecke und seine neun Mitarbeiter befragen die Hauptschüler nach ihren Stärken und Interessen, sie sind bei der Bewerbung behilflich und sie sind es, die den Unternehmen dann die passenden Auszubildenden vorschlagen. Die Betriebe lassen es sich gerne gefallen, dass ihnen die lästige Bewerberauswahl abgenommen wird. Fast 50 Hamburger Unternehmen machen mit, darunter Airbus, Axel Springer, Gruner + Jahr, Hapag Lloyd oder die Holsten Brauerei. Der Personalchef der Otto-Gruppe, Gerd Knop, ist einer der Initiatoren des Projekts.

Wir haben Schüler in Ausbildungsberufe vermittelt wo Fachleute vor drei Jahren gesagt haben, für Hauptschüler geht das nicht zum Beispiel bei Fielmann als Optiker, weil der Bewerber so motiviert war und klar war, er will Optiker werden. Und er hat selber ein unglaubliches Engagement gezeigt, ist durchgekommen, so dass die ihm einen Ausbildungsplatz gegeben haben.

Die Abbrecherquote geht gegen Null, ein Zeichen, dass die Kriterien für die Auswahl der Hauptschüler stimmen. Der 17-jährige Mike Baumgarten hat am 1. August eine Lehrstelle als Industriemechaniker für Fach- und Feinwerktechnik angetreten. Dabei musste sich der selbstbewusste Hauptschüler gegen starke Konkurrenz durchsetzen.

Ich war der beste auch gegen Gymnasiasten ich hatte das beste technische Verständnis und Allgemeinwissen, wobei die Gymnasiasten zum Teil auch schon Studierte, nichts wussten.

Großen Wert legt die Koordinierungsstelle auf die besonderen Fähigkeiten, die die Bewerber in ihrer Freizeit erworben haben, etwa im Sportverein, bei den Pfadfindern oder in der Familie, sagt Gödecke.

Da gibt es einzelne Schülerinnen und Schüler, die führen wie ein Elternteil eine Familie, sind verantwortlich für die anderen Kinder und das dann auch deutlich zu machen in einer Bewerbersituation, welche Verantwortung man da übernommen hat, ist ein ganz entscheidender Punkt, um Türen geöffnet zu bekommen.

Thorsten Breuer ist Schulleiter der Ganztagshauptschule im Altonaer Volkspark. Für den Pädagogen ist es ein großer Vorteil, dass die Schulen über das System einen direkten Draht zu Unternehmen bekommen. Jede Schule hat mittlerweile ihr Partnerunternehmen. Der Personalchef lädt alle Schüler, die einen Ausbildungsplatz suchen, zu einem Bewerbergespräch unter Realbedingungen ein, nachher gibt es konstruktive Manöverkritik, erzählt der Schulleiter.

Ich kann's jetzt nur für unsere Schule sagen, wir haben in der letzten Hauptschulklasse 19 Abgangsschüler gehabt und davon wollten zwölf in eine betriebliche Ausbildung und sechs haben es geschafft, 50 Prozent, da war die Koordinierungsstelle maßgeblich dran beteiligt.

Viele Unternehmen haben sich angesichts der geburtenschwachen Jahrgänge ausgerechnet, dass sie ihre Mitarbeiter ab 2010 nicht mehr aus Realschulen oder Gymnasien rekrutieren können. Um qualifiziertes Personal zu bekommen, könne man sich aber auf die Abschlusszeugnisse der Hauptschüler nicht mehr verlassen, sagt der Personalchef Knop. Umso wichtiger sei für die Unternehmen dieses Projekt.

Wir stellen fest, dass die Noten über das tatsächliche Wissen, auch das schulische Wissen, keine Auskunft mehr geben, wir sprechen mit Schülern ausländischer Herkunft, wo sich die Ausbilder fast mit ihnen auf Deutsch nicht verständigen können, obwohl sie zehn Jahre in Deutschland zur Schule gegangen sind und die haben in Deutsch eine Drei, wenn man da einen Notentest machen würde müsste man sagen, das ist überhaupt nicht mehr notenfähig, was da an Ergebnis rauskommt.

Das Hamburger Hauptschulsystem hat mittlerweile bundesweit Interesse geweckt. Der Otto-Personalchef Knop hat viele Anfragen

In Berlin gibt es eine Gruppe von zwölf Hauptschulleitern, die gerne nach unserem Projekt arbeiten würden. Die Stadt Basel fängt mit dem Projekt an. Es gibt in der Stadt München den Versuch an verschiedenen Stellen so etwas in Gang zu bringen und wir werden wahrscheinlich in Magdeburg demnächst auch so ein Projekt auflegen.

In Hamburg ist die Stadt ein maßgeblicher Geldgeber des Projekts. Neben der konkreten Vermittlung von Hauptschülern in Ausbildungsplätze sieht der Oberschulrat in der Bildungsbehörde, Alfred Lumpe, einen großen Vorteil in dem Hauptschulprojekt auch darin, dass das Selbstbewusstsein der Jugendlichen gestärkt werde.

Hauptschüler sind besser als ihr Ruf. Hauptschüler erleben sich nicht mehr als Restschüler, sondern wissen um ihre Leistung und ihre Potentiale und finden die Wege, die sie gehen könne, dies ist nur möglich weil auch die Wirtschaft uns unterstützt und ihren Beitrag dazu leistet.

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