BildungsZeit
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18.10.2004
Landluft zum Anpacken
Besuch auf einem Schulbauernhof
Von Carolin Hoffrogge

Ein Bauer auf dem Acker bringt die Heuernte ein (Bild: AP)
Ein Bauer auf dem Acker bringt die Heuernte ein (Bild: AP)
Landluft zum Anpacken, Bildung durch tatkräftige Mitarbeit auf einem Bauernhof. So könnte man das Motto nennen, unter dem die 22 Grundschüler der Göttinger Albanischule ihre Klassenfahrt angetreten sind. Die acht- und neunjährigen Kinder sind auf einen Schulbauernhof, den Hutzelberghof nach Nordhessen gefahren. Auf diesem Biohof arbeiten sie fünf Tage als kleine Landwirte mit. Der Hutzelberghof ist untergebracht in alten Fachwerkgebäuden und einer umgebauten, ehemaligen Dorfschule. 42 solcher Schulbauernhöfe gibt es in Deutschland, zum Beispiel den Paradieshof im brandenburgischen Freidorf am Nationalpark Müritz oder den ostfriesischen Woldenhof in Wiegboldsbur in Niedersachsen. Auf diesen Höfen leben alle Tiere, die Kinderherzen höher schlagen lassen, außerdem warten spannende, vor allem ungewohnte Arbeiten auf die Schüler.

In Oberrieden, einem kleinen Fachwerkdorf in Nordhessen zieht morgens um sieben noch dicker Frühnebel durch die umliegenden Täler. In einem dieser Täler steht Landwirtin Michaela Schenke in ihrer grünen Latzhose und dicken Gummistiefeln; am Melkstand mitten auf dem Feld. Die Kühe fressen gemächlich. Aber ihre kleinen Helfer aus Göttingen wuseln geschäftig um sie herum.
Jedes Kind melkt eine Kuh, nicht ganz, sondern melkt sie nur an. Die Milch, die sie dabei mit ihren kleinen Fingern aus dem Euter pressen, fangen sie in einen Metallbecher auf. Der 8-jährige Pit nimmt einen kräftigen Schluck seiner gerade gemolkenen Milch.

Pit: Gut, die schmeckt so warm, schmeckt eigentlich anders als unsere, die normale Milch, die gekaufte. Michaela Schenke: Die Milch hier von Coco ist auf jeden Fall viel fetter als die der anderen Kühe.

Für Pit, Marlene, Beriwahn und zwei weitere ihrer kleinen Landwirtskollegen ist heute Morgen ein früher Arbeitsbeginn. Mit verschlafenen Augen und verwuscheltem Haar stehen sie auf der Wiese. Dabei ist ihr Tatendrang nicht zu bremsen.

Marlene: Wir mussten heute um sechs Uhr aufstehen, um halb sieben haben wir nämlich Dienst, aber wir sind ne viertel Stunde zu früh gekommen. Wir waren um zehn vor halb sieben da.

Beriwahn: Aber dann konnten wir noch an der Else üben.

Else ist nicht etwa eine leibhaftige Kuh, sondern ein so genannter Melkstuhl mit Gummieuter. An diesem Euter können die Kinder ziehen und zerren, bis sie den Trick heraushaben, wie sie mit ihren Händen aus dem Euter die Milch streichen können. Die Kinder für's Melken zu begeistern, fällt Landwirtin Michaela Schenke nicht schwer.

Sie machen alles mit, die Kinder. Wir arbeiten in Kleingruppen mit maximal acht Kindern, jetzt haben wir fünf Kinder pro Gruppe, das ist noch viel schöner, von morgens um halb sieben bis mittags halb eins. Es gibt noch zwei Pausen dazwischen. Es ist schon anstrengend, aber das darf es auch sein. Sie sollen sehen, dass die Herstellung von Lebensmitteln nicht ganz ohne Arbeit geht.

Die vier Schwarzbunten sind gemolken. Stolz schleppen die Kinder die frische Milch - immerhin 25 Liter - zum Trecker.

Alle aufsteigen! Und alle sitzen mit dem Po auf dem Boden!

Keine zwei Kilometer entfernt stehen acht weitere kleine "Bäuerinnen und Bauern in spe" auf dem Hutzelberghof. Ihr Arbeitsplatz heute: die Mitte eines großen Gemüsefelds. Eine von ihnen ist die 8-jährige Zoe. Ihre blonden Zöpfe hängen noch schief um ihr zartes Gesicht. Mit ihrem rosa T-Shirt und der geblümten Leggins ist Zoe für diese Arbeit nicht unbedingt richtig ausgestattet. Das ist der Gänsehaut auf ihren zarten Armen gleich anzusehen. Zu ihrer Arbeit muss Zoe erst noch den richtigen Drive finden:

Zoe: Unkraut rupfen. Na ja, ziemlich kalt.
Leon: Weiß ich nicht, irgend so ein Unkraut halt.
Priborski: Das wichtigste ist nicht was ihr rausrupft, sondern das was stehen bleibt. Wisst ihr noch was das ist.

Kind: Rote Beete
Priborski: Genau richtig, rote Beete.

Die Gemüsegruppe braucht Motivation: In der Erde rumwühlen, sich die Finger schmutzig machen, jäten, jäten, jäten, das kann schon mal zu Missmut führen, erzählt Landwirtin Ulrike Priborski. Aber die sympathische, herzliche Frau weiß, die Kinder von Anfang zu begeistern.

Wir versuchen immer am Tag einen Bogen zu schließen. Von Säen, Pflanzen, Pflege, Ernten. Das kommt natürlich ganz auf die Jahreszeit an, was wir haben, was wir ihnen bieten können. Zum Beispiel gestern haben wir Brombeeren geerntet und die wurden dann verarbeitet, machen wir auch Marmelade. Und so kriegen sie immer den Ablauf hin. Das es nicht nur Lebensmittel sind, die bei ihnen auf dem Tisch stehen, sondern sie haben diese Lebensmittel selbst geerntet, verarbeitet und dann essen sie sie.

Dass sie - genau nach diesem Prinzip des Kreislaufs - auch irgendwann einmal die Wurst der Schweine essen werden, die sie gerade füttern, ist den Kindern nicht so lieb, erzählt Bauer Holger Schenke. Bei dem Anblick der beiden massigen, grunzenden Sauen auf dem Feld vor seinem Hof, hüpfen die 8- und 9 Jährigen von einem auf das andere Bein. Chiara und Clara haben die beiden Sauen gerade gefüttert:

Chiara: Schweinefrühstück
Clara: Das ist Weizen, mit Roggen, Linsen und Bohnen. Oder, ja genau Erbsen und Bohnen. Holger Schenke: Wenn die Schweine geschlachtet werden sollen, dann müssen die 100 Kilo wiegen. Was schätzt ihr, wie lange müssen wir die Füttern, bis die so schwer sind. Chiara: Zwei bis drei Jahre.

Zwei bis drei Jahre, mit dieser Schätzung liegt Chiara falsch. Nur ein halbes Jahr dauert es bis die Schweine 100 Kilo wiegen. - Schweinemästen, Hühner und Gänse füttern, Kaninchen versorgen, Rinder treiben, Käse und Quark selbst herstellen und Brot backen: der Stundenplan der Drittklässler der Göttinger Albanischule ist heute, auf dem Hutzelberghof, noch lang. Ihre Klassenlehrerin Ingrid Laspe ist davon überzeugt, dass die Kinder viel mit nach Hause nehmen:

Unsere Stadtkinder werden hier mit der puren Natur konfrontiert und wenn sie eine Spinne sehen, rufen sie Iiiih. Aber das war das Erste, was die Bäuerin ihnen gesagt hat. "Iiiih gibt's hier nicht, das heißt Oh wie interessant". Das ist schon zu einem richtigen Bon mot geworden. Ich glaube, das werden die Kinder nicht vergessen. Die Kinder haben auch ihren Sachkundeordner mit, sie haben Arbeitsblätter bekommen zu einem Schwerpunktthema. Eine Gruppe zum Thema Schwein, zum Thema Kuh, zum Thema Schaf. Sie sollen sich zu ihrem Thema zu kleinen Experten machen.

Auch Max hat sich zu einem kleinen Experten ausbilden lassen. Der sonst sehr ruhige und schüchterne Junge ist auf dem Hutzelberghof richtig aufgeblüht. Begeistert erzählt er von den alten Handwerkstechniken, vom Sensen und Dreschen, mit Sense und Dreschflegel.

Man nimmt sich ein Bündel von Körnern und dann nimmt man die Sense und dann muss man nur ein paar Mal draufhauen und dann geht es ab. Dreschen das ist schon ziemlich schwer. Das ist ein Stab, daran ist ein anderer mit einer Schnur befestigt, und dann muss man da immer auf das Korn hauen. Das ist dann so, dass das Korn aus so kleinen Hüllen raus springt und dann siebt man das, mit Wind. Damit man die Körner hat, aber die Schalen halt wegfliegen, weil die leichter als die Körner sind.

Am Beispiel vom Dreschen oder Melken zeigen Michaela und Holger Schenke den Kindern, mit welchen Methoden früher Landwirtschaft betrieben wurde und wie sie sich bis heute verändert hat- so erfahren die Kinder sinnlich, wie die moderne Technik zwar die Handarbeit abgelöst hat, das Produkt jedoch heute wie damals ein Geschenk der Natur ist.
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