BildungsZeit
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19.10.2004
Ein-Euro-Lehrer in Berlin
Schulsenator will arbeitslose Lehrer für gezielte Förderung einsetzen
Von Markus Rimmele

Schüler (Bild: AP)
Schüler (Bild: AP)
Giuliano: ... und dann haben wir gestritten mit der Halskette.

Aufgeregt erzählt Giuliano vom Streit unter den Kindern um eine Halskette. Doch es fällt nicht leicht, ihn zu verstehen. Sein Wortschatz im Deutschen ist sehr klein, ganze Sätze bildet er kaum. Dabei gehört er noch zu denen, die sich ganz gut verständigen können. Die Kita am Bülowbogen in Berlin-Schöneberg hat ein Sprachproblem. 90 Prozent der rund 160 Kinder haben ausländische Eltern, die meisten sind Türken und Araber. Viele kommen zudem aus sozial sehr schwachen Familien. Beides zusammen fördert die Spracharmut, so die Erfahrung der stellvertretenden Kita-Leiterin Gabriele Jürgens:

Jürgens: In einigen Familien ist es so: Die Eltern sind schon in der zweiten oder dritten Generation eben hier, sprechen auch sehr schlecht ihre Muttersprache, die sich dann eben schon mit der deutschen Sprache vermischt hat. Und leider, muss man sagen, kriegen wir eben auch so mit, dass zu Hause ein sehr wortarmes Familienleben stattfindet. Also eine Mutter hat uns geschildert, ihr Kind sitzt vor dem Fernseher und guckt sich eine deutsche Trickfilmsendung an, und dadurch soll das Kind dann Deutsch lernen.

Die Kinder aus der Bülowstraße gehören zu der Gruppe, die laut Pisa-Studie die geringsten Bildungschancen hat: Es sind Kinder aus sozial schwachen Migranten-Familien.
Die Berliner Politik hat das Problem erkannt und will nun gegensteuern - durch Kontrolle und gezielte Förderung. Derzeit laufen die ersten Sprachtests für die 38.000 Kinder, die in Berlin im kommenden Sommer eingeschult werden. Der Test mit dem Namen Deutsch Plus ist verpflichtend für alle künftigen Erstklässler. Wer schlecht abschneidet, muss von Februar bis Juli für zwei Stunden täglich in den Deutschunterricht, noch vor der Einschulung. Diese gezielte Förderung wird in den Kitas stattfinden.
Kinder aber, die keine Kita besuchen, sollen in ihren künftigen Grundschulen Deutsch lernen. Und genau um diese Gruppe dreht sich der jüngste Berliner Bildungsstreit. Der zuständige Senator Klaus Böger von der SPD lässt nämlich prüfen, ob er für diese Aufgabe so genannte Ein-Euro-Lehrer einsetzen kann, das heißt arbeitslose Lehrer, die ab dem kommenden Jahr durch das Hartz-IV-Gesetz zu gemeinnützigen Arbeiten herangezogen werden können. Rita Hermanns von der Senatsverwaltung für Bildung:

Hermanns: Wir haben gesagt, es wäre doch eine gute Idee, wenn Grundschullehrer, die fertig sind mit der Ausbildung, statt arbeitslos zu Hause zu sitzen, sich erste Berufserfahrungen bei diesen Kursen erwerben können. Vielleicht brauchen wir auch niemand, Vielleicht haben wir auch genügend Lehrer und Lehrerinnen an Bord, die das machen. Trotzdem könnte man überlegen, ob man nicht zusätzlich im Sinne von 'eine Lehrerin geht mit in die Klasse' doch noch Grundschullehrerinnen dieses Angebot machen könnte.

Der Vorschlag hat vielerorts für Empörung gesorgt, vor allem bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW. Deren Berliner Vorsitzende Ulrich Thöne hält den Einsatz von Ein- bis Zwei-Euro-Lehrern für rechtlich unzulässig. Denn nach dem Hartz-IV-Gesetz müssen die neuen Jobs zusätzlich sein, das heißt dürfen keine regulären Arbeitsplätze ersetzen. Die Sprachförderung, so Thöne, sei aber eine staatliche Pflichtaufgabe:

Thöne: Es handelt sich insofern um eine Pflichtaufgabe, weil im Schulgesetz vorgesehen ist, dass Kinder, die sich zur Schule anmelden, einem Test unterliegen. Wenn sie in diesem Test sprachliche Mängel bescheinigt bekommen, dann müssen sie verpflichtend an einem Sprachförderkurs teilnehmen, der in der Schule angeboten wird. Etwas, das verpflichtend in der Schule angeboten wird, definiere ich nun mal als Pflichtunterricht, und das ist eine staatliche Aufgabe. Und wenn ich einmal eine Pflichtaufgabe mit Euro-Jobs belege, gibt's im Prinzip kein Halten mehr.

Jede neue Aufgabe, die auf den Staat zukomme, so Thönes Befürchtung, könnte er dann in Zukunft durch Arbeitslose erledigen lassen, um Geld zu sparen. Tatsächlich verfügt Berlin über ein stattliches passives Arbeitskraftpotenzial. Rund 1000 arbeitslose Lehrer leben in der Stadt, jeder vierte davon ist Grundschullehrer. Das wären mehr als genug für die bis zu 700 Kinder, die ab Februar voraussichtlich außerhalb der Kitas Deutsch lernen müssen. Außerdem denkt der Senator bereits weiter. Die Berliner Schulen, so sieht es derzeit aus, könnten bald zum großen Einsatzgebiet für Arbeitslosengeld-II-Empfänger werden. Und das Land spart. Rita Hermanns:

Hermanns: Es geht ums Vorlesen, um Schularbeitenhilfe, um Verstärkung der Schulstationen, um Kinderbetreuung. Also da kann man sich einiges vorstellen, was - ich betone es noch einmal - zusätzlich den Kindern an der Schule angeboten werden könnte.

Auch die Bundesagentur für Arbeit hat sich mittlerweile zum Schulstreit geäußert. Sie hält den Einsatz von Ein- bis Zwei-Euro-Arbeitskräften in Schulen für rechtlich unproblematisch. So wie die Berliner Elternschaft, organisiert im Landeselternausschuss. Und andernorts in Deutschland, etwa in der Hamburger Politik, stoßen die Berliner Pläne bereits auf großes Interesse.
Die Betroffenen selbst aber sind skeptisch bis ablehnend. Es sind vor allem junge Lehrer, die direkt nach der Ausbildung auf der Straße stehen. Sie wären wohl die ersten Kandidaten für die Ein-Euro-Jobs. Katherina Keestra steht kurz vor dem Ende des Referendariats:

Keestra: Ich lehne das ab, weil eigentlich ein Bedarf ist, Lehrer einzustellen. Wir haben junge Schüler, die eigentlich auch von jungen Lehrern unterrichtet werden müssten, die einfach lebensnah unterrichten können dadurch. Und man kann Bildung nicht einfach für wenig Geld erkaufen.


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