BildungsZeit
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21.10.2004
Eine Brücke zur Ausbildung
Einstiegsqualifizierung für Jugendliche ohne Lehrstelle
Von Sabine Güthe

Auszubildender in einer Werkstatt der Handwerkskammer Stuttgart (Bild: AP)
Auszubildender in einer Werkstatt der Handwerkskammer Stuttgart (Bild: AP)
Trotz aller Appelle und Zusagen - das Ausbildungsjahr 2004/2005 hat begonnen, aber in Deutschland stehen immer noch mehr als 40.000 junge Menschen auf der Straße - ihnen stehen nur 13.000 unbesetzte Ausbildungsstellen gegenüber. In diesen Wochen versuchen die Arbeitsagenturen in Nachvermittlungsaktionen noch einige Jugendliche unterzubringen, aber die meisten werden wohl leer ausgehen. Ihnen werden nun im Rahmen des Programms "Einstiegsqualifizierung für Jugendliche" neu entwickelte Praktikumsplätze angeboten. Das Besondere: Die EQJ-Praktika beinhalten festgelegte Lehrbausteine, die bei einer späteren Ausbildung angerechnet werden können.

Berater: Ja, wir haben jetzt Mitte Oktober, was machen wir denn jetzt? Ich hab heute Morgen noch mal geguckt, wo noch Stellen da sind. Die Chancen sind relativ klein jetzt geworden.

Matthias: Hab ich schon fast mit gerechnet. Bei der IHK auf der Internetseite ist auch alles leer im Moment.

Matthias bei seinem Arbeitsberater. Die beiden kennen sich schon gut, denn seit dem Frühjahr ist der 20-Jährige regelmäßig hier. Nachdem er die Berufsschule abgebrochen hatte, sucht er nun einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker.
Inzwischen hat er einen echten Bewerbungsmarathon hinter sich. Mehr als 80 Bewerbungen hat er rausgeschickt, quer durch Nordrheinwestfalen - ohne Erfolg. Das frustriert.

Matthias: Also irgendwo fängt man an, an sich selbst zu zweifeln. Klar man darf die Hoffnung nicht aufgeben, aber irgendwo ist es schon hart, wenn man da Tag für Tag nur Absagen bekommt.

So wie Matthias stehen noch immer mehr als 40.000 Jugendliche ohne Ausbildungsstelle da. Viele von ihnen wurden deshalb von keinem Betrieb genommen, weil sie deren Anforderungen nicht erfüllen.

Bundesagentur für Arbeit: Das kann unterschiedliche Gründe haben,

so Ulrike Ode von der Bundesagentur für Arbeit.

Ode: Das kann sein, dass ein Betrieb sofort gesagt hat, nee den können wir in unserem Team nicht gebrauchen, rein von der Optik her.
Oder man hat anhand der Schulnoten, also des Zeugnisses, den vielleicht schon aussortiert bei den Bewerbungen und hat gesagt, der ist für unseren Betrieb nicht geeignet.


Aus diesem Grund werden wohl die meisten aussortiert. Mit einer fünf in Kernfächern wie Mathe oder Deutsch, einem schlechten Hauptschulzeugnis oder einer abgebrochenen Schullaufbahn hat ein Jugendlicher kaum eine Chance im Wettbewerb um die begehrten Ausbildungsplätze.

Diesen Jugendlichen werden nun so genannte Einstiegsqualifizierungen angeboten, kurz EQJ. Dabei handelt es sich um Praktika, die mindestens sechs, maximal zwölf Monate dauern.
Von einer "Brücke zur Ausbildung" ist malerisch im Ausbildungspakt die Rede.
Denn ein Jugendlicher, der bisher nur abgewiesen wurde, könne so überhaupt einen Zugang zu einem Betrieb finden. Dort könne er dann die Grundlagen aufbauen, die ihm noch fehlen.
Noch einmal Ulrike Ode:

Einstiegsqualifizierung bedeutet, dass der Jugendliche nicht einfach nur in den Betrieb eingebunden wird, sondern in dieser Zeit im Betrieb Dinge lernt, Fähigkeiten ausbaut, Fähigkeiten sich aneignet, die später für einen Ausbildungsberuf notwendig sind.

Friseursalon: Machst du den Kopf weiter nach hinten bitte. Ist das Wasser so okay?
Ja, Danke.


Auch Melanie gehört zu denen, die lange versucht haben, eine Ausbildungsstelle zu finden - ohne Schulabschluss war das aussichtslos.
Jetzt ist sie eine der ersten EQJ-Praktikantinnen. Die Stelle hat sie bei einem Friseur bekommen. In den nächsten Monaten will sie beweisen, dass sie auch zur Auszubildenden taugt.

Melanie: Na klar! Weil mir der Beruf auch sehr viel Spaß macht. Also ich meine, dass ist meine letzte Chance, und das weiß ich auch, und ich muss das auf jeden Fall schaffen hier.

Auch für ihren neuen Arbeitgeber kam das EQJ-Programm wie gerufen.
Eine Auszubildende hat der kleine Betrieb schon. Mehr konnten sich die beiden jungen italienischen Friseure nicht leisten, dabei brauchten sie dringend weitere Unterstützung.
Melanie haben sie nun als staatlich gesponsorte Praktikantin eingestellt. Denn die Bundesagentur für Arbeit übernimmt bis zu 192 Euro Praktikanten-Lohn und zahlt auch die Sozialversicherung.
Im Gegenzug musste sich der Friseurbetrieb verpflichten, seiner Praktikantin bestimmte Fertigkeiten beizubringen.
Dazu Ipolito Malia, der neue Chef von Melanie:

Malia: Sie macht im ersten Jahr das, was ne Auszubildende im Prinzip auch macht. Das heißt Kundenbetreuung, und Haardiagnosen und Haar- und Kopfhautpflege.

Diese Tätigkeiten, die die EQJ-Praktikanten lernen sollen, haben die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern verbindlich festgelegt.
Der Friseur, bei dem Melanie nun angestellt ist, gehört zur Handwerkskammer Düsseldorf. Axel Fuhrmann ist dort für die berufliche Ausbildung zuständig.

HWK: Qualifizierungsbausteine sind Teile aus der Ausbildung, aus dem ersten Lehrjahr. Im Idealfall führt die Einstiegsqualifizierung dazu, dass ein junger Mensch diese Tätigkeit auf eine spätere Lehre anrechnen kann.

Das hieße, der Jugendliche, der im Anschluss an das EQJ-Praktikum eine Ausbildungsstelle findet, muss dort möglicherweise nicht mehr die vollen drei Jahre absolvieren.
Garantiert ist eine solche Anrechnung allerdings nicht.
Vor allem die Gewerkschaften stehen der Maßnahme daher skeptisch gegenüber. Sie kritisieren, dass Wirtschaft und Politik nur davon ablenken wollen, wie viele Ausbildungsstellen nach wie vor fehlen. Denn in der Statistik taucht ein EQJ-Praktikant ja nicht mehr als suchend auf, so Norbert Wichmann vom DGB.

DGB: Aber das was die Jugendlichen eigentlich wollten, einen Ausbildungsplatz, das haben sie eben nicht bekommen.

Außerdem sieht er zwei weitere Risiken für die Jugendlichen.

DGB: Dann ist die Gefahr sehr groß, dass sie als billige Arbeitskräfte in den Betrieben eingesetzt werden, und es ist möglicherweise auch ne Anreizfunktion, dass Ausbildungsplätze zugunsten von Praktika ersetzt werden und insofern im Endeffekt weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen.

Und so wird man wohl genau beobachten müssen, ob sich die Einstiegsqualifizierung für die Jugendlichen tatsächlich als Brücke zur Ausbildung erweist oder doch nur als Abstellgleis.
Melanie ist auf jeden Fall zuversichtlich:

Melanine: Falls die mich nicht nehmen, kann man sich mit der Qualifikation auch woanders bewerben. Und ich denke, dass man da bessere Chancen hat. Ich lern ja nur daraus und lernen ist ja nicht schlimm, ne.

Und auch Matthias würde sich über ein EQJ-Praktikum freuen:

Matthias: Ja sicher würd ich lieber ne Ausbildungsstelle haben, aber ich will auf jeden Fall nur aus diesem Trott rauskommen, zuhause nur rumzusitzen. Ich denke ein Praktikum könnte schon ein erster Weg sein. Dass man den Leuten dann im Betrieb zeigen kann, was man kann und dass sie dann vielleicht sagen, dich übernehmen wir.
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