BildungsZeit
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26.10.2004
Wie geht demokratische Schulentwicklung?
Von Barbara Leitner

Ein Schüler an einer Berliner Grundschule (Bild: AP)
Ein Schüler an einer Berliner Grundschule (Bild: AP)
Seit Beginn dieses Schuljahres haben die Schulen in vielen Bundesländern wesentlich mehr Freiheiten als früher. So können sie sich zum Beispiel ein eigenes Schulprogramm geben, das keine allgemeinen Aufgaben benennt, sondern speziell auf das soziale Umfeld ausgerichtet ist, denn oft hängt davon die Entwicklung einer Schule ab. Aber wer schreibt das Schulprogramm? Wer redet mit? Eine Berliner Grundschule hat beschlossen, möglichst viele daran zu beteiligen und einen Prozess gewählt, der im Modellprojekt "Demokratie lernen und leben" der Bund-Länder-Kommission bereits erprobt wurde. Alle Menschen aus dem Wohnumfeld dürfen mitreden - wenn sie denn Interesse haben. Daraus entsteht ein komplizierter, aber fruchtbarer Dialog zwischen Schule und Nachbarschaft.

Am späten Nachmittag in einer Seniorenfreizeitstätte in Berlin Kreuzberg. In Gruppen sitzen jeweils einige Mütter und Väter, Lehrer und Kinder, dazu die Sozialarbeiter der Schülerstation sowie Vertreter vom Quartiermanagement zusammen. Sie beraten, wie sich die Fichtelgebirge-Grundschule weiter entwickeln soll. Für die Kinder steht eines im Vordergrund:

Kinder: Freiwillige Hausaufgaben. Na, dass man gefragt wird. In einem Fach muss man Hausaufgaben machen und dann kann man sich entscheiden, will man es in Musik oder Mathe oder Deutsch.
Also, ich habe geschrieben, über die Eltern, wenn sie kein Deutsch sprechen können, sollen sie einfach in die Schule kommen und was von den Kindern lernen oder von den Erwachsenen. Meine Mutter kann nur ein bisschen. Aber mein Vater kann ganz gut.
Wir wollen in der Schule, wenn wir lernen, Spaß haben - draußen lernen und was erforschen...


Spaß am Lernen, das erhoffen sich auch die Eltern für ihre Kinder an der Schule. Doch in dem multikulturellen Bezirk erwarten viele - gerade deutsche Mütter und Väter - gar keinen guten Unterricht. Vielmehr schließen sie von der sozialen Struktur auf die Qualität der Schule. Und kann die gut sein, wenn 86 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind und zu 90 Prozent türkischen Familie entstammen? Ja, sagt Iris von Lentzen. Ihre älteste Tochter lernte an der Fichtelgebirge-Grundschule ohne Fibel Lesen und Schreiben, vor allem in dem sie selbst immer neue Texte verfasste.

Lentzen: Und die hat so viel Lust am Schreiben und am Lesen und das glaube ich, ist ein Resultat dieser Methode. Sophie geht jeden Tag super gern in die Schule und kommt mit viel Laune wieder nach Hause.

Ganz anders ist das bei ihrer jüngeren Schwester. Die soll stur jeden Buchstaben pauken. Warum hängt die Qualität des Unterrichts von einer einzelnen Lehrerin ab, fragt die Mutter. Können sich im Schulprogramm nicht alle Lehrer verpflichten, mit offenen, modernen Lernmethoden zu unterrichten?

Lentzen: Ich wäre eben daran interessiert, dass die Schule in meinem nächsten Bereich ein Profil entwickelt, so dass sich auch viele deutsche Eltern motiviert fühlen, ihre Kinder wieder hierin zu schicken.

Bei vielen Lehrern trifft die Mutter mit ihrem Vorschlag auf offene Ohren, aber andere machen dicht. Der Schulentwickler Prof. Rolf Dubs von der Universität St. Gallen kennt diese Haltung:

Dubs: Bei der heutigen Belastung, welche Lehrkräfte haben, besteht immer wieder die Tendenz, dass man in alten Strukturen und Vorstellungen festfährt. Und deshalb finde ich Projekte, im Rahmen der teilautonomen Schule gut, welche Innovationen angehen.

Genau das wird den Berliner Schulen mit dem neuen Schulgesetz abverlangt. Teilautonome Schule heißt für sie, dass sie über bis zu 40 Prozent des Lehrplanes und damit ihres Schulalltages selbst entscheiden können - welche Schwerpunkte sie sich in der Unterrichtsgestaltung setzen, wie sie den Schultag organisieren, ob und mit welchen Partner außerhalb der Schule sie zusammen arbeiten wollen. Das legen sie mit ihrem Schulprogramm fest.

Vor einem Jahr begann an der Fichtelgebirge-Grundschule die Arbeit an dem Schulprogramm. Zunächst überlegten alle Beteiligten, worin die besondere Stärke der Schule besteht. Das Ergebnis stand schnell fest, so Schulleiterin Annette Spieler.

Spieler: Unser Schwerpunkt soll sein die Öffnung in den Kiez - vielleicht auch dieses soziale Lernen, dieses miteinander Umgehen, dieses auch interkulturelle Umgehen miteinander.

Wie diese Vision ausgestaltet wird, darüber bestimmen die Schüler, Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter gemeinsamen. Von ihrer jeweils anderen Warte bringen sie Vorschläge ein, die die anderen nachdenken lassen.
So machen die Sozialarbeiter Eltern und Lehrer darauf aufmerksam, dass die Zweisprachigkeit der Kinder in der Schule auch positiv gewürdigt werden könnte und nicht nur als Defizite gesehen werden muss.
Die Mitarbeiter des Stadtteilladens wiederum schlagen Unterrichtsprojekte vor, in denen die Kinder den Kiez erkunden und bieten sich als Stadtführer an. Jeden dieser Vorschläge wert zu schätzen und weiter zu spinnen - gerade darin liegt die große Kraft des demokratischen Aushandlungsprozesses:

Spieler: Es soll keiner dabei überstimmt werden, sondern es wird jetzt so lange gerungen, bis man an einen Punkt kommt, wo alle Beteiligten zufrieden und glücklich sind und sagen, ja, damit können wir leben. Und da kann ich ihnen noch nicht sagen, welcher Punkt das ist.

Statt als verlängerter Arm der Schulbehörde zu agieren, ist die Schulleiterin jetzt die Managerin ihrer Schule und damit auch der entscheidende Motor im Schulentwicklungsprozess. Und manchmal muss sie auch Entscheidungen treffen, die nicht alle gut finden.

Spieler: Ich habe es auch schon erlebt, dass das Kollegium in eine Richtung marschieren wollten und Wünsche geäußert haben, wo ich gesagt habe, Leute ihr könnte euch das noch so sehr wünschen. Das geht nicht.

Dubs: Die Führungsaufgabe der Schulleitung liegt darin, dass die Lehrkräfte nicht überfordert werden und am Schluss den Unterricht vor lauter Projekten vernachlässigen.

Erinnert Prof. Rolf Dubs, der Schulforscher aus St. Gallen. So sieht es auch Annette Spieler und unterstreicht, was für sie das Ergebnis des Schulentwicklungsprozesses sein soll:

Spieler: Eine Identifikation mit der Schule. Das ist unsere Schule, die haben wir gestaltet und da haben wir auch als Eltern Teil oder wir als Schüler, so viele Möglichkeiten, auch uns einzubringen und ich möchte an diese Schule gehen.
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