BildungsZeit
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28.10.2004
Schweden als Vorbild
Schleswig-Holstein will die Gemeinschaftsschule
Von Jasper Barenberg

Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, SPD (Bild: AP)
Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, SPD (Bild: AP)
In vier Monaten sind Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und dann werden die Wähler auch über ein neues Schulsystem abstimmten. Die rot-grüne Regierung unter Ministerpräsidentin Heide Simonis will das dreigliedrige Schulsystem durch eine Gemeinschaftsschule ersetzen. Nicht von heute auf morgen, aber innerhalb der nächsten fünf Jahre sollen Schüler bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet und dabei individuell gefördert werden. Als vorbildlich und vergleichbar gilt in Kiel die Entwicklung in Schweden. Mit Experten von dort hat die Bildungsministerin jetzt die Frage diskutiert, wie sich längeres gemeinsames Lernen in Schleswig Holstein verwirklichen lässt.

Heide Simonis: Wir wissen von Göran Persson und unseren anderen skandinavischen Nachbarn: wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, muss die Devise lauten: Ärmel hoch, anpacken und nach vorne gehen! Finnland hat vor über zehn Jahren seine Schulsysteme völlig umgebaut und fährt heute bei PISA die Ernte ein. Sie stehen auf Platz eins und da können wir auch hin wenn wir unseren Vorschlag, den wir zum Bildungssystem erarbeitet haben, Stück für Stück und im Gespräch mit den Eltern, den Lehrern und den Schülern umsetzen.

Bei so ehrgeizigen Zielen lohnt der Blick dorthin, wo die Gemeinschaftsschule schon lange Wirklichkeit ist. Schweden etwa hat die Umstellung auf eine neunjährige, so genannte Grundschule für alle schon vor 30 Jahren abgeschlossen - eine gute Entscheidung, sagt Carl Tham, der schwedische Botschafter in Deutschland und frühere Bildungsminister seines Landes.

Carl Tham: Das ist nicht nur Schweden, die eine Gesamtschule oder Grundschule hat, das haben auch andere Länder. Und da kann man ja sehen: das ist weniger soziale Sortierung in einer Grundschule und das kann man ja ganz einfach verstehen!

Und genau darauf kommt es auch der sozialdemokratischen Bildungsministerin in Kiel an. Ute Erdsiek-Rave hat sich die Gemeinschaftsschule zum Ziel gesetzt, kaum dass die gegliederte Schule hierzulande in die Diskussion geriet. Sie hält die frühzeitige Trennung in leistungsschwächere und leistungsstärkere Schüler für den falschen Weg mit zudem gravierenden Folgen.

Ute Erdiek-Rave: Wir sortieren die Kinder in drei verschiedene Schularten, Schubkästen, und diese Milieus, die dann dadurch entstehen - sozial und auch intellektuell - die tragen eben nicht dazu bei, dass ein Kind sich weiter entwickelt, dass die Begabung sich entfaltet, sondern das ist eher, wie die Bildungsforscher sagen, ein selbstreferenzielles Bildungsmilieu, was dort entsteht. Und das ist nicht hilfreich, das ist nicht gut, das ist nicht unterstützend.

Mit Genugtuung wird die Ministerin daher zur Kenntnis nehmen, was Per Tullberg, der Generaldirektor des schwedischen Schulamtes, über den Grundgedanken der schwedischen Gemeinschaftsschule zu sagen hat.

Per Tullberg: Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein sozialer Ort. Dort sollen die Schüler auch Kinder aus anderen sozialen Schichten treffen und lernen, sich gegenseitig zu akzeptieren. Das ist der Grund, warum wir dafür sind, alle Schüler in einer Einrichtung zu integrieren. Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten sollen gemeinsam lernen, weil die Schule auch ein Ort ist, an dem man lernt, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben. Im Grunde ist es also eine demokratische Reform!

Heute ist die neunjährige Grundschule allgemein anerkannt und als Erfolgsmodell geschätzt. Vor ihrer Einführung aber war sie in Schweden ebenso heftig umstritten wie in Deutschland. Und wie hierzulande wurde sie vor allem von den konservativen politischen Parteien lange abgelehnt. Mit demselben Argument, so Botschafter Thamm: das allgemeine Bildungsniveau würde zwangsläufig sinken.

Carl Tham: In diesen Debatten in den 60er Jahren zum Beispiel sagte man immer: das ist eine Nivellierung. Das war das Hauptschlagwort sozusagen. Begabte Kinder können ihre Begabung nicht so nutzen und da kommen alle diese anderen Leute und dann kommt so eine Nivellierung. Aber das war ja nicht so!

Bildungsstudien jedenfalls attestieren den schwedischen Schülern gute Leistungen. Insofern wird sich auch die Kieler Bildungsministerin in dem Ziel bestätigt sehen, ähnliche Veränderungen auf den Weg zu bringen. Doch auch Ute Erdiek-Rave weiß, dass die Frage der Schulordnung allein die Defizite im Bildungswesen nicht beheben kann.

Ute Erdiek-Rave: Mir ist klar, dass natürlich andere Faktoren: die Qualität des Unterrichts, die Ausbildung der Lehrer, der Umfang des Unterrichts, die Frage Ganztagsschule ja oder nein, die frühkindliche Förderung eine ganz große und genauso wichtige Rolle spielen. Das ist doch vollkommen klar. Wir diskutieren heute ja über einen Teilaspekt des Bildungswesens. Und der betrifft die äußere Gestaltung und die Struktur.

Allzu große Euphorie ist ohnehin nicht geboten. Denn mit Problemen hat auch das schwedische Modell trotz aller Erfolge nach wie vor zu kämpfen.

Per Tullberg: Es ist eine Tatsache, dass wir vor allem in den Randbezirken der großen Städte Schwierigkeiten haben. Dort leben viele Migranten, Sozialhilfeempfänger und Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau. Und dort haben die Schulen noch immer große Schwierigkeiten, diesen sozialen Hintergrund auszugleichen.

Wie es gerade bei derartigen Rahmenbedingungen gelingen kann, die Schüler gemeinsam zu unterrichten aber jeweils nach ihren persönlichen Fähigkeiten zu fördern - das bleibt auch für Gemeinschaftsschulen in Deutschland eine große Herausforderung. Darüber ist sich auch die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein bewusst. Doch Ute Ersiek-Rave will sich nicht entmutigen lassen. Zu viel steht in ihren Augen auf dem Spiel.

Ute Erdiek-Rave: Ich hebe ab auf die Bildungsbenachteiligten, ich hebe ab auf die geringe Zahl der Studienanfänger in Deutschland auf diesen engen sozialen Zusammenhang. Ich kann das nur noch mal wieder sagen: ich beobachte, dass unsere Gesellschaft auseinanderdriftet.
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