BildungsZeit
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4.11.2004
Kampf dem Amtsdeutsch
Germanisten mischen sich ein

Meistens muss man alles dreimal lesen, bevor man ein Schriftstück der Behörde versteht. (Bild: AP)
Meistens muss man alles dreimal lesen, bevor man ein Schriftstück der Behörde versteht. (Bild: AP)
Es widersteht bislang fast allen Anfeindungen der Alltagssprache - das Amtsdeutsch. Noch immer sind die meisten Behördenschreiben so formuliert, dass man den Brief dreimal durchlesen muss, um wenigstens die Hälfte zu verstehen. Doch mittlerweile haben sich Germanisten des Problems "Behördensprache" angenommen und es gibt bereits erste Erfolge zu vermelden.

Matrikel-Nummer?
Familiename? Vorname? Geburtsname?
Haupthörer? Zweithörer?
Hochschulzugangsberechtigung HZB? Art der HZB?


Vier Seiten mit Fachfragen, plus zwölf Seiten mit Erläuterungen und Zahlencodes - das mussten Studienanfänger an der Uni Bielefeld bisher bearbeiten, um als Erstsemester starten zu können.

Eine schwere Kost, stellte Kerstin Grönert fest. Sie analysierte in ihrer Doktorarbeit die schwierige Kommunikation zwischen Uni und Studienbewerbern und legte Bielefelder Gymnasiasten die Einschreibeunterlagen vor.

Das Ergebnis: … das hat von meinen Versuchspersonen keine geschafft, sich einzuschreiben. Also es war keiner in der Lage, sich für ein Studium an der Universität Bielefeld sich richtig einzuschreiben, so dass er sozusagen beim ersten Versuch angenommen worden wäre.

Die Uni Bielefeld zog aus der Untersuchung Konsequenzen. In dem "Antrag auf Einschreibung" zum jetzigen Wintersemester heißt es:

Herzlich Willkommen an der Universität Bielefeld. Wir freuen uns, dass sie unsere Hochschule für Ihr Studium gewählt haben.

Und statt der knappen Matrikelnummer erfolgt jetzt der segensreiche Hinweis:

Ihre persönliche Matrikelnummer wird Ihnen vom Studierendensekretariat zugewiesen.

… man muss den Benutzer an die Hand nehmen und ganz klar sagen, das und das will ich von dir, die Hilfsmittel brauchst du, die findest du an der und der Stelle, man muss ihm einen Rahmen geben und dass man ganz konkrete Fragen stellt.

Genau das hat die Uni Bielefeld nun umgesetzt. Abschnitt für Abschnitt wird der künftige Studierende durch die Einschreibeunterlagen geleitet - und wer dann immer noch Probleme hat, für den gibt es noch eine Online-Einschreibehilfe.

Auch die Stadt Bochum hat ihre Behördensprache reformiert. Sie beauftragte die Linguisten der Ruhr-Universität, die Verwaltungsschreiben unter die Lupe zu nehmen. Mit einem speziellen Computerprogramm stellten die Germanisten fest, dass es in den Bußgeldbescheiden und Antragsformularen nur so wimmelte von zu langen Sätzen, zu langen Worten, zu vielen Hauptwörtern und zu wenigen Verben. Und die Verwaltungsangestellten trauten sich meist nicht zu schreiben: Ich weise an..., sondern sie umschrieben das unpersönlich und passiv mit einem "Es wird angewiesen". Auf Höflichkeitsformeln wie Danke oder Bitte stießen die Bochumer Sprachforscher eher selten. Und noch etwas machte die Germanistin Michaela Blaha aus: eine Tendenz, alles möglichst kompliziert auszudrücken.

Zum Beispiel: … in Bezug auf Ihr Bauprojekt halte ich mir ordnungspolitische Maßnahmen vor, und da haben wir vorgeschlagen: es können die Bauarbeiten still gelegt werden. Zudem kann ich ein Bußgeldverfahren gegen Sie einleiten, weil eben dieser Begriff ordnungspolitische Maßnahmen ist sehr abstrakt; klassische Beispiele sind: Ich sage Ihnen meinen Dank statt ich danke Ihnen oder Eignungsfeststellungsverfahren kann man auch als Eignungstest bezeichnen.

Zusammen mit den Beamten und Angestellten entwickelte die Bochumer Germanisten Tipps für eine freundliche Behördensprache und schulen nun regelmäßig in Seminaren den netten Ton. Auch die Mitarbeiter der Stadt seien keine Anhänger der hölzernen Behördensprache, sagt Guido Lüning, Sachbearbeiter der Stadt Bochum. Doch wenn man einem Bürger mitteilt, dass er seine Garage wieder abreißen muss, hat der joviale Stil auch seine Grenzen:

Ich könnte mir vorstellen, dass der ein oder andere Bürger sich auch veräppelt vorkommt, wenn unter einem ablehnenden Bescheid mit freundlichen Grüßen steht, ob man dann nicht in dem einen oder anderen Fall doch bei Hochachtungsvoll bleiben soll.

Auch Michaela Blaha musste feststellen, dass sich nicht alle Verbesserungsvorschläge durchsetzen lassen. Zum Beispiel wollten die Sprachwissenschaftler gern das "Sie können Widerspruch einlegen" in ein schlichtes "widersprechen" umwandeln:

Da hat sich herausgestellt, dass das nicht machbar ist, weil die Rechtssprache sich eng an die Gesetze anlehnt, und rein rechtlich gesehen ist Widerspruch einlegen ein rechtlicher Vorgang, was mit widersprechen nichts zu tun hat. Und solche Sachen konnten nicht umgesetzt werden.

Bei einer Auswertung haben 50 Bochumer Bürger die neuen und die alten Behördenbriefe verglichen.

Da war wirklich das Ergebnis, dass die verbesserten Texte auch besser ankommen: einerseits leichter zu verstehen sind und andererseits auch von den Bürgern als leichter empfunden werden.

Und auch die Behördenmitarbeiter profitieren von dem neuen Briefstil: die Bürgen müssen seltener nachfragen, was denn mit dem Brief eigentlich gemeint sei. Und ganz nebenbei muss sich der Empfänger der Behördenpost stilistisch auch nicht mehr dem Niveau des Amtsdeutsch anpassen:

Wenn ein Bürger einen Brief bekommt, der sehr gestelzt ist, versucht er natürlich, mit gleichen Waffen zurückzuschlagen, womit aber keinem geholfen ist.

Damit nicht nur in der Ruhrstadt die Bürger freundlich formulierte und verständliche Post vom Amt erhalten, sind die Bochumer Germanisten gerade dabei, ein bundesweites Servicecenter für eine bürgerfreundliche Behördensprache aufzubauen.
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