BildungsZeit
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11.11.2004
Elisa-Labor
Lehrer lernen von Kindern
Von Folkert Lenz

Um das Interesse der Kinder zu wecken, muss der Sachkundeunterricht spannend gestaltet werden (Bild: AP)
Um das Interesse der Kinder zu wecken, muss der Sachkundeunterricht spannend gestaltet werden (Bild: AP)
Chemie, Physik oder Biologie: Das Wissen rund um die Natur ist genauso wichtig wie lesen, schreiben und rechnen zu können. Die Sachkunde-Stunden an den Schulen allerdings dürften schon viele kleine Funken des Interesses wieder gelöscht haben: Zu trocken, zu verstaubt geht's da zu, sagen nicht nur die Experten. An der Universität Bremen gibt es nun ein Labor, wo Lehrer und Grundschüler gemeinsam ausprobieren, wie der Sachunterricht spannend gemacht werden kann.

Wir ziehen das Wasser von diesem Glas in das da. Und dann halten wir das so rein, und dann fließt das Wasser in den Behälter. Wenn man zum Beispiel was Falsches getankt hat, dann kann man so einen Schlauch in den Tank stecken und denn kann man den Tank damit leer machen.

Darven plätschert mit Wasser herum, Lee-Shea saugt an einem Röhrchen, der Labortisch schwimmt. Ein äußerst nasser Testfall für den zukünftigen Sachunterricht an Bremer Grundschulen. Die Kinder forschen und sind doch selber Forschungsobjekt. Denn im Labor an der Bremer Universität lernen angehende Grundschullehrer das Lehren - ohne Tafel, ohne Schreibheft, ohne Pult - aber live in der Klasse. Die Professorin Brunhilde Marquardt-Mau hat das Projekt initiiert.

Wir entwickeln hier mit den Studierenden Kurse für Kinder. Wir holen die in die Uni rein. Wir tun etwas für die Kinder, und die Kinder tun aber auch etwas für uns, indem die Studierenden so zu sagen daran lernen können.

Weder Kinder noch Grundschullehrer haben im Unterricht besonders viel Lust auf Physik oder Chemie - das ist ein akademischer Befund. Das Resultat beim Schultest IGLU: Nur 40 Prozent aller Grundschüler haben eine leise Ahnung von Naturwissenschaften. Doch ein Sechstel der ABC-Schützen verfügt nicht einmal über Grundkenntnisse. Deswegen sollen künftig alle neuen Lehrer in Bremen, die später die Jüngsten unterrichten, vor dem Examen das Elisa-Labor besuchen. Elisa - das steht für "Entdeckendes Lernen im naturwissenschaftlichen Sachunterricht". Natürlich müssen Anwärter als Primarstufen-Lehrer bei ihrer Ausbildung auch an die Schulen. Doch dort finden sie keine Vorbilder, wenn es ans Experimentieren, um Methoden fürs selbstständige Entdecken geht, beklagt die Erziehungswissenschaftlerin Marquardt-Mau:

Wenn Studierende in die Praxis rausgehen, dann sehen sie leider nicht sehr viel, dass mit Kindern experimentiert wird. Deswegen müssen wir die Praxis hier selber anbieten, eine andere Form von Praxis. So dass sich das später auch im Sachunterricht ändern kann. Und das ist das Neue.

Während die Kinder in dem einen Labor noch die Oberflächenspannung von Wassertropfen entdecken, bereitet Marion Albert im Nebenraum schon ein Experiment mit "Planetenglibber" vor. Bis zum Unterarm stecken die Hände der angehenden Grundschullehrerin in einer giftgrünen Pampe. Sie besteht aus Lebensmittelfarbe, Stärke und wasser. Aber die Schüler selbst sollen herausbekommen, was in der unappetitlichen Matsche drin ist, die sich mal fest und trocken, dann zäh und schleimig anfühlt - je nachdem, wie schnell man die Finger hineinsteckt. Ausprobieren? Das kennt die junge Pädagogin Marion Albert aus ihrer Schulzeit nicht.

Da stand ein Lehrer vor mir, der mir gesagt hat, wie das Leben läuft, was da passiert. Und ich habe praktisch keine eigenen Erfahrungen gemacht. Sondern ich habe einfach zugehört und das aufgenommen, aber das bringt natürlich nicht viel. Ich möchte es ganz anders machen, und das lerne ich hier auch. Die Kinder sollen entdeckend lernen. Und wir sollen sie nur anleiten.

Erste Erfahrungen konnte Marion Albert schon in der Testphase des Elisa-Labors machen. Und sie stellte fest: Auch die altgedienten Lehrer außerhalb der Universität brennen darauf, neue Methoden kennen zu lernen.

Die Lehrer sind schon länger an der Schule und wir bringen Neues da rein. Hier lerne ich kennen, was man auch machen kann. Was ich ja selbst an der Schule nie gemacht habe, die Vorerfahrung habe ich ja gar nicht. Das lerne ich hier kennen und bringe das mit in die Schule rein. So lernen auch die anderen Lehrer dann von mir wieder.

An manchen Tagen sind die Elisa-Räume den Lehramtsstudierenden vorbehalten. Dann tüfteln 40 von ihnen an eigenen Versuchsaufbauten, testen, ob man Experimente im Klassenzimmer machen kann oder stellen Erlebniskoffer zusammen. In der übrigen Zeit drängeln sich Schulgruppen in den beiden Laboren und gehen auf Entdeckungsreise im Reich der Natur.

Und wenn man hier jetzt ansaugt, dann zieht die Kohäsionskraft immer weiter nach unten. Weil: Die Wassertropfen halten sich durch die Kohäsionskraft irgendwie fest ... - ... und dann läuft das Wasser immer weiter hinterher.

Eine solche Expertendebatte unter den Jungforschern erfreut auch den Bremer Lehrerausbilder Michael Haag. Denn im neuen Bremer Sachkundeunterricht soll das Wissen nicht mehr von oben, vom Katheder auf die Klasse herabrieseln. Die Lehrer müssen eine neue Haltung gegenüber den Grundschülern entwickeln, fordert der Pädagoge Haag.

Die Kinder sind so zu sagen die Spezialisten für ihr eigenes Lernen selbst. Sie machen sich auf den Weg, mit meiner Hilfe, mit meiner Begleitung. Und das ist eine andere Haltung, ich bin in einer anderen Lehrerrolle. Das müssen Studierende mal irgendwo erfahren haben, damit ihnen das deutlich wird. Und wir versuchen, hier auch eine Lernumgebung zu haben, wo sie das an sich selber erfahren.

Das Bremer Elisa-Labor ist dafür so zu sagen die Spielwiese, auf der die jungen Pädagogen die Methoden praktisch ausprobieren können. Kyra und Lee-Shea jedenfalls müssen sie vom Konzept des Selber-Lernens nicht mehr überzeugen. Die beiden Grundschülerinnen sind sichtlich zufrieden mit dem Labor, in dem sie planschen und rummatschen dürfen.

Dass man es nicht nur liest, sondern es auch ausprobieren kann. Im Unterricht, da lernt man zwar auch viel. Aber über das Wasser lernt man da auch nicht sehr viel. Man kann hier auch viel mehr ausprobieren.
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