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17.11.2004
Hilflose Profis
Wenn Pädagogen Eltern werden
Von Peter Kaiser

Was passiert, wenn Pädagogen selbst Eltern werden? (Bild: AP)
Was passiert, wenn Pädagogen selbst Eltern werden? (Bild: AP)
Die Ratgeberliteratur für ratlose Eltern boomt seit Jahren. Ob man ein Schreikind hat, es sich in der Trotzphase befindet, eingeschult wird oder pubertiert - es scheint, als wüssten Pädagogen den jeweils richtigen Weg. Doch was ist, wenn diese Pädagogen selbst Eltern werden? Deckt sich dann ihr Wissen mit dem, was täglich beim eigenen Kind passiert? Ist womöglich der Beruf des Erziehers, Lehrers, Hebamme oder Kindertherapeut die ideale Vorbereitung auf die Elternschaft?

Oft blicken Eltern mit Neid auf Hebammen, Lehrer, Erzieher oder Kindertherapeuten, auf jene Menschen also, die sich von Berufs wegen mit Kindern beschäftigen. Denn die bei den jeweiligen Lebensphasen ihrer Sprösslinge mitunter hilflosen Väter und Mütter glauben, die Profis müssten genau wissen, was hier und jetzt zu tun ist, wie man sich am besten verhält. Doch wie so oft sieht die Wahrheit anders aus.

Katharina Kerlen-Petri ist Hebamme und Mutter von drei Kindern.

Kerlen-Petri: Ich glaube, dass das Besserwissen nicht vor diesen Dingen schützt. (...) Ich hab schon beim ersten Kind, ein Stück weit arrogant, gesagt, das passiert mir nicht, weil ich es ja weiß. Aber das Wissen ist es alleine nicht. Und die Unsicherheit hat man auch, wenn man als Profi viele Babys schon im Arm gehabt. Wenn es dass eigene ist, tickt es eben doch noch alles mal ganz anderes. Und diese ganzen Dinge, die auch im Wochenbett auftauchen, die Unsicherheit, auch mit einem Kind umzugehen, ein schreiendes Baby, dass kann man als Hebamme bei einem Fremden, bei einer fremden Familie gut händeln, weil man geht wieder. Und beim eigenen Kind ist das eben alles auf den Kopf gestellt.

Heestermeyer: Meine Tochter ist jetzt sieben. Und ich erinnere mich noch, als sie so anfing mit Trotzverhalten, da war sie so zwei oder drei Jahre alt. Und diese üblichen Szenen, wie sie sich mitten im Supermarkt auf die Erde schmeißt und rumschreit und strampelt, weil ich ihr irgendwelche Kekse nicht kaufen wollte.

Barbara Heestermeyer ist Psychoanalytikerin und Familientherapeutin.

Heestermeyer: Wo ich dann gemerkt habe, wie hilflos man werden kann in so einer Situation. Auch wie wütend ich war. Und wie wenig ich das kontrollieren konnte. Also das hat mich schon beeindruckt.

Die Frage, warum sich plötzlich das pädagogische Wissen jener Profi-Eltern von den täglichen Erfahrungen mit dem eigenen Kind teilt, ist nicht einfach zu beantworten. Vermutlich aber trennt sich im Alltag mit dem eigenen Kind in ein und derselben Person der Profi vom Laien, oder das erworbene Wissen von der momentanen Situation. Das heißt, auch wenn der Vater Erzieher von Beruf zum Beispiel ist, so ist er bei seinem Kind in erster Linie zunächst Vater und dann erst Pädagoge. Wie Michael Döring, Vater von zwei Mädchen und Erzieher im Beruf.

Döring: Was natürlich ein interessantes Phänomen ist bei Pädagogen. Wir machen natürlich auch Fehler in der Erziehung, oder ich komme an meine Grenzen, und bin überlastet oder sage irgendwelche Dinge, die ich hätte nicht sagen sollen. Das interessante Phänomen ist dabei, dass bei allen Dingen, die ich tue, die mache, dass heißt, wie ich mich gegenüber meinen Kindern verhalte, oder gegenüber meiner Frau (…) habe ich immer ein (...) pädagogisches Bewusstsein, was mein Verhalten immer auf diese Art und Weise einordnet. Und mir ist dann relativ klar, wann ich was im pädagogischen Sinn falsch oder richtig gemacht habe. Und das ist vielleicht eine Berufskrankheit, die ist schwer abzustellen, jedenfalls bei mir.

Heestermeyer: Ich hab mich auch manchmal bei meiner Tochter entschuldigt, ja. Wenn ich so wütend geworden bin, oder wenn ich das Gefühl bekommen habe, ich habe jetzt was gemacht, was wirklich nicht okay war. Also da ist jetzt was mit mir durchgegangen. Also ich denke, da hat mir das einfach genützt, dass ich es aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit gewohnt bin, über mich nachzudenken, oder auch neben mir zu stehen und zu reflektieren, was ist das jetzt eigentlich, was mich da kränkt oder wütend macht?

Jenes berufsmäßige Reflektieren hat der Therapeutin Barbara Heestermeyer im Umgang mit ihrem Kind genützt. Als Katharina Kerlen-Petri Mutter wurde, war es, als würde sie zum zweiten Mal in den Beruf der Hebamme einsteigen.

Kerlen-Petri: Ich weiß noch, dass ich als kinderlose Hebamme das immer empörend fand, wenn Eltern gesagt haben, sie möchten gerne ne Hebamme, die selber Kinder hat. Weil ich gedacht habe, das finde ich ne Unverschämtheit. Also ich gebe mir ja trotzdem Mühe und ich habe trotzdem mein Wissen. Aber inzwischen kann ich das schon auch nachvollziehen. Also (...) wenn ich dann sagen kann, das kenne ich, das war bei meiner Tochter ganz genauso, dann ist es was anderes, als wenn ich als Kinderlose sage, ja, ja, das ist so.

Die Vorstellung vieler Väter und Mütter also, dass die Profis nicht die gleichen Probleme mit ihren Kindern haben, scheint also falsch zu sein. Das ist vielleicht tröstlich, löst aber die aktuellen Probleme nicht. Auch der Griff zu Ratgeberbüchern ist nicht immer glücklich.

Heestermeyer: Was ich manchmal wirklich schädlich fand war, einfach sich zu viel mit so was eben per Buch oder über Theorie zu beschäftigen, und nicht zu gucken, wie geht es diesem konkreten Kind? Also eben meiner Tochter. Und da auch wirklich eben so ein bisschen aus dem Bauch raus zu entscheiden oder aus dem Gefühl raus. Wo ich dann auch irgendwann dachte, mein Gott, die Meinungen über Erziehung und wie man richtig mit Kindern umgeht, die haben sich nun jahrelang verändert, und da gibt es auch immer Moden und Umbrüche.

Das Hinsehen und Hinhören, die Aufmerksamkeit seinem Kind gegenüber ist so gesehen dann vielleicht doch etwas, das wichtiger als alles Wissen ist. Und die Fähigkeit, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und zu ändern. Das oberste Ziel ist doch, egal ob man Profi oder Laie ist, dass es den Kindern gut geht.

Döring: Und das ist am Anfang auch ein Lernprozess, dass ich (...) akzeptieren muss, dass mir das bei meinen eigenen Kindern auch passiert, wenn man so will, Fehler machen. Und (...) dass es eben nicht so ist, das es eine perfekte Erziehung gibt, auch wenn man Pädagoge, Psychologe, Erzieher oder Therapeut ist. Das wird einem nicht gelingen.
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