BildungsZeit
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23.11.2004
Pisa II - Was wir wissen
Gespräch mit Ellen Häring, Bildungsexpertin

Auch bei Pisa II durchgefallen? (Bild: AP)
Auch bei Pisa II durchgefallen? (Bild: AP)
Deutsche Schüler haben offenbar wieder schlecht abgeschnitten beim Pisa-Test II. Die OECD hat die Daten des internationalen Schülertests im Jahr 2003 erhoben und dabei den Schwerpunkt Mathematik gewählt. Aber auch bei der untersuchten Lesekompetenz und beim Textverständnis der 15-Jährigen erhielten die deutchen Schülerinnen und Schüler schlechte Zensuren. Allerdings: die Studie wird erst im Dezember vorgestellt.

DeutschlandRadio Berlin: Was also wissen wir wirklich? Im Studio ist meine Kollegin Ellen Häring, sie ist zuständig für Bildung. Können Sie die Frage beantworten?

Ellen Häring: Ja, wir wissen nichts, die Daten werden erst im Dezember vorgestellt, niemand kennt sie, aber alle reden. Daran sieht man, wie nervös wir darauf reagieren und wie wenig souverän wir mit dem Befund umgehen, der da heißt: unser Bildungssystem muss umgebaut werden, und zwar gründlich.

DeutschlandRadio Berlin: Ist denn nichts passiert?

Häring: Doch, es ist viel passiert, das Wichtigste: wir diskutieren wieder über Bildung.

Im Grundschulbereich: Sprachförderung, Sprachtests, flexible Eingangsphasen. Es gibt auch inzwischen Bildungsstandards, die sich allerdings nicht wirklich von den Lehrplänen gelöst haben, das heißt wir konzentrieren uns stark auf Faktenwissen und nicht so sehr auf die praktische Umsetzung dessen, was gelernt wird. Das wird aber in PISA abgefragt. PISA fragt Alltagswissen ab: können 15-Jährige Handytarife vergleichen? oder Texte verstehen und das Wesentliche zusammenfassen? Bei uns lernen 15-Jährige aber häufig, was in den Lehrplänen steht und die sind nicht selten 20 Jahre alt. 15-Jährige stehen im Regen, wir haben nichts für sie getan, sondern sie abgeschrieben.

DeutschlandRadio Berlin: Was könnte man für sie tun?

Häring: Einzelne Schulen sind gefragt: ehrliche Bestandsaufnahme, Sofortmaßnahmen ergreifen. Wenn Schüler mit 15 Jahren nicht richtig lesen und schreiben können, dann muss man das nachholen und nicht darüber lamentieren und _ wie manche Lehrer - sich weigern, weil der Lehrplan in der 9. Klasse was anderes vorsieht..

DeutschlandRadio Berlin: Wenn wir tatsächlich, wie jetzt behauptet wird, am 7.12. erfahren, dass wir auf dem 17. Platz gelandet sind von 31 Staaten. Was bedeutet das?

Häring: Erstmal muss man sich angucken, warum das so ist: wir wissen nicht, ob die Schüler anderer Nationen besser oder schlechter geworden sind. Und in welchen Bereichen. Und wo unser Schüler wir gut bzw. schlecht abgeschnitten haben. Solange wir die Daten nicht kennen, ist es unseriös, darüber zu spekulieren. Wir können uns doch nur einordnen, wenn wir das Umfeld kennen.

DeutschlandRadio Berlin: Wer hat eigentlich Interesse daran, diese Daten, die unter strengster Geheimhaltung stehen und nur verschlüsselt versandt werden, vorab unter die Leute zu bringen?

Häring: Wissen wir nicht. Entweder Wichtigtuer oder Leute, die ein Interesse daran haben, die Öffentlichkeit in Nervosität zu versetzen, damit nicht mit kühlem Kopf, sondern unter Druck Entscheidungen gefällt werden. Die Diskussion um unser Schulsystem zum Beispiel wird zurzeit sehr heftig geführt und die Beteiligten warten nur darauf, die Ergebnisse aus PISA für ihre eigene Argumentation zu instrumentalisieren. Deshalb ist es wichtig, dass wir Außenstehenden einen kühlen Kopf bewahren und lernen echte Informationen von Spekulationen zu unterscheiden.
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