BildungsZeit
BildungsZeit
Montag bis Freitag • 10:25
24.11.2004
Folkeskole als Vorbild
Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein verabschiedet sich vom dreigliedrigen Schulsystem
Von Jasper Barenberg

Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein packt an, was die Landesregierung in Kiel sich zwar auf lange Sicht auf die Fahnen schreibt, aber nur mit größtmöglicher Vorsicht angeht, was die Umsetzung betrifft: Sie schafft die dreigliedrige Schule ab und führt die integrierte Gemeinschaftsschule für alle ein. Nach dem Vorbild des dänischen Schulsystems sollen nach und nach alle Schülerinnen und Schüler in den Einrichtungen der dänischen Minderheit bis zur 10. Klasse zusammen lernen. In dem Städtchen Eckernförde ist das heute schon der Fall. Zur Zufriedenheit aller Beteiligten.

Ein schlichtes Backsteingebäude, Jugendliche toben auf dem Schulhof. Große Pause an der Jes-Kruse-Skolen in Eckernförde an der Ostsee. An einem Fahnenmast flattert ein roter Wimpel mit einem weißen Kreuz - der Dannebrog, die dänische Flagge.

Anne Mette Jensen: Wir wollen ja alle eine dänische Schule haben. Und eine dänische Schule ist nicht dieses System, was in Deutschland läuft. Da muss man über die Grenze gucken und das ist eine dänische Schule. Wir leben zwar hier in Südslesvig, aber wir wollen doch versuchen, eine dänische Schule zu haben.

Der Blick über die Grenze nach Norden - er ist für Anne Mette Jensen so selbstverständlich wie für die meisten, die sich der dänischen Minderheit im Land zugehörig fühlen. Ob es um Arbeitsmarktreformen geht oder um das Gesundheitswesen: in vielen Fragen des gesellschaftlichen Lebens dient ihnen Dänemark als Vorbild. Das gilt auch für das Schulwesen.

Anne Mette Jensen: Das ganze Denken ist anders, die Pädagogik ist anders. Wir sind zwar auch auf Leistung, das ist ganz klar, weil wir leben ja hier in Deutschland und da müssen wir klar kommen. Aber: wenn man glücklich und zufrieden ist und wenn man morgens gern zur Schule geht, dann kann man auch gute Leistungen bringen. Und ich denke, das deutsche Schulsystem - die machen nicht unbedingt glückliche Kinder! Nur die Kinder, die gut sind, die sind glücklich! Aber die anderen, die haben einen unheimlich schweren Schulweg.

Anne Mette Jensen will eine andere Schule für ihr Kind. Zumal nach dem schlechten Zeugnis, das internationale Bildungsstudien dem deutschen Schulsystem ausgestellt haben.

Warum Kinder teilen? Das ist doch viel schöner, wenn die alle zusammen bleiben! Wir haben den sozialen Aspekt gesehen. Das war für uns eigentlich das wichtigste - für die Eltern.

Und so haben auch die Eltern eine kleine Revolution in Gang gebracht. Vor neun Jahren wagten die Eckernförder den Schritt von der Haupt- und Realschule zur Gemeinschaftsschule. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Vor zwei Jahren wurde eine weitere Schule umgestellt. Für die übrigen laufen die Planungen. Wo immer an den Schulen Umfragen durchgeführt wurden, hat sich eine große Mehrheit der Eltern für den Strukturwandel entschieden. In Eckernförde waren es über 90 Prozent. Kein Wunder sagt Olaf Runz vom dänischen Schulverein. In Dänemark ist die frühe Auslese von Kindern verpönt. Noch in der neunten Klasse lernen dort alle gemeinsam in der Folkeskole.

Das liegt natürlich auch an unserer dänischen oder nordischen Denkart; dass wir sagen, gemeinsam packen wir die Dinge an. In Gemeinschaft müssen wir arbeiten, in Gemeinschaft müssen wir leben. Und wir müssen auch miteinander zusammenarbeiten, unabhängig davon, welche Begabungen wir mitbringen.

Anne Mette Jensen: Wenn man später auf einen Arbeitsstelle kommt - ob man nun ein Hauptschüler ist, ein Realschüler oder ein Gymnasiast - dann muss man immer mit anderen Leuten zusammenarbeiten. Und nicht nur die Guten unter sich und die Kinder, die Schwierigkeiten haben, die unter sich. Nein, man muss Teamarbeit bilden. Und ich glaube, da werden die Kinder hier besser ausgestattet.

Die schwächeren Schüler und die stärkeren gemeinsam zu unterrichten - für die Lehrerin Bettina Rother bedeutet das vor allem die Herausforderung, im Unterricht jedem Einzelnen gerecht zu werden.

Natürlich orientiert man sich an dem Schwächsten, aber genauso an dem Stärksten. Und es liegt ja in der Hand der Lehrkraft, dort was anzubieten, dass man allen Kindern möglichst gerecht wird.

Deutsch unterrichtet Bettina Rother in Eckernförde und Sport.

Im Sport habe ich sie alle, in einer großen Gruppe, genieße das sehr, weil das Sozialgefüge, die Stimmung, sie hat unheimlich gewonnen dadurch, dass wir sie alle haben, sie miteinander lernen. Sie lernen sich zu akzeptieren - in ihren Stärken, aber auch in ihren Schwächen. Das hat eine ganze Menge ausgemacht. Und der Sportunterricht von früher bis jetzt hat aus meiner Sicht sehr gewonnen.

Anders verfährt sie im Deutschunterricht. Dort müssen die Kinder auch in Eckernförde ab der achten Klasse nach Leistung getrennt werden und aufgeteilt in Grund- und Erweiterungskurse. So verlangt es die Kultusministerkonferenz. Sonst wird der Abschluss nicht anerkannt. Für Bettina Rother im Grundsatz ein richtiges Prinzip - auch mit Blick auf die anderen Fächer.

Der mathematisch Begabte hat die Möglichkeit, das hohe Niveau in Mathe zu bekommen, sprachlich vielleicht nicht ganz so und nimmt das andere Niveau, während es auch umgekehrt geht. Oder eben: der Schüler, der eventuell das Gymnasium anstrebt, bekommt die hohen Niveaumöglichkeiten. Das ist der ganz große Vorteil bei uns, dass das nicht abhängig davon ist: entweder das eine oder das andere.

So sehen es auch die Schüler in Eckernförde.

Anna Lena Heuer: Ich denke, dass diese Teilung recht sinnvoll ist. Es sind viele Leute in meiner Klasse und die haben alle auch eine unterschiedliche Sicht darauf, was sie lernen wollen und was sie leisten können. Und ich denke, da ist es recht klug, die zu unterteilen, da es für manche Leute total schwierig ist, in manchen Fächern mitzukommen, wo andere schon wieder gelangweilt sind. Und ich denke, dass es auch sinnvoll ist für die Lehrer, da sie besonders auf die Leistungsgruppe eingehen können oder halt die anderen auch mehr fördern.

Anna Lena Heuer jedenfalls hat die Gemeinschaftsschule in Eckernförde mit Bedacht gewählt. Nach dem Umzug ihrer Familie hätte sie die 10. Klasse eigentlich in Flensburg besuchen sollen. Dort aber sind die Schularten derzeit noch getrennt. Und so entschied sie sich, zu bleiben.

Viele von meinen Freunden gehen auch auf die deutschen Schulen, wo es halt total unterteilt ist auch. Und da ist es echt so, dass die sagen: Oh, die blöden Hauptschüler ... Und das ist hier halt überhaupt nicht so. Man sagt nicht, das sind die Hauptschüler, das sind die Realschüler, das sind die Gymnasiasten, sondern man sagt halt, ja, wir gehören alle auf eine Schule und gehen alle in eine Klasse. Ob wir jetzt in andere Kurse gehen oder nicht, das ist eigentlich ziemlich egal. Also, man unterteilt nicht nach den Leistungen.

In den Schulen der dänischen Minderheit gibt es heute bereits mehr als doppelt so viele Abiturienten wie in den deutschen Schulen. Wenn sich unter den Lehrkräften und von den Eltern auch einige größere Freiheiten wünschen, manche unter ihnen die Einteilung ihrer Kinder in Leistungsgruppen am liebsten ganz aufgeben würden: In einem Punkt herrscht Einigkeit: die Schüler sollen so lange wie möglich gemeinsam unterrichtet werden, damit den Kindern sämtliche Bildungswege möglichst lange offen stehen.
-> BildungsZeit
-> weitere Beiträge