BildungsZeit
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29.11.2004
Lärm in der Schule
Experten fordern Schutz für Schüler
Von Adolf Stock

Der Lärm im Unterricht macht insbesondere Lernschwachen Kindern zu schaffen (Bild: AP)
Der Lärm im Unterricht macht insbesondere Lernschwachen Kindern zu schaffen (Bild: AP)
Der hohe Geräuschpegel in deutschen Schulen macht nicht nur den Pädagogen zu schaffen. Auch die Schüler und Schülerinnen leiden darunter. Vor allem Lernschwache haben durch den permanenten Krach im Unterricht zusätzlich Probleme, dem Unterricht zu folgen. Experten fordern daher, schon beim Bau neuer Schulgebäude auf Lärmschutz zu achten.

Alltag in Deutschlands Schulen: Schüler toben auf dem Pausenhof, Lärm auf den Treppen und Fluren und ein hoher Geräuschpegel während des Unterrichts.

Wenn man jünger ist, empfindet man das nicht, wenn man dann älter ist, dann merkt man doch, ich kann diesen Lärm nicht mehr so gut haben.

Ingrid Rötger unterrichtet an einer Grundschule. Doch nicht nur Lehrer auch Schüler fühlen sich durch den ständigen Lärm gestört.

Wenn soviel Lärm ist, dann kann man sich auch nicht so richtig konzentrieren, und dann kann man nicht richtig schreiben und richtig rechnen.

Hörschäden, Tinnitus, also ein permanentes Geräusch im Ohr, aber auch Burn-Out-Syndrom, Erschöpfungszustände oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen - also nachweisbare Gesundheitsschäden - werden mit Stress durch Lärm in Verbindung gebracht. Der Akustiker Markus Oberdörster ist Erster Vorsitzender des Vereins "Lernen statt Lärmen", der sich mit dem häufig unterschätzten Lärmproblem in Schulen beschäftigt.

Es ist oft auch bei den Pädagogen ein echtes Aha-Erlebnis und auch was - in Anführungsstrichen - Beruhigendes, wenn die dann feststellen, Mensch ich bin ja für diesen Lärm in meinem Klassenzimmer gar nicht mal nur selbst verantwortlich in meinem Unterricht. Manchmal hab ich gar keine Chance, hier einen ruhigen Geräuschpegel zu bekommen, weil das der Raum einfach nicht hergibt.

Die Raumakustik hängt von der Nachhallzeit ab. Wird der Schall nicht schnell genug abgebaut, bleibt das Sprachsignal im Raum und wird erneut reflektiert. Störende Echos sind die Folge. Bei einer hohen Nachhallzeit ist das gesprochene Wort selbst dann noch zu hören, wenn der Lehrer schon längst über was anderes spricht.

Ich heiße Anne. Wenn jetzt in der Klasse sehr viel Lärm ist, dann kann man nix verstehen, und dass man dann halt Sachen, die man später wissen muss, halt nicht weiß.

Lärm behindert das Lernen, weil die Schüler dem Unterricht akustisch nicht mehr folgen können. Besonders benachteiligt sind lernschwache Schüler oder Kinder, für die Deutsch zunächst eine Fremdsprache ist. Psychoakustiker Gerhart Tiesler von der Universität Bremen.

Als erwachsener Mensch muss ein gesprochenes Wort, wenn ich es richtig verstehen will, etwa neun Dezibel lauter gesprochen werden als der Umgebungsgeräuschpegel. Wenn wir das auf das Grundschulalter einmal übertragen, dann haben wir plötzlich einen Signalrauschabstand, der mindestens 15 bis 18 Dezibel betragen muss, das zeigt, wie viel schwieriger es für einen kleinen Menschen, für einen jungen Menschen ist, die gesprochene Information zu verarbeiten.

Um dem Lärm Paroli zu bieten, wurde in der Havixbecker Grundschule ein Klassenraum schallgerecht saniert. Handwerker haben die Fenster ausgetauscht, die Betondecke isoliert und an den Wänden schallschluckende Dämmplatten angebracht, die nun auch als Pinnwand dienen.

Die Psychoakustiker sind nach Havixbeck gekommen, um in dem sanierten Klassenraum den Schallpegel zu messen. Das hatten sie schon einmal vor dem Umbau getan. Jetzt sind sie mit den Messergebnissen sehr zufrieden. 0,3 bis 0,4 Sekunden Nachhallzeit - ein hervorragender Wert. Auch Laien hören sofort den Unterschied. Hausmeister Martin Riering erzählt, wie er den lärmsanierten Klassenraum zum ersten Mal betrat.

Wundersam kann man das bezeichnen. Als ich rein ging und es war noch nicht, der Raum, der war lauter von sich aus, und dann nachher meinte man, man läuft ins Leere. Die Lehrerin sagte mir ja selber, es ist schwer, man schreit, obwohl man das gar nicht muss. Man verhält sich anders, und deswegen wird es mit Sicherheit gut sein, weil das ganze Umfeld wird ein bisschen ruhiger.

Beim Schulbau und bei der Sanierung wird auf Lärmaspekte zu wenig geachtet. Neubauten sind häufig aus Sichtbeton, Stahl und Glas. Alles sehr harte Materialien - ästhetisch perfekt aber laut. Markus Oberdörster:

Sie können leider den Trend feststellen, dass die neuen Gebäude akustisch eher schlechter geworden sind. Das hat was mit architektonischen Trends zu tun, also Stichwort "transparente Gebäudegestaltung". Will heißen, Sie haben in der Regel gerade mit Neubauten nicht selten Probleme. Wir sanieren nicht selten Neubauten, was mich als Steuerzahler dann durchaus empört.

Und so betont die "Stiftung Zuhören" - eine Vereinigung, die eine Kultur des Zuhörens vor allem bei Jugendlichen fördern will - schon seit Jahren, dass beim Thema Lärmbelästigung, die "räumlichen, pädagogischen und medizinischen Aspekte" verknüpft werden müssen. Denn nur so kann das Lärm-Problem in Schulen offensiv und nachhaltig angegangen werden.
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