BildungsZeit
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30.11.2004
Das neue Bayerische G8
Lehrermangel und Unterricht durch Eltern
Von Arne Wilsdorff

In Bayern werden aufgrund von Lehrermangel Eltern als Lehrer eingesetzt (Bild: AP)
In Bayern werden aufgrund von Lehrermangel Eltern als Lehrer eingesetzt (Bild: AP)
Als eines der deutlichsten Zeichen seines Reformeifers ordnete Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber vor einem Jahr die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre an. Die Widerstände waren bei Eltern und Lehrern groß - war doch gerade erst, nach drei Jahren Arbeit, ein neuer Lehrplan eingeführt worden. Der Kraftakt scheint zwar zu gelingen - wegen der bayernweit allzu knappen Personaldecke am Gymnasium, droht aber bis Weihnachten massiver Unterrichtsausfall. Große Empörung löste deshalb die Bitte eines Münchner Direktors aus, auch Eltern könnten sich als Aushilfslehrer melden.

Da die mobile Lehrerreserve für Gymnasien aufgelöst worden ist, werden auch im Jahresverlauf Aushilfen gesucht werden. Ich darf Eltern, die bereit wären, für einen längeren Krankheitsfall auszuhelfen, bitten sich bei mir schriftlich unter Angabe der Unterrichtsfächer zu melden.

Zitat aus dem 2. Elternbrief des Münchner Michaeli Gymnasiums. Im Klartext: Eltern sollen unterrichten, wenn Lehrer fehlen. Eine Notlösung, die nicht nur bei Parteien und Verbänden Protest auslöste, sondern auch von den betroffenen Schülern eher kritisch gesehen wird.

Umfrage: Ich glaub' nur nicht, dass sich viele Eltern dafür melden werden, weil 1. ist es schwierige Aufgabe. Sie können vielleicht die Sprachen lehren, aber sie könne sicher nicht die Position eines Lehrers vertreten und Disziplin durchführen.

Es wäre sinnvoll, wenn die Eltern Lehrer oder Professoren wären.

Finde ich sch..., weil die Eltern nicht zuständig sind, ist schwierig genug, wenn sie arbeiten müssen und dann auch noch den Kindern irgendwas erklären müssen.


So umstritten die Aushilfen bei jenen sind, die von ihnen profitieren sollen, der Münchner Schuldirektor Hendrik Rehn ist froh um jede Bewerbung, die ihn nach seinem Aufruf erreicht.

Es haben sich aus schulischem Bereich sieben Eltern gemeldet, davon vier Lehrerinnen und drei Männer, Ingenieure, die in Naturwissenschaften aushelfen würden, alle mit mehr oder weniger Erfahrung im Unterrichten an der Hochschule.

Mit ihnen will er nach und nach Gespräche führen. Kritik von den Eltern der 1100 Schüler am Münchner Michaeli-Gymnasium regte sich kaum. Lediglich zwei Mütter schrieben einen Brief - ihre Bedenken will Direktor Rehn sehr ernst nehmen.

Im Vorbeigehen kann man nicht unterrichten. Darum ging es letztendlich, dass man einen Qualitätsanspruch an den Lehrer stellt, und für den muss ich natürlich gerade stehen, das ist ganz klar.

Peter Römisch, Vize-Chef der Landeselternvereinigung bayerischer Gymnasien, will den Aufruf an Eltern nicht pauschal verteufeln, sofern die Kompetenz stimmt.

Bevor Unterricht ausfällt, ist das eine absolute Notlösung, die es früher schon einmal geben hat. Das ist ein Fall in Grafing, wo ein pensionierter Physiker eine 5. Klasse in Mathe unterrichtet. Der kann das gut und die Kinder sind auch begeistert, das ist aber nicht der Sinn der Sache, dass Eltern das machen.

Das dürfte allgemein Konsens sein. Die Finanznot der Länder schafft aber bundesweit eine ganz andere Wirklichkeit. Denn es gibt schlicht zu wenig Lehrer, übergroße Klassen und Unterrichtsausfall sind die Folgen. Wegen knapper Staatskassen werden zu wenig neue Lehrer eingestellt, gleichzeitig warnt die Kultusministerkonferenz sowie praktisch alle Bildungsexperten vor drohendem Lehrermangel und Überalterung.

Bayerns Schulministerin Monika Hohlmeier würde gerne zusätzliche Lehrer einstellen, die Haushaltslage - so ihr Argument dagegen - lasse dies zurzeit jedoch nicht zu. Das Geld für die "mobile Lehrerreserve", die bisher in Notfällen aushelfen konnte, wurde gestrichen, dafür aber der Topf für so genannte Aushilfen erhöht. Und damit ist der Weg frei für die Rekrutierung all jener, die sich mal als Lehrer versuchen möchten.

Wenn man jemand hat, der aus dem Umfeld der Schule kommt, dann ist die Bereitschaft zu helfen größer. Darum habe ich die Eltern aufgefordert, die Lehrer sind oder beurlaubt sind und die die Qualifikation haben, sich zu melden. Denn wir bekommen Geld für Aushilfsjobs.

Leidtragende sind die jungen Lehrer, die keine Stelle finden und inzwischen in manchen Bundesländern bereits als potentielle "Ein-Euro- Lehrer" gehandelt werden.
Anspruch und Wirklichkeit, nicht nur der bayerischen Schulpolitik, liegen somit meilenweit auseinander. Das meint auch der umtriebige Gymnasialdirektor Hendrik Rehn und bedient sich dabei der Fußball-Rethorik von Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Wir haben bei PISA mitgekriegt, dass wir in der Bundesliga ganz gut mitspielen. Das heißt unsere Stamm-11 ist in Ordnung und wir können gute Leistungen bringen. Wer aber vor hat, in der Championsleague mitzuspielen, muss man auch schaun, dass die Reservebank gut ist, und die Reservebank ist halt jetzt leer.
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