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1.12.2004
Kinderhaus Fridolin in Potsdam
Der herkömmlichen Kinderbetreuung einen Schritt voraus
Von Claudia van Laak

Kinderbetreuung ist im Osten deutlich besser als im Westen Deutschlands, so die OECD. (Bild: dradio.de)
Kinderbetreuung ist im Osten deutlich besser als im Westen Deutschlands, so die OECD. (Bild: dradio.de)
Die Kinderbetreuung in Ostdeutschland zählt nach einer neuen OECD-Studie international zu den Vorreitern. Der Osten Deutschlands besitzt eines der am besten ausgebauten Kinderbetreuungssysteme der Welt, so das Lob. Für mehr als ein Drittel der Kinder unter drei Jahren stehen Krippenplätze zur Verfügung, in Westdeutschland sind das nur knapp drei Prozent. In Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam befindet sich ein ganz besonderes Kinderhaus: Hier werden die Kleinen wenn nötig auch am Wochenende, abends und sogar nachts betreut.

3-Jährige singen und basteln für Weihnachten, eine zweite Kindergartengruppe hat gerade gefrühstückt und steht Schlange beim Händewaschen. Die Vorschulkinder stürmen ins Haus, sie kommen vom Sport. Ein ganz normaler Kindergartenalltag also. Nicht ganz, sagt Leiterin Waltraud Sawade.

Dass wir zu außergewöhnlichen Zeiten betreuen, eben sonnabends und sonntags oder zu späten Abendstunden, aber auch nachts. Und weil die Nachfrage so groß war, haben wir nicht nur die beiden Kita-Gruppen, sondern auch noch zwei Gruppen mit freien Plätzen.

Die 61-jährige Potsdamerin ist Erzieherin mit Leib und Seele. Nach der Wende entschied sie sich für einen Neuanfang und gründete den Verein: "Frauen in der Lebensmitte". Dieser ist jetzt Träger des Kinderhauses Fridolin. Alle Mitarbeiterinnen sind ausgebildete Erzieherinnen. Flexibilität ist das Wichtigste im Kinderhaus. Die Unternehmen verlangen das heute von ihren Mitarbeitern, wir müssen uns darauf einstellen, sagt Waltraud Sawade.

Das heißt stundenweise Betreuung, oder tageweise Betreuung, oder manchmal wie die Feuerwehr innerhalb einer halben Stunde entscheiden, das Kind abholen und hierher bringen, insofern ist unser Konzept sehr vielseitig.

Das Haus ist im Prinzip immer offen, die Kinder können auch dort übernachten. Diese Möglichkeit wird von den Eltern allerdings nur im Notfall genutzt. Alleinerziehende Berufstätige lassen ihr Kind manchmal dort übernachten, oder Eltern, die im Schichtdienst arbeiten. Für uns ist das Kinderhaus die Rettung, sagt Daniela Tschirndt, die gerade ihre 3-jährige Tochter Julia wegbringt.

Einer von uns müsste die Arbeit aufgeben, wenn hier die Möglichkeit nicht wäre.

Daniela Tschirndt arbeitet als Erzieherin in einem Heim für behinderte Kinder, das bedeutet auch Nachtdienste und Arbeit am Wochenende. Ihr Mann ist Lokführer, er arbeitet ebenfalls im Schichtdienst. Ähnlich ist es in der Familie Graf. Jens Graf muss oft abends arbeiten, seine Frau ist Rechtsanwältin.

Also wenn wir beide abends arbeiten müssen, dann haben wir das Kind um 20.00 Uhr oder um 19.00 Uhr abgeholt, also die normale Zeit, dass man Kinder um 17.00 Uhr abholen muss, das ist mit unserer Arbeitszeit nicht zu vereinbaren.

Dafür bringt Jens Graf seinen Sohn morgens eben später in den Kindergarten, die flexiblen Zeiten im Kinderhaus machen es möglich. Ein Segen ist dies auch für die Verkäuferin Susanne Mack und ihre Tochter Leonie.

Ich arbeite im Handel, da ich in Schichten arbeite, muss ich manchmal ganz früh anfangen, um 6 Uhr, manchmal muss ich bis 20 Uhr arbeiten, und wenn mein Mann keine Zeit hat, muss ich sie länger dalassen.

Auch Babies werden versorgt - Mütter bekommen ihren Säugling sogar zum Stillen an die Arbeitsstelle gebracht. Für manche mag dies einem Abschieben der Kinder gleichkommen. Kinderhauschefin Waltraud Sawade sieht dies ganz und gar nicht so.

Nein, Abschieben ist überhaupt nicht das richtige Wort. Ich denke mir, ein Kindergarten oder eine Kinderkrippe oder so ein familienorientiertes Kinderhaus, wie wir es hier betreiben, das muss sich immer an den Bedürfnissen der Familie orientieren. Und wenn eine Mutter lange studiert hat und nach dem Studium einen guten Einstiegsjob bekommt und ihr Kind versorgt werden muss, dann ist das kein Abschieben.

Das Konzept des Kinderhauses Fridolin hat sich bei berufstätigen Eltern in Potsdam schnell herumgesprochen. Die Nachfrage ist groß, 200 Kinder stehen auf der Warteliste. Das liegt auch an den moderaten Preisen. Für eine Betreuung außerhalb der normalen Öffnungszeiten müssen Eltern nur vier Euro pro Stunde bezahlen.

Und wenn wir in die Hausbetreuung gehen, sind es nur sieben Euro. Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, dass wir uns nicht unter Wert verkaufen. Wir werden nämlich schon belächelt, die Leute sagen, ihr macht eine qualifizierte Kinderbetreuung, und kostet weniger als eine Putzfrau.

Doch Waltraut Sawade hadert noch mit einer Preiserhöhung, sie möchte einkommensschwache Familien nicht von der Kinderbetreuung ausschließen. Dass das Kinderhaus Fridolin eine außergewöhnliche Einrichtung ist, das ist ihr erst im Laufe der Zeit deutlich geworden. Mittlerweile sagt sie:

Wir sind eigentlich der ganzen Sache schon einen Schritt voraus.
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