BildungsZeit
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2.12.2004
Elite-Internat in der Schweiz
Das Lyceum Alpinum im Kanton Graubünden

Alpen in der Schweiz (Bild: AP)
Alpen in der Schweiz (Bild: AP)
Seit Jahren reißt die Kritik an den Schulen in Deutschland nicht ab. Eltern schauen immer genauer hin, wenn sie eine Schule für ihr Kind aussuchen. Besonders Privatschulen profitierten von diesem Trend - auch im Ausland. Traditionell bekannt für ihre exklusive Bildung sind die privaten Internate in der Schweiz. In diesem Sommer feierte eine der allerbesten Adressen, das Lyceum Alpinum im Kanton Graubünden nahe St. Moritz, sein 100-jähriges Bestehen. Wer sich die Schulgebühren von mindestens 35.000 Euro im Jahr leisten kann, ist für den Kampf um die Plätze an den besten Universitäten gerüstet. Mehr als ein Drittel der 180 Internatsschüler kommt aus Deutschland.

Kurz nach zwölf, Mittagessen im Speisesaal. Der Raum ist hell und sehr sauber, man könnte vom Boden essen. An einer Wand hängt ein Wasserkran mit Waschbecken. Ein Relikt aus den Anfängen des Internats, es stammt aus den 20er Jahren. Auf dem Speiseplan stehen heute Spagetti, Gemüse und Schweinefleisch. Drei lange Achtzig-Minuten-Einheiten haben die Schüler des Lyceum Alpinum schon hinter sich gebracht. Das Leben hier ist nach einem straffen Zeitplan organisiert. Am Nachmittag folgt weiterer Unterricht und viel Sport, danach müssen die Schüler noch ihre Hausaufgaben machen. Manuel aus der Schweiz kennt den vollgepackten Stundenplan. Seit drei Jahren lebt der 18-jährige Sohn eines Teigwarenfabrikanten im Schule-Internat in den Bergen des Ober-Engadin. Seine Erfahrung:

Manuel: Man kriegt eine genaue Disziplin. Man hat praktisch einen Plan, was man machen muss und wie man den befolgen muss. Man muss ihn nicht befolgen, man darf ihn befolgen. (lacht) Und ich denke, es ist wichtig, dass es den Plan gibt. Ich bin sehr froh dafür. Mir hat das sehr viel geholfen. Inzwischen stehe ich auch in den Ferien früh auf.

Zu den festen Regeln gehören Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit. Wer um zehn nach sieben nicht am Frühstückstisch sitzt, erhält abends drei Stunden Extra-Studium. Curt Schmitt leitet das Internat für die älteren Jungen mit fast 70 Schülern aus 15 Ländern. Er erklärt das Erziehungskonzept der Schule.

Curt Schmitt: Die Philosophie ist hier, dass wir streng sind, dass wir konsequent sind, aber fair. Fairness ist etwas, was den ganzen Schulbetrieb durchzieht, was im Sport gelernt werden soll und was im Internat und der Schule auch praktiziert werden soll. Das heißt keine willkürlichen Strafen, sondern die Jungs müssen genau wissen, worauf sie sich einlassen. Zu jeder Zeit.

Zudem wird Tradition nach englischem Vorbild groß geschrieben: Auch heute ist es noch das Ziel jedes Schülers in eines der ruhmreichen Schulteams, etwa im Mannschaftssport Kricket, zu kommen und damit auf einem Foto in der Ahnengalerie verewigt zu werden. Schüler, die mit den strengen Regeln nicht zurechtkommen, gehen von selbst oder bekommen von der Schule den Laufpass.

Schmitt: Wenn sich jemand im Internatsbetrieb nicht einfügt, besonders bei Drogen oder Mobbing von anderen Schülern, dies sind Vergehen, wo wir knallhart sind. Wenn ein Drogentest positiv ausfällt, dann muss der Schüler sofort gehen. Bei Mobbing ebenfalls.

Rund ein Drittel der Internats-Schüler kommt aus Deutschland. Isabell aus München wechselte vor drei Jahren von einer öffentlichen Schule in die Schweiz. Die 17-Jährige und ihre Eltern waren mit dem Unterricht in Bayern nicht zufrieden, obwohl die bayerischen Schulen in internationalen Tests noch vergleichsweise gut abschneiden.

Isabell: Ich glaube auch, dass die bayerischen Schulen sich darauf ausruhen. Dass sie halt sagen: wir sind sowieso die Besten. Das ist halt mal so. Und daran kann sowieso keiner etwas ändern. Wir haben den guten Ruf und deswegen können machen, was wir wollen.

Die Vorteile am Lyceum Alpinum liegen auf der Hand: Die Klassen sind mit oft weniger als 15 Schülern klein. Wer den Stoff dennoch nicht versteht, bekommt Einzelunterricht. Von Lehrmittelknappheit ebenfalls keine Spur: In der Bibliothek stehen die neuesten Bücher, der Bestand ist von den Zimmern bequem übers Internet abrufbar. Ein weiterer Vorteil: Die Oberstufe dauert nur zwei statt drei Jahre. Außerdem können die Schüler das internationale Abitur in der Unterrichtssprache Englisch machen, das ihnen die Tür zu renommierten Universitäten weltweit öffnet. Nach dem Abschluss schließlich gehört man zu einem exzellenten Netzwerk von Ehemaligen, die hochkarätige Positionen in Politik und Wirtschaft besetzen. Isabell gefällt aber vor allem das Verhältnis zu ihren Lehrer an der Privatschule.

Isabell: Hier habe ich das Gefühl, dass die Lehrer ansprechbarer sind, wenn man ein Problem hat, wenn man was in einem Fach nicht verstanden hat, dass sie eher noch für einen da sind - auch nach der Schule. Das habe ich an deutschen Schulen nicht erlebt. Wenn man was nicht verstanden hatte, hatte man sozusagen Pech gehabt.

Georges Fäh, Mitglied der Schulleitung am Lyceum Alpinum weiß um die großen finanziellen Möglichkeiten seiner Schule, von denen man in Deutschland nur träumen kann. Dennoch sieht er vor allem in der besseren Motivation der Lehrer das entscheidende Plus. Um die öffentlichen Schulen trotz leerer Kassen wettbewerbsfähiger zu machen, würde er genau an diesem Punkt ansetzten.

Georges Fäh: Wenn es in Deutschland überhaupt zu einer Reform des Schulsystems kommen sollte. Dann nur, in dem zum Beispiel der Beamtenstatus der Lehrer abgeschafft wird. (…) Ein Lehrer kann entlassen werden, und zwar nicht, wenn er eine kriminelle Tat begeht, sondern, wenn er nicht genügt. Ich kann sehr wohl die Leistung eines Lehrers messen.

Die Unterrichtsqualität am Lyceum Alpinum hat einen stolzen Preis. Rund 35.000 Euro zahlen die Eltern pro Jahr. Dennoch lernen hier nicht nur die Kinder des Blut- und Geldadels, wie es oft heißt. Neben den 180 Internatsschülern besuchen auch 120 Schüler aus dem Umland die Edel-Schule als reguläres Gymnasium. Die Kosten übernimmt der Kanton. Zudem vergibt die Schule rund ein Dutzend Teilstipendien für Begabte. Und wenn nicht gerade ein Reporter in der Nähe steht, sind Schüler wie Manuel auch nicht ganz so folgsam wie sie sich in Interviews geben - sondern einfach ganz normale Schüler.

Manuel: Es gehört zu jedem Internat, dass man auch ab und zu gegen die Regeln verstößt und schaut wie die Konsequenzen sind.
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