BildungsZeit
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8.12.2004
Polen und PISA
Radikalreform zeigt Wirkung
Von Thomas Rautenberg

Polen gilt als Bildungsaufsteiger. Auch bei der letzten PISA-Studie schnitten die Polen gut ab.  (Bild: AP)
Polen gilt als Bildungsaufsteiger. Auch bei der letzten PISA-Studie schnitten die Polen gut ab. (Bild: AP)
Polens Bildungsminister Miroslaw Sawicki spürt späte Genugtuung. Grund ist die neue PISA-Studie, die Polen zum bildungspolitischen Aufsteiger und Miroslaw Sawicki zu einem erfolgreichen Reformpolitiker kürt.

Sawicki hatte, wie seine Amtsvorgänger auch, der polnischen Schule eine Radikalreform verordnet. Das drohende Debakel bei der ersten PISA-Studie vor Augen, wurde die polnische Schulstruktur völlig auf den Kopf gestellt. Statt einer achtjährigen Grundschule, die bislang gesetzlich verankert war, wurde die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr eingeführt. Sechs Jahre davon in der gemeinsamen Grundschule, und weitere drei Jahre im Gymnasium, vergleichbar mit der deutschen Mittelstufe, bevor sich die Schüler dann für das Abitur oder eine Berufsausbildung entscheiden müssen. Diese Reform ging nicht ohne Beulen und Schrammen ab, erinnert sich Dorota Obidniak von der polnischen Lehrergewerkschaft:

Bei solcher Geschwindigkeit, mit der sich alles geändert hat, das ganze Schulsystem, hat man keine Zeit alle Konzeptionen bis zum Schluss auszuprobieren. Man wusste nicht, ob das in der Stadt und auf dem Lande gleichermaßen funktionieren würde. Aber manchmal muss man einfach etwas ganz schnell durchziehen.

Und gerade der Faktor Zeit kommt den polnischen Schulpolitikern nun gelegen. Man hatte wenigstens vier Jahre, um etwas zu tun, so war Gewerkschafterin Obidniak vom Erfolg überzeugt:

Die Forschungen im Jahre 2000 haben zum ersten Mal die Schule beurteilt, weil nur 15-jährige Schüler überprüft worden sind. Diese Forschungen sollten zeigen, ob polnische Schüler bestimmte Aufgaben bewältigen konnten. Es ging weniger um Wissen als vielmehr um Fertigkeiten. Es hat sich erwiesen, dass wir schlecht waren. Aber - und das ist das entscheidende für die neue Studie - die Forschungen damals haben sich auf die letzte Generation des alten Schulsystems bezogen.

Nicht nur die Schulstruktur änderte sich von heute auf morgen und stellte Schüler, Lehrer und Eltern vor zahlreiche Probleme, sondern auch der Schulabschluss, nämlich die Prüfung wurden völlig neu organisiert. Nach der 9. Klasse muss sich nun jeder polnische Schüler einem landesweit einheitlichen Abschlusstest unterziehen. Diese Prüfungen haben Schüler und Lehrer gleichermaßen vor völlig neue Herausforderungen gestellt, ist sich Bildungsminister Miroslaw Sawicki sicher:

Die Tests legen Wert auf die Überprüfung verschiedener Fertigkeiten und nicht so sehr des Wissens. Also sie erzwangen, dass im Schulunterricht vor allem Kompetenzen vermittelt worden sind. Verstehendes Lesen beispielsweise oder die Fähigkeit, Gedanken zu formulieren, auch zu argumentieren, und solche Sachen. Es wird also Denken gelehrt und die Anwendung des Wissens. Und genau das sind die Fähigkeiten, die dann durch das Examen überprüft werden.

Praktischer Nebeneffekt dieser Prüfungen: Sollten die Schüler einer Region grundsätzlich schlechter als ihre Altersgenossen aus anderen Landesteilen abschneiden, bliebe das nicht lange verborgen. Und das polnische Bildungsministerium müsste der betroffenen Region mit Korrekturprogrammen oder zusätzlichen Lehrkräften unter die Arme greifen.

Wie modern die polnische Schule wirklich ist, darüber ließe sich trefflich streiten. Gerade in den unteren Klassen wird in Polen sehr viel auswendig gelernt oder "eingepaukt", wie die Kinder es nennen. Und viele Lehrer geben sich bewusst autoritär. Man merke schon, ob man vor eine polnischen oder einer deutschen Klasse stehe, meint Dorota Obidniak, die selbst in Deutschland unterrichtet hat:

Wenn man eine polnische Klasse besucht, und dann eine deutsche, fällt auf, dass sich die polnischen Schüler ganz anders benehmen. Bei uns sitzen die Kinder still, sie hören zu, sie würden den Lehrer nicht unterbrechen. Man hat den Eindruck, dass diese Kinder disziplinierter sind.

Die Gewerkschafter bezweifelt allerdings, dass sich allein die Schule ein PISA-Plus ans Revers heften darf:

Es kann sich erweisen, dass auch die Jugendlichen einen großen Teil des Erfolgs miterarbeitet haben. Zum Beispiel wird das Internet immer populärer, und schon deshalb sind die Schüler gezwungen, verschiedene Fertigkeiten zu erlernen. Und jetzt kommt die entscheidende Frage, ob das Leben die Schüler dazu zwingt, oder die Schule.

Natürlich blicke man auch nach Deutschland, räumen die polnischen Bildungspolitiker ein. Aber Polen müsse zugegebenermaßen andere Wege gehen: Die Ganztagsschule beispielsweise wäre für die polnische Regierung zwar wünschenswert, aber nicht finanzierbar. Und auch von der frühen Profilierung einzelner über die Begabten- oder Elitenförderung hält Polens Bildungsminister Sawicki wenig:

Wir wollen eine gute allgemeine Ausbildung geben. Denn sie erleichtert die Mobilität, auch bei wechselnden Interessen, kann eine richtige, den eigenen Fähigkeiten und Interessen entsprechende Berufswahl getroffen werden.

So oder so - die neue Qualität der polnischen Schule zeigt sich auch an einer anderen Zahl: Gegenwärtig wollen sich über 80 Prozent der polnischen Schüler für das Abitur qualifizieren. Vorausgesetzt natürlich sie scheitern nicht in der Abschlussprüfung.
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