BildungsZeit
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10.12.2004
Pisa-Studie
Schock in Österreich über Absturz
Von Susanne Glass

Schüler aus Österreich haben in der zweiten PISA-Studie deutlich schlechter abgeschnitten als im ersten Test (Bild: AP)
Schüler aus Österreich haben in der zweiten PISA-Studie deutlich schlechter abgeschnitten als im ersten Test (Bild: AP)
Nach der ersten Pisa-Studie haben die Österreicher noch frohlockt. Hatten sie doch im internationalen Vergleich durchweg gut abgeschnitten - vor allem deutlich besser als das Nachbarland Deutschland. Umso größer ist jetzt der Schock. Denn Österreich hat sich als einziges deutschsprachiges Land signifikant verschlechtert - und zwar in allen getesteten Bereichen.

Beim Rechnen und Problemlösen liegt Österreich jetzt - wie Deutschland - nur noch im Mittelfeld. Beim Lesen sind die österreichischen Schüler von Platz 10 auf 19 abgestürzt, also direkt hinter Deutschland. Und in den Naturwissenschaften sind die Österreicher sogar vom bisher 8. auf den 20. Platz eingebrochen. Die oppositionellen Sozialdemokraten und die Grünen sehen die Bildungspolitik der schwarz-blauen Regierung vor dem Bankrott. Grünen-Chef Van der Bellen erklärte, ÖVP-Bildungsministerin Gehrer habe sich auf den Ergebnissen der ersten Pisa-Studio ausgeruht und die damals schon vorhandenen Alarmsignale ignoriert.

Van der Bellen: Ich hoffe, dass dieser Schock jetzt wirkt und zwar etwas bewirkt.

Tatsächlich hat der Pisa-Schock schon etwas bewirkt. Regierung und Opposition sind sich einig, dass die für die Schulgesetzgebung bisher nötige Z-Mehrheit abgeschafft werden soll, damit die Reformen in diesem Bereich nicht länger blockiert werden. Ministerin Gehrer will jetzt als erstes…

Gehrer: Eine neue schlanke Bildungsverwaltung in den Bundesländern.

Und diese schlanke Bildungsverwaltung soll spezielle Fördermaßnahmen für schwache Schüler einführen, zusätzliche Stellen an Pflichtschulen schaffen und Lehrer regelmäßig zur Weiterbildung verpflichten. Um speziell Migrantenkinder stärker zu fördern, die bei der Pisa-Studio besonders schlecht abgeschnitten haben, sind zusätzliche Sprachkurse schon im Vorschulalter geplant. Das endgültige Reformpaket will Gehrer allerdings erst im nächsten Frühjahr vorstellen. Für Ende Januar hat sie Vertreter aller österreichischen Parteien, Gruppierungen und ausländische Experten zu einem Bildungsgipfel nach Wien eingeladen.

Diskussionsthema Nummer eins dürfte dabei die Einführung einer Gesamtschule sein. Bisher unterscheidet sich das österreichische Schulsystem kaum von dem deutschen. Die meisten Schulen sind Halbtagesschulen. In den ersten vier Jahren besuchen alle Kinder die Volksschule, danach wird differenziert in Hauptschule, Realgymnasium oder Gymnasium, das nach insgesamt zwölf Schuljahren mit der Matura, also dem Abitur, endet. Außerdem gibt es noch die weiterführenden berufsbildenden Schulen. Ein Schulwechsel, beispielsweise vom Realgymnasium aufs Gymnasium, ist zwar theoretisch auch nach fünf oder sechs Jahren möglich, aber relativ schwierig. Nach unten, also beim Abstieg zu einem einfacheren Schultyp, ist das österreichische System dagegen durchlässiger. Die Grünen fordern jetzt in Anlehnung an das erfolgreiche finnische Schulsystem die Einführung einer Ganztagesgesamtschule, ihr bildungspolitischer Sprecher, Dieter Brosz, argumentiert:

Faktum ist, mit einem Schulsystem, das nach dreieinhalb Jahren selektiert, wird es die Verbesserungen nicht geben können. Das heißt, es muss perspektivisch gesehen, ein Zusammenfassen der Schülerinnen und Schüler geben. Und es muss endlich dazu kommen, dass man nicht differenziert in Schultypen, sondern in der Förderung ansetzt.

Der Pisa-Studienleiter für Österreicher, Günther Haider, hält die Diskussionen über ein anderes Schulsystem zum jetzigen Zeitpunkt allerdings für kontroproduktiv.

Haider: Also das könnte vielleicht irgendwann einmal eine Diskussion in der Zukunft sein, aber was ist denn das was wirkt in der Schule? In der Schule wirkt der Unterricht und wir brauchen Lehrer, die in der Lage sind solchen individualisierten Unterreicht auch tatsächlich anzubieten. Denn es genügt nicht, ein Pickerl (österreichisch für: Etikett) der alten Schule runterzunehmen und ein neues aufzukleben, sondern wir brauchen einen wirklich verbesserten Unterricht. Und da muss ich wirklich sagen, das geht nur über eine Lehrerbildung über eine langfristig verbesserte Lehrerbildung. Auch der schon im Beruf befindlichen Lehrer, aber auch der jungen Lehrer. Und das wird seine Zeit benötigen, aber das ist die wirksamste Maßnahme, wie ich glaube.

Ministerin Gehrer wollte sich in punkto Gesamtschule bisher noch nicht festlegen. Sie sagte, prinzipiell könne sie sich vieles vorstellen, sie wolle aber erst die Ergebnisse des Reformgipfels abwarten. Eines, aber so die ÖVP-Politikerin, sei schon jetzt klar, für die Motivation von Schülerinnen und Schüler, seien auch das gesellschaftliche Umfeld und das Elternhaus verantwortlich und da sei die Politik weitgehend machtlos….

Gehrer: Man kann die Entwicklungen, man kann die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht alle in einem Gesetz festschreiben.
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