BildungsZeit
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14.12.2004
Die Sprache des Nachbarn
Französisch und Deutsch im Unterricht
Von Tonia Koch

Die deutsche Sprache gilt bei unseren französischen Nachbarn als sehr schwierig. (Bild: AP)
Die deutsche Sprache gilt bei unseren französischen Nachbarn als sehr schwierig. (Bild: AP)
Seit gut zwei Jahren ist Birgit Sichelstiel in Frankreich unterwegs. Mit ihrem Deutschmobil fährt sie französische Schulen an, um in Frankreich für die deutsche Sprache zu werben. Den französischen Schülern gilt Deutsch als viel zu schwierig, sie lernen lieber Spanisch oder Englisch. Und wenn jemand den Nachnamen Sichelstiel trägt, dann ist das der lebendige Beweis dafür, dass Deutsch eben doch eine schwere Sprache ist. Birgit hat gelernt damit umzugehen.

Im Ernst, im Grunde sag' ich es nicht einmal zu den Lehrern. Ich sag' halt, ich heiß' Birgit Deutschmobil, das klappt immer.

Soviel Pragmatismus - wie von Birgit Sichelstiel praktiziert - ist im deutsch -französischen Miteinander selten. Und in den Lehrplänen weder auf deutscher noch auf französischer Seite vorgesehen. Deshalb ist es an der Zeit, dass sich daran substanziell etwas ändert, meint Michel Leroy, Vorsitzender der französischen Recteurs, der Konferenz der Schulbehörden:

Wenn man will, dass sich die deutsche Sprache in Frankreich entwickelt, dann muss man die pädagogischen Anstrengungen verstärken. Das heißt, man muss dem gesprochenen Wort viel mehr Aufmerksamkeit schenken statt wie bisher nur auf die Grammatik und die Literatur zu schauen, auch wenn diese wichtig ist. Man muss den Schülern das Sprechen beibringen, auch wenn sie dabei Fehler machen.

Doch in Frankreich ist es nach wie vor verpönt in einer Fremdsprache Fehler zu begehen. Und es braucht noch viel Zeit, diese grundsätzliche Einstellung zur Sprache zu ändern. Ende der 90er Jahre hat Frankreich deshalb damit begonnen, bereits in den Grundschulen Fremdsprachenunterricht zu erteilen. Und tatsächlich steigt die Zahl der Schüler, die im Grundschulbereich Deutsch lernen.

Allerdings konzentrieren sich die Erfolge des deutschen Fremdsprachenunterrichtes überwiegend auf die Grenzregion, auf das Elsass und Lothringen. Ansonsten gilt Deutsch in Frankreich als eine Sprache, die von den Eliten nachgefragt und gelernt wird. Michel Leroy sieht darin Vor- und Nachteile:

Zum einen stärkt es Deutsch als Fremdsprache. Viele Familien, die sich für Deutsch entscheiden, glauben vielleicht daran, gute Lehrer zu bekommen und in einer Klasse zu sein, mit guten Schülern. Der Elite-Gedanke schwächt jedoch auch den Zuspruch für Deutsch, weil es - ob gerechtfertigt oder nicht - als schwierige Sprache gilt, die gegenüber dem als leichter empfundenen Spanisch dadurch ins Hintertreffen gerät.

So wie französische Schüler über Deutsch, so denken die deutschen Schüler auch über Französisch als Fremdsprache. Nur zwei Prozent der Schüler wählen Französisch als erste Fremdsprache. Dabei ist es gar nicht so schwer, sagen Schüler der Klasse sieben des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums.

Französisch mach' ich lieber als Englisch. Hier an der Grenze kann man es anwenden.

Das Saarland spielt eine Sonderrolle. Nach wie vor wählen hier 60 Prozent der Schüler Französisch als erste Fremdsprache. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, ebenfalls Nachbarn von Frankreich, sind es dagegen nur vier Prozent.

Und dass das Saarland trotz oftmals anders lautender Wünsche der Eltern seinen Anteil stabil halten kann, liegt an schulpolitischen Maßnahmen. In der dritten und vierten Klasse der Grundschulen ist der Französisch-Unterricht verbindlich und zunehmend werden in Kindergärten und in den beiden ersten Grundschulklassen Muttersprachler eingesetzt, um das Interesse für die Sprache des Nachbarn zu wecken. Jürgen Schreier, Kultusminister im Saarland.

Wenn sie schon mal angefangen haben, dann drängen die Eltern darauf, dass man auch in dieser Sprache weitermacht. Ich glaube der frühe Start ist entscheidend.

Seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums hat der Druck auf Französisch nachgelassen, weil die zweite Fremdsprache bereits in Klasse sechs auf dem Lehrplan steht. Das ist eine Erfahrung, die auch Heinz Paulus, der Leiter des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums gemacht hat. An seiner Schule starten 75 Prozent der Schüler mit Französisch. Doch die Begeisterung reicht in aller Regel nur bis Klasse 10.

Hier erkennt man sehr deutlich, dass eine regelrechte Massenflucht einsetzt Und Englisch und Spanisch doch in den Vordergrund treten.

Überlegungen der Politik gehen dahin, die Abwahlmöglichkeiten zu beschränken. Doch ob sich damit Französisch tatsächlich dauerhaft etablieren lässt, ist mehr als fraglich. Julit Ring, die stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung der Französisch-Lehrer in Deutschland, verspricht sich mehr davon, wenn den Eltern in Deutschland Sprachberatung angeboten wird.

Wir haben in Deutschland im Grunde keine richtige Sprachberatung für Eltern. Wenn man den Eltern erklären würde, dass Französisch eine Basissprache sein kann, das heißt dass man auf Basis von französischen Sprachkenntnissen leichter Italienisch oder Spanisch lernen kann, dann würden sich die Eltern Gedanken machen, dass es vielleicht besser ist, die schwierigere Sprache zu lernen wenn man jünger ist, weil kleine Kinder leichter lernen. Aber das wissen die Eltern alles nicht.

Aufgabe der Schulen ist es deshalb, Eltern aufzuklären, die glauben, die Sprache des Nachbarn könnte ihre Kinder überfordern.
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