BildungsZeit
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15.12.2004
Arme Kinder
Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer
Von Peter Kaiser

Der Zugang zum Computer ist für in Armug lebende Kinder oft ein Problem (Bild: Kölnmesse)
Der Zugang zum Computer ist für in Armug lebende Kinder oft ein Problem (Bild: Kölnmesse)
Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer - das bestätigen alle Untersuchungen zur wirtschaftlichen Situation in Deutschland. Besonders zur Weihnachtszeit zeigt sich, dass die einen üppig Geschenke verteilen können, während sich die anderen immer mehr beschränken müssen. Familien, die in Armut leben, müssen nicht nur auf teure Spielsachen und Klamotten verzichten. Auch der Computer hat als Weihnachtsgeschenk keine Chance.

Also dieses Jahr ist die Situation schlechter als die letzten Jahre. Weil wie in vielen anderen Betrieben auch gekürzt worden ist.

Die Krankenschwester Paula ist Alleinerziehende von zwei Kindern. Um ihre Anstellung behalten zu können, hat sie auf die bisherigen Einmalzuschläge verzichtet.

Das heißt, bei uns ist es das Weihnachtsgeld und das Urlaubgeld, die weggefallen sind. Das ist eine Größenordnung um die 1000 Euro. Sprich: Geschenke fallen entsprechend kleiner aus.

Ein Buch, ein Pullover, ein Fußball - die Familie beschränkt sich auf Nützliches und Erschwingliches. Das nimmt zwar auch Familienvater Albert für sich in Anspruch, allerdings denkt er in ganz anderen finanziellen Dimensionen.

Ich schenke meinen beiden Söhnen jeweils einen Laptop, und da greife ich natürlich ein bisschen in die Tasche. Man muss da schon 2000 Euro anlegen, und man will ja jetzt auch nicht den Laptop von gestern. Und (…) wenn meine Kinder nicht mithalten könnten, da würde ich fürchten, dass die da zu kurz kommen könnten.

Die meisten Eltern möchten ihren Kindern neben bunten Spielsachen auch etwas Sinnvolles zu Weihnachten schenken. Eine nützliche Investition in die Zukunft ist der Computer. Die Kinder, die keinen Computer zuhause haben, geraten früher oder später in der Schule ins Hintertreffen. Sie haben keine Übung am PC, schreiben keine E-Mails und surfen nur dann im Internet, wenn das im Unterricht angeboten wird.

Doch für Eltern, die wenig verdienen oder von Sozialhilfe abhängig sind, sind solche Geschenke nicht finanzierbar.

Das Geld, was im Portemonnaie der Menschen ist, ist immer weniger. Die Nöte sind größer geworden. Insbesondere auch von Menschen, die im Beruf sind.

Agnes Bleyleven-Homann leitet eine Caritas-Beratungsstelle in Berlin.

Und immer jeden Pfennig umzudrehen, ist einfach unglaublich schwer für eine Mutter mit kleinen Kindern.

Jedes 7. Kind lebt in Deutschland in Armut, so der Kinderreport 2004 des Deutschen Kinderhilfswerks. Und wenn das Geld selbst für das Alltägliche kaum reicht, dann ist ein Computer einfach nicht drin. Nicht nur die Anschaffungskosten, auch die Betriebskosten für einen Internetanschluss überschreiten das Budget.

Bei Krankenschwester Paula bleibt von 1500 Euro Einkommen am Monatsende nichts übrig, ein Computer kommt deshalb nicht in Frage, auch wenn die Kleinere ihrer beiden Töchter manchmal quängelt.

Naja, sie kommt jetzt so in das Alter, sechs, wo sie (…) bei Spielkameraden sieht, dass die einen Computer haben, oder in deren Haushalt gibt es einen Computer. Und als Vorbereitung auf Schule und spätere Zeiten ist es schon so, dass es ohne Computer kaum laufen wird. (…) Die Große in der Schule, die arbeiten ja auch damit. Und alle Klassenkameraden haben das. Ich habe hin und her geguckt, das sind 1000 Euro, die mir fehlen. Wer kann nebenbei 1000 Euro aus dem Ärmel schütteln?

Für den gut verdienenden Vater Alfred sind dagegen 4000 Euro kein Problem. Er investiert das Geld ganz bewusst in Computer und überlegt sich, dass seine beiden Söhne damit einen Wissensvorsprung haben.

…wenn die so einen Laptop haben, ich verspreche mir davon auch, dass die da auch mit dieser Technologie umgehen lernen. Und das ist sicher was, was ihre Chancen für die Zukunft erhöht. In der Schule, da geht es ja zum Teil auch schon um Informatikgrundwissen, da geht es ja auch darum, dass die sich im Internet auskennen, und so weiter, dass die da auf dem neuesten Stand sind. (…) und ich kann mir das leisten, dass die da mit dabei sind. Also sehe ich keinen Grund, warum ich denen das nicht kaufen sollte.

Die Schere zwischen den Gutverdienenden und denen, die ein geringes oder kein Einkommen haben, wird immer größer. Armutsforscher befürchten, dass mit Hartz IV demnächst noch einmal bis zu 1,5 Millionen Kinder in die Sozialhilfe abrutschen könnten. Armut jedoch geht einher mit fehlender Bildung - und das betrifft nicht nur die so genannten bildungsfernen Schichten. Auch viele Eltern, die Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen, können Weihnachten 2004 nicht mehr mithalten.

Ich gehe jeden Tag arbeiten, und lass da meine Kraft, und kann einen Wunsch für meine Kinder nicht erfüllen. (…)Und es wäre ja auch etwas Sinnvolles, wenn die Kinder es bekämen. Für ihre Zukunft, weil es ja schon so ist, dass alles über EDV läuft, oder in jedem Beruf EDV-Kenntnisse gefragt sind. Selbst bei uns in der Krankenpflege ist das so.
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