BildungsZeit
BildungsZeit
Montag bis Freitag • 10:25
27.12.2004
Die Revoluzzersprößlinge
Zur Auseinandersetzung der Kinder mit ihren 68er-Eltern
Von Peter Kaiser

Auf dem Spielplatz (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Auf dem Spielplatz (Bild: dradio.de/Andreas Diel)
Prof. von Werder: Ja, wir waren in einem Alter, die Studentenbewegung war im Gange, die Kinder kamen, natürlicherweise. (…) Und es ergab sich die Frage, unter den Bedingungen der Frauenemanzipation, wo bleiben die Kinder?

Die Antwort für die 68er war: wir gründen antiautoritäre Kinderläden! Keine Regeln, keine Verbote, freie Sexualität!

Also Geschichten, die ich so kenne, dass im Kinderladen schon die Kinder übereinander herfielen, oder von den Erziehern zur Onanie veranlasst wurden (…)

Von Werder: Es gab sicherlich das völlige Außenvorlassen jeder Tischsitte. und (…) das andere, dass die Kinder sich auch, ohne eingegriffen zu werden und kontrolliert zu werden, gegenseitig verletzt haben. Und das die Kinder eigentlich zu einer totalen Asozialität getrieben würden. (…)

In erbitterten Debatten setzen sich gegenwärtig die Kinder der einstigen 68er Generation, der so genannten "Revoluzzergeneration", mit ihren Eltern auseinander. Denn an den heute 30-35-Jährigen wurden damals die Ideale der antiautoritären Erziehung erprobt.
Lutz von Werder, heute Professor für Soziologie in Berlin, gründete in den 68er Jahren einen jener antiautoritären Kinderläden in Berlin.

Von Werder: Ja, es gab die Regeln sozusagen, dass es keine Regeln gab. So wurde das dann kolportiert, aber es gab natürlich die Regel, erstens eine intensive Selbstanalyse, Selbsterfahrung, (…) eine genaue Beobachtung der Entwicklung der Kinder, wie weit sie ihrem Alter gemäß die Bedürfnisse der oralen, der Reinlichkeitserziehung, der analen, eben auch die besondere Beziehung zu den Erwachsenen als Faktoren, die sozusagen Autorität transportieren und verinnerlichen. Das alles sollte, so die Idee, genaustens kontrolliert und in den möglicherweise schädigenden Wirkungen abgebaut werden.

Rainer aus Charlottenburg, der selbst heute Vater eines Fünfjährigen ist, war als Kind in einem antiautoritären Kinderladen. Seine Erinnerungen sind zwiespältig.

Zum einen war sie furchtbar, weil man oft alleine dastand mit Dingen, die man nicht bewältigen konnte, und keine Hilfestellung bekam. Und jeder dritte Satz, der fiel, war eben: mach doch! Man musste eigentlich sehr viel selber für sich lösen, (…) und es war eben auch oft sehr chaotisch. Es gab keine festen Essenszeiten. Wenn sich geprügelt wurde, wenn dann da mal eingegriffen wurde, das dauerte ewig, wenn überhaupt. Man war immer unter Druck auch. Und ja, es hatte etwas Darwinistisches, ja, der Stärkere setzt sich durch. Man musste sich durchboxen (…) Ich habe es als nicht so angenehm empfunden, weil ich schon gerne jemanden gehabt hätte, der gesagt hätte, hmm, nee, jetzt darfst du, jetzt machst du das, du wartest.

Die aktuelle Weltpolitik war damals Thema im Kinderzimmer: chilenische Kinderbücher wurden vorgelesen, die Internationale gesungen und Gedichte von revolutionären Autoren nachgeplappert.

Die Situation in meiner Kindheit war schon geprägt von Weltanschauungskriegen (…) und von Kommunismus, und die Welt verbessern, und den Kampf aufnehmen für die gute Sache. Gedankengut von meinen Eltern wurde schon im frühesten Kindheitsalter aufgetischt. Ob es nun Gedichte waren von Pablo Neruda, oder was weiß ich. Die Internationale musste ich nicht singen, aber es hätte noch gefehlt (…) Wir haben natürlich den Befreiungskampf der Vietnamesen nachgespielt.

Während die Kinder der 68er ihre Eltern mit scharfen Vorwürfen konfrontieren, werfen die einstigen Revoluzzer ihnen vor, in die Gegenrichtung abzudriften und konservativ-bürgerlich zu sein. Auch Rainer grenzt sich deutlich in der Erziehung seines Sohnes von den damals verordneten Maximen ab. Doch das ist nicht leicht.

Man kann da nicht über seinen Schatten springen. Im Grunde genommen schlägt so was immer wieder durch. Ich versuche schon meinem Kind auch Vorschriften zu machen, bin wesentlich strenger als mein Vater, glaube ich. Was so Tischmanieren angeht, oder irgendwelche Regeln, die gibt es einfach viel mehr. (…) Bei manchen schlägt ja das Pendel zu anderen Seite aus, bei mir ist es eher so eine Mischung geworden (…)

Nach weit 30 Jahren denkt der heute 65-jährige Lutz von Werder über das Experiment der antiautoritären Erziehung:

Insgesamt war das Vorhaben, ja, kann man sagen, drei Nummern zu groß. Die Orientierung dieser Kinderladeneltern war ja eher auf die Befreiungskämpfe in der dritten Welt, auf eine mehr oder weniger sehr romantische Vorstellung der Entwicklung einer neuen Weltgesellschaft gerichtet. Das war natürlich Utopie, und das hat natürlich Rahmenbedingungen gegeben, die den Kindern letztendlich, muss man mal so sagen, zum Nachteil gereicht sind.

Auch wenn die 68er-Kinder und ihre Eltern heute nicht frei von gegenseitigen Vorwürfen diskutieren, so sind sie doch wenigstens im Gespräch. Die konstruktive Auseinandersetzung über die Wertvorstellungen von damals wirft die tiefer greifende Frage auf, warum Eltern oft dazu neigen, ihre eigenen Ideale dogmatisch ihren Kindern überzustülpen.
-> BildungsZeit
-> weitere Beiträge