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28.12.2004
Büro für leichte Sprache
Übersetzungshilfe für Institutionen-Kauderwelsch
Von Folkert Lenz

Ein Brief von der Behörde ist oft schwer zu verstehen (Bild: AP)
Ein Brief von der Behörde ist oft schwer zu verstehen (Bild: AP)
Wer kennt es nicht? Da flattert ein Brief von der Behörde, vom Stromlieferanten oder der Versicherung ins Haus. Und nach dem Lesen fragt man sich: Was wollen die eigentlich von mir? Behinderte oder Menschen mit Lese- oder Lernschwächen haben es da noch ungleich schwieriger. Hier will das Bremer "Büro für leichte Sprache" helfen. Es leistet Übersetzungshilfe, wenn das Kauderwelsch von Institutionen unverständlich bleibt. Eine Dienstleistung, die eigentlich nicht nur für Behinderte interessant ist.

Die Lebenshilfe erbringt gegenüber Frau Mustermann individuelle Leistungen, die sich nach Art und Umfang des individuellen Bedarfs richten. Grundlage der Leistungsverpflichtung des Leistungserbringers ist der individuelle Hilfeplan, der vom Amt für Soziale Dienste und von der Lebenshilfe mit Frau Mustermann gemeinsam erstellt wird. Die Lebenshilfe stellt dessen Umsetzung, Überprüfung und Weiterentwicklung sicher.

Alles klar? Alles verstanden? Zumindest manchen Bewohnern in den Einrichtungen der Bremer Lebenshilfe war nicht ganz klar, was für einen Vertrag sie da gerade unterschreiben sollten und was er bedeutet. Seit Jahrzehnten benutzte die Behindertenorganisation derartige Kontrakte, die gespickt waren mit schwierigen und langen Schachtelsätzen. Auch beim zweiten Hinsehen konnte aus vielen Passagen selbst der durchschnittlich begabte Mensch nicht heraus lesen, was nun Sinn und Zweck des Abschnittes sein sollten.
Nach seiner Eröffnung hat sich darum das "Büro für leichte Sprache" erst einmal daran gemacht, im eigenen Haus Textmonster und Sprachungetüme zu verjagen. Projektleiterin Claudia Wessels.

Behördendeutsch ist das Schlagwort: Lange, komplizierte Sätze, viele Begriffe, die eigentlich nur innerhalb von Behörden verwendet werden, das sind so die Hauptpunkte, die natürlich ein Verstehen erschweren.

Die zweideutige Ablehnung vom Wohnungsamt, die komplizierte Bedienungsanleitung für die neue Waschmaschine oder die nicht zu entziffernden Warnhinweise bei der Arznei: Behinderte aus Bremen, die Probleme mit Zetteln, Infos oder Formularen haben, können sich jetzt an das Büro für leichte Sprache wenden. Es will auch individuelle Beratung zum Verstehen von amtlicher Post, von Arztberichten, Gutachten oder Verträgen bieten. Das soll die Gleichstellung von Behinderten und Nicht-Behinderten fördern, sagt die Pädagogin Wessels:

Nur wer seine Rechte kennt, kann auch seine Rechte einfordern. Und nur wenn Menschen mit Beeinträchtigungen die Möglichkeit haben, selber zu sehen: Das sind wichtige Informationen für uns, darüber möchte ich mich informieren, hat dieser Mensch letztendlich die Möglichkeit loszugehen und zu sagen: Ich nehme jetzt meine Rechte in Anspruch. Also der Fokus liegt wirklich auf der Selbstbestimmung.

Vor allem die offizielle und häufig komplizierte Sprache von Institutionen will das Büro entrümpeln, damit Schwer Hörende, Blinde und Menschen mit geistigen Defiziten oder Lernhindernissen sie besser verstehen können. Wie leichte Sprache aussehen muss, ist bekannt. Es gibt klare Leitlinien.

Kurze Sätze, in denen jeweils nur ein Inhalt vermittelt wird, also eine neue Information enthalten ist. Dann einfache Satzgefüge, das heißt wenig lange Sätze, wenig Kommasätze. Dazu gehört auch, bekannte Begriffe zu verwenden, also auf Vorwissen des Lesers zurückzugreifen. Komplizierte Begriffe oder Fremdwörter, die sich nicht umgehen lassen zusätzlich zu erläutern. Dinge durch praxisnahe Beispiele, Alltagsbeispiele zu erklären.

So konnte der eingangs zitierte Wohnvertrag auch in eine Form gebracht werden, in der er für die Betroffenen zu verstehen ist. Unkompliziert ausgedrückt - und dennoch formal richtig - hört sich das dann so an:

Sie bekommen so viel Hilfe, wie sie brauchen. Wie viel Hilfe Sie bekommen, steht in Ihrem Hilfeplan. In einem Hilfeplan steht, wobei Sie Hilfe brauchen und was Sie alleine können. Sie treffen sich mit jemandem vom Amt für Soziale Dienste. Sie treffen sich mit jemandem von der Lebenshilfe. Mit diesen Leuten sprechen Sie über die Hilfe, die Sie brauchen. Den Hilfeplan schreibt dann das Amt für Soziale Dienste.

Warum umständlich, wenn es auch so einfach geht, möchte man da fragen. Die Übersetzerin Wessels warnt allerdings davor, leichte Sprache mit Kindersprache oder banaler Sprache zu verwechseln.

Man muss immer den Fokus auf der Nutzergruppe haben. Das Konzept bringt mit sich, dass man im Entstehensprozess auch die Nutzergruppen mit einbezieht, also die Nutzer Korrektur lesen und Test lesen, um Rückmeldung zu geben: Ich verstehe es oder ich verstehe es nicht. Oder auch zu sagen, ich fühle mich durch diese vereinfachte Sprache nicht Ernst genommen.

Kleine Bilder und Symbole am Rande der Texte in leichter Sprache sollen das Verstehen unterstützen. Auch die Broschüre über die Veränderungen durch die Gesundheitsreform hat große Buchstaben, viel Platz auf den Seiten, zeigt Vordrucke und erklärt mit einfachen Worten, was der Arztbesuch künftig kostet.

Wenn Sie zum Arzt gehen, müssen Sie alle drei Monate zehn Euro bezahlen. Die zehn Euro müssen Sie auch bezahlen, wenn Sie sich nur ein Rezept für ein Medikament abholen. Oder wenn Sie dem Arzt am Telefon eine Frage stellen. Sie bekommen für die zehn Euro eine Quittung. Eine Quittung ist ein Zettel, auf dem steht, wie viel Geld Sie bezahlt haben.
Wenn Sie nur zur Kontrolluntersuchung zum Zahnarzt gehen, müssen Sie nichts bezahlen. Erst, wenn der Zahnarzt etwas an ihren Zähnen macht, müssen Sie zehn Euro bezahlen.


Einen so genauen Wegweiser durch den Dschungel von Praxisgebühr und Arztbesuch hätten sich wohl seinerzeit viele von ihrer Krankenkasse gewünscht. So will das Büro für leichte Sprache auch erreichen, dass sich Ämter, Behörden, Hersteller oder Anwälte schon vor dem Zustandekommen eines Textes Gedanken darüber machen, ob den überhaupt alle kapieren können. Denn Menschen mit Verständnisproblemen gebe es schließlich nicht nur unter Behinderten, meint Wessels:

Das können zum Beispiel ausländische Mitbürger sein, die im sprachlichen Bereich noch nicht die Möglichkeit hatten, sich so weit fortzubilden. Das können auch Menschen mit isolierter Lese- und Rechtschreibschwäche sein. Im Prinzip alle Menschen, die letztendlich Probleme haben mit dem komplizierten schriftsprachlichen Umgehen in unserer Gesellschaft.
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