BildungsZeit
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29.12.2004
Deutsch-polnische Hotelausbildung
Von Claudia van Laak

Köche (Bild: AP)
Köche (Bild: AP)
Seit der EU-Erweiterung im Mai hat sich einiges getan in Sachen deutsch-polnischer Zusammenarbeit, besonders im Grenzgebiet. Einzigartig ist ein Projekt zur gemeinsamen Lehrlingsausbildung in der Hotelfachschule in Bad Freienwalde. 15 polnische und 15 deutsche Jugendliche lernen die jeweils andere Landessprache und beenden ihre Ausbildung mit zwei Abschlüssen.

Es zischt und dampft. Und es riecht nach angebratenen Zwiebeln. In der Versuchsküche der Hotelfachschule Bad Freienwalde stehen zehn Mädchen und Jungen vor den Kochtöpfen und rühren kräftig, damit ja nichts anbrennt. Sie tragen weiße Kittel und weiße Mützen.

Wir kochen heute Tomatensuppe. Supdo Pomordor, nicht, ne, supa pomodoriva, sag ick doch. Zunächst wir müssen schneiden Fleisch und Tomaten, und bischen Mehl, später müssen wir kochen Fleisch mit Zwiebeln.

Kathleen aus Deutschland probiert die Mischung aus angebratenen Zwiebeln, Speck und Tomaten, ihre Kollegin Kascha aus Polen gießt die Brühe an und rührt mit dem Schneebesen.

Am Herd nebenan werkelt Dennis gemeinsam mit Mina. Er gießt die fertige Tomatensuppe durch ein Sieb. Passieren, fragt er, was heißt Passieren auf Polnisch.

Po polsku. Supa Pomodoriva. Nein, passieren, passieren,... nicht gerade einfach.

Die Auszubildenden lernen an diesem Vormittag gleich doppelt. Wie bereitet man Tomatensuppe zu und wie erklärt man das alles auf Polnisch bzw. Deutsch. Die Verständigung klappt noch nicht so richtig gut, gibt die 17-jährige Kathleen Pepper zu.

Wir können noch nicht viel Polnisch, die Polen können besser Deutsch, wir unterhalten uns auf Englisch, Deutsch, Polnisch, mit Händen und Füßen.

Noch zweieinhalb Jahre gemeinsame Ausbildung, dann macht Kathleen ihren deutschen Abschluss als Hotelfachfrau und den polnischen Abschluss als Hoteltechnikerin. Ihr Wunsch ist es, danach im Nachbarland zu arbeiten.

Ich könnt mir schon vorstellen, an der Ostseeküste zu arbeiten, in Kolberg, da sind mindestens 80 Prozent deutsche Touristen, aber nicht nur deshalb, es macht bestimmt Spaß, dort zu arbeiten.

Erste Erfahrungen hat Kathleen bereits - die polnische Partnerschule und die Praktikumshotels befinden sich in Kolobrzeg, dem früheren Kolberg. Kathleens Kollegin Carolina möchte dagegen später in Deutschland arbeiten.

In Deutschland sind gute Arbeit, in Polen nicht soviel, hier ist gut.

Während die eine Gruppe weiter in der Versuchsküche arbeitet, findet im Raum nebenan eine Einführung in Buchhaltung und Rechnungswesen statt.

Eine Dolmetscherin übersetzt den Vortrag simultan auf Polnisch, noch sind die Sprachkenntnisse nicht so gut, dass sie für eine Fachstunde ausreichen. Beim gemeinsamen Sportunterricht ist die Übersetzung nicht mehr nötig.

Die polnischen und deutschen Auszubildenden lernen und arbeiten in kleinen Gruppen, so kann die Sprachbarriere leichter überwunden werden. "Meine Lehrlinge können jetzt schon besser Polnisch als ich", sagt Ausbilderin Angela Eisenberger selbstkritisch. Die Restaurantmeisterin hat das einzigartige Ausbildungsprojekt zusammen mit der Industrie- und Handelskammer, der Arbeitsagentur und der polnischen Hotelfachschule in Kolobrzeg entwickelt. Das Besondere ist der doppelte Abschluss, erläutert sie.

Das heißt also, den anerkannten Berufsabschluss als Hotelfachfrau oder Fachmann, in Polen heißt die Berufsbezeichnung Hoteltechniker und wird nach den dortigen gesetzlichen Bestimmungen abgelegt, auch in der Landessprache.

Ausbilderin Eisenberger ist überzeugt davon, dass die Berufschancen der 30 Mädchen und Jungen hervorragend sind. Nach ihrem Abschluss verfügen sie über Sprachkenntnisse in Deutsch, Polnisch, Englisch und Französisch. Außerdem haben die Jugendlichen bewiesen, dass sie flexibel sind.

Aufgrund dieser Ausbildung, durch die Auslandseinsätze und Praktikas, verfügen sie über Referenzen im Ausland. Ob das nun westliches oder östliches Ausland ist, es ist eben weg vom heimischen Herd.

Die 30 Jugendlichen lernen nicht ständig zusammen. Sie machen die normale Ausbildung in ihrem Heimatland und treffen sich alle zwei bis drei Monate abwechselnd in Deutschland und Polen. Das Zusammenleben und -arbeiten läuft nicht immer störungsfrei. Die deutschen Mädchen sind eher für Sport zu begeistern, die polnischen eher für Kosmetik, sagt Ausbilderin Eisenberger mit einem Augenzwinkern, sie brauchen morgens eine halbe Stunde länger im Bad. Im Gegenzug klagen die polnischen Lehrer über die ihrer Ansicht nach schlampigen deutschen Schüler. Beide Seiten können voneinander lernen.

Die polnischen Schüler lernen von den deutschen mehr Selbständigkeit, mehr Selbstbewusstsein. Was kann der deutsche von den polnischen lernen? Die Höflichkeit, die Rücksichtnahme, das freundlichere Miteinander Umgehen.

Das freundliche Miteinander kriegen Dennis und Mina schon ganz gut hin. Die Tomatensuppe ist passiert, noch ein bisschen Petersilie oben drauf, fertig. Jetzt kann serviert werden.

Ich wollte dieses Land einfach kennen lernen, diese Kultur. Die essen ganz anders als wir. Und wenn ich später mal ein Hotel haben sollte, dann kommt deutsch-polnische Küche dran.

Bei der zukünftigen deutsch-polnischen Küche hilft das Wörterbuch, das die Auszubildenden gemeinsam schreiben: Alle Fachausdrücke aus Hotel und Gastronomie auf Englisch, Deutsch und Polnisch.
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