BildungsZeit
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5.1.2005
Stark durch zwei Sprachen
Eine bilinguale Grundschule in Hamburg
Von Werner Nording

In der Grundschule Lämmersieth in Hamburg lernen die Kinder nicht nur Deutsch, sondern auch Türkisch. (Bild: AP)
In der Grundschule Lämmersieth in Hamburg lernen die Kinder nicht nur Deutsch, sondern auch Türkisch. (Bild: AP)
Schüler, die ihre Muttersprache gut lesen und sprechen, lernen auch leichter Deutsch. Diese Erkenntnis hat sich unter Sprachwissenschaftlern mittlerweile herumgesprochen. Doch anders als in Schweden, Kanada, Australien oder den USA hat das die deutsche Integrationspolitik bislang wenig beeinflusst. Noch immer setzen viele Schulen, Konsulate, Wohlfahrtverbände oder Stiftungen in gut gemeinten Förderklassen darauf, Migranten ausschließlich in der deutschen Sprache zu unterrichten. Dabei wird vergessen, dass sich eine fremde Sprache immer in der Auseinandersetzung mit der eigenen entwickelt. In Hamburg haben die Behörden aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen und deutsch- türkische Grundschulen eingerichtet. Sie sind Teil eines Modellversuchs "Bilinguale Grundschulen", bei dem die Hansestadt mit dem türkischen Erziehungsministerium kooperiert. Werner Nording berichtet.

In der Klasse 2 b der Grundschule Lämmersieth im Hamburger Stadtteil Dulsberg wird viel geklatscht, gehopst und gerufen. Die sieben und acht Jahre alten Jungen und Mädchen sitzen in einem Stuhlkreis. Ihre Lehrerin Silke Elger führt die Kinder spielerisch an die Sprache heran. Sie unterrichtet die Klasse zusammen mit einer türkischen Kollegin. In der 2b lernen die sechs deutschen Schüler türkisch, die 12 türkischen Schüler lernen deutsch. Mit gutem Erfolg, sagt ihre Lehrerin.

Wir sind im zweiten Schuljahr, ich merke, dass die Kinder ein gutes Sprachgefühl entwickeln und schneller offenbar, das kommt natürlich immer auf die Schichtenzugehörigkeit an, an die Sprache kommen und wahrscheinlich sogar an die dritte Englisch in dem Fall, jetzt im dritten Schuljahr.

Die Eltern von Delwisch sind Türken, Merves Eltern sind Deutsche. In den eineinhalb Jahren hat die Klasse schon viele Vokabeln gelernt Auch über das Zuckerfest, über den Ramadan oder über Weihnachten haben sie im Unterricht gesprochen. Die Kinder in der bilingualen Klasse kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Es gibt auch einige türkische Jungen und Mädchen, die am Anfang weder das Türkische noch das Deutsche richtig beherrschten. Wer die eigene Muttersprache gut spricht, lernt auch schneller eine fremde Sprache, hat die Lehrerin festgestellt.

Ist ja klar, wenn Sie ein deutsches Kind haben, das zu Hause Bilderbücher vorgelesen bekommt etc wird es mehr sich selber der Sprache zuwenden und sich damit beschäftigen, als wenn Sie ein Kind haben, das nur vor der Glotze sitzt. Wenn ich meine Muttersprache beherrsche und frühzeitig gefördert werde im Elternhaus und mich damit beschäftige, dann erlerne ich eine andere Sprache schneller.

Diese Erkenntnis macht sich der Unterricht in der bilingualen Klasse zunutze. Wenn die Lücken in der türkischen Sprache geschlossen sind, fällt es den Kindern leichter deutsch zu lernen. Aber auch die deutschen Kinder profitieren von dem Unterricht. Nicht nur, dass sie sich außerhalb der Schule beim Spielen besser mit ihren türkischen Nachbarn verständigen können. Sie gewinnen auch mehr sprachliche Kompetenz, sagt Ingrid Gogolin, die Leiterin der Arbeitsstelle Interkulturelle Bildung an der Universität Hamburg, die den Modellversuch begleitet.

Sie werden aufgeschlossen für sprachliches Lernen, sie lernen nicht unbedingt Türkisch perfekt. Das ist auch nicht unbedingt das Ziel der Angelegenheit, sondern sie lernen den Zughang zu einer anderen sprachlichen Welt und das Türkische ist eine besonders schöne Sprache dafür, weil sie dem Deutschen so fremd ist. Wir wollen herausfinden, ob es wirklich gelingen kann, dass Kinder einander wechselseitig zwei Sprachen beibringen, von denen beide Sprachen in irgendeiner Weise in der Lebenswelt eine Rolle spielen, ein Teil der Kinder kommt zweisprachig zur Schule, mit Deutsch und Türkisch oder Deutsch und anderen Sprachen, ein Teil der Kinder lebt einsprachig auf Deutsch und sie sollen voneinander profitieren.

In ihrem Zuwanderungsbericht hat die Kultusministerkonferenz bereits vor Jahren der isolierten Förderung in der Zweitsprache mangelnde Effektivität bescheinigt. Doch weil das nur Empfehlungen sind, müssen sich die Länder nicht daran halten. So wurden in Nordrhein-Westfalen ein Drittel der Stellen für den muttersprachlichen Unterricht von Migranten gestrichen. Bundesländer wie Hessen setzen in der Sprachförderung ausschließlich auf Deutsch. Mehrsprachigkeit wird nicht als Chance begriffen, kritisiert Gogolin.

Zum einen ignoriert die Schule, dass diese Sprache eine Voraussetzung ist, die auch für das Erlernen der deutschen Sprache wichtig ist, und zum anderen ignoriert die Schule, dass man eine Sprache nur entwickeln kann, elaboriert entwickeln kann, wenn man irgendwann auch Zugang zu der Schrift bekommt, in der Sprache, in der man lebt. Dass das in Deutschland nicht der Fall ist, wirkt sich nachteilig auf die gesamte sprachliche Entwicklung der Kinder aus, die in zwei Sprachen leben.

Schon rein volkswirtschaftlich sei es unverständlich, dass die Exportnation Deutschland die Potentiale seiner Zuwanderer nicht besser nutze, meint die Wissenschaftlerin. In der Sprachförderung von Migrantenkindern müsse in Deutschland umgedacht werden.

Ich halte das für einen Fehler insbesondere im Hinblick auf die Chancen, die wir uns als Gesellschaft nehmen, nicht nur im Hinblick auf das Individuum, weil wir ein großes Potential von Menschen, die eigentlich zwei Sprachen können, nicht so weit kommen lassen, dass sie diese beiden Sprachen so gut könne, dass sie sie beruflich verwerten können. Unseres Erachtens müsste umgedacht werden und zwar dahingehend, dass man versucht, sprachliche Fähigkeiten zu fördern, das heißt nicht, dass man versucht Deutsch zu fördern und alles andere nicht, vielleicht lernt man zu diesem Zeitpunkt noch eine Fremdsprache wie Englisch, sondern dass man sich sprachliche Fähigkeiten als ein Gesamtkonzept vorstellt.

In der Grundschule Lämmersieth in Hamburg Dulsberg hoffen die Verantwortlichen, dass das Pilotprojekt über die vierte Klasse hinaus weitergeführt wird. In ähnlichen Projekten, wie z.B. in den bilingualen Europaschulen Berlins, gibt es inzwischen zwar schon die ersten Abiturienten. Wie gut die Schüler nach 13 Jahren die beiden Sprachen schriftlich und mündlich beherrschen, ist aber nirgendwo erfasst. Für eine wissenschaftliche Begleitung fehlt bis heute das Geld.

Und so können die Hamburger Pioniere von den Erkenntnissen anderer auch nicht profitieren.
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