BildungsZeit
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10.1.2005
"... einfach klassisch"
Mundgerechte Klassiker für Schüler
Von Gabi Onnebrink

Die deutchen Klassiker sollen Schülern wieder schmackhaft gemacht werden. (Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar) (Bild: AP)
Die deutchen Klassiker sollen Schülern wieder schmackhaft gemacht werden. (Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar) (Bild: AP)
"Wilhelm Tell" oder die "Räuber" von Friedrich Schiller stehen auf dem Lektüre-Lehrplan deutscher Schulen und werden im Schiller-Jahr besonders gern eingesetzt - nicht immer zur Freude der Schüler. Denn viele verstehen gar nicht, wovon in den Klassikern die Rede ist und mühen sich erst gar nicht mit den Heften ab, sondern lassen sie verschwinden. Nun gibt es Initiativen von Buchverlagen, die Klassiker für Jugendliche mundgerecht zu machen. "...einfach klassisch" heißt zum Beispiel eine neue Schulbuchreihe des Cornelsen-Verlages. Werke von Goethe und Schiller, Keller und Storm sind umgeschrieben worden: in einfacheres Deutsch, das auch Schüler von heute verstehen können. Eine gute Sache oder ein Angriff auf deutsches Kulturgut?

Cecilia und Kevin besuchen die 8. Klasse der Berthold-Brecht-Gesamtschule in Berlin. Vor Weihnachten haben sie Gottfried Kellers "Kleider machen Leute" durchgenommen. Den Inhalt hat der 14-jährige Kevin so verstanden:

Also halt dass das ein armer Schneider ist, der halt kein Geld hat und halt von Leuten halt aufgenommen wird in so 'nem Wirtshaus und halt dann da versorgt wird. Und später heiratet er dann da halt noch 'ne Frau.

Gelesen hat Kevin die Version des Cornelsen-Verlages. Veraltete Wörter sind in modernes Deutsch übersetzt, früher übliche Satzkonstruktionen durch heute gebräuchliche ersetzt. Da wird aus "Arbeit verrichten" "Arbeit machen", aus dem Sonntagskleide des Schneiders der Sonntagsanzug und die Hände steckt er nicht mehr "der Kälte wegen" in die Tasche, sondern "wegen der Kälte". Manche Textpassagen fehlen ganz, wenn sie nicht zum Verstehen des Gesamtinhalts zwingend notwendig sind. In Fußnoten werden Begriffe erläutert: hier erfahren die Schüler zum Beispiel, dass ein Schlafrock ein Morgenmantel ist, der nach dem Aufstehen angezogen wird. Alle Texte entsprechen außerdem der Rechtschreibreform und sind mit Zeichnungen oder Fotos aufgelockert. Auch Cecilia hat die Novelle in der überarbeiteten Form gelesen. Früher hat sie solche Klassiker eher in der Schultasche gelassen:

Wenn man das dann nicht versteht in dem Buch, was man dann da liest, dann isses auch irgendwann langweilig und dann hat man keine Lust mehr. Es dauert zu lange um das Wort dann zu finden und dann weiß man gar nicht mehr wo man ist.

Cecilia ist kein Einzelfall. Seit 25 Jahren ist Thomas Wabnitz Deutschlehrer. Für ihn ist klar, worauf es nach PISA ankommt:

Eine wichtige Anforderung ist, dass sie Texte selbständig lesen müssen und diese Texte auch verstehen müssen. Und dabei ist es einfach notwendig, dass wir das in größerem und verstärktem Maße üben. Und dafür ist es notwendig, dass sie auch mal selbständig, das heißt auch zuhause Texte lesen. Und es ist leider so, dass wir bei den Originalschriften die Erfahrung gemacht haben, dass das für die Schüler praktisch nicht mehr möglich war.

Genau das aber wird mit "...einfach klassisch" wieder möglich, hat Dr. Marion Schmidt festgestellt, die Deutschlehrerin von Cecilia und Kevin. Sie setzt die Bücher auf Haupt- und Realschulniveau ein, um den Schülern überhaupt einen Zugang zur klassischen Lektüre zu ermöglichen. Erstaunt und erschrocken ist sie immer wieder über den geringen Wortschatz ihrer Schüler. Ein Beispiel: in Kellers Original ist von einem "ausgeschlagenen" Mantel die Rede. In der Cornelsen-Version wird aus dem "ausgeschlagenen" ein "gefütterter" Mantel. - Marion Schmidts Schüler kannten vor der Lektüre auch das Wort "gefüttert" nicht. Und das galt nicht nur für die Schüler ausländischer Herkunft, für die Deutsch die weite Sprache ist, was automatisch einen geringeren Wortschatz mit sich bringt.

Trotzdem muss ich doch, wenn ich den Kindern neue Worte beibringe, doch diejenigen beibringen, die dem heutigen Sprachgebrauch entsprechen. Ich kann also nicht ihnen Worte beibringen, die sie überhaupt nicht anwenden können oder anwenden werden. Sondern wenn dann eine Erweiterung des Wortschatzes stattfindet, dann sollte es doch im modernen Sinne sein. Und das ist auch noch mal eine wichtige Funktion der Modernisierung solcher Texte.

Für die Hüter des deutschen Sprachschatzes aber ist jedes Antasten der Klassiker ein Graus. "Unterforderungs-Didaktik, Kulturfrevel, schlampiges Lektüre-Fastfood" das sind die Vorwürfe, die auf den Cornelsen-Verlag einprasseln. Fritz Tangermann ist Vorsitzender des Fachverbandes der Deutschlehrer im Germanistenverband. Er warnt mit Nachdruck vor einer neuen Kultur, die er "Häppchenlektüre" nennt:

Das ist auch ein Denkprozess, der hier in der Sprache sich niederschlägt: möglichst schnell auf einen Kern zu kommen ohne eine Struktur zu Ende zu denken. Etwas mehr Muße zu haben, sich auch sprachlich differenzierter, gepflegter, variantenreicher auszudrücken. Ich glaube fest daran: Wenn wir nicht in dem schulischen Bereich - und wir haben jetzt gesehen, dass es bei Kleinstkindern ja längst losgeht, das Lernen, das lustvolle Lernen auch von Sprechen und Sprache - wenn wir das nicht mehr fördern, dann verarmen wir tatsächlich, was die Differenzierung unserer Ausdruckfähigkeit betrifft. Zu zappen im Hirn ist letztlich keine Lösung, differenziert der Wirklichkeit zu begegnen.

Professor Heinz Rölleke von der Universität Wuppertal geht noch einen Schritt weiter: in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" nennt er Lehrer, die mit den umgeschriebenen Versionen arbeiten, "schlecht ausgebildet und faul". Ein Vorwurf, bei dem Dr. Marion Schmidt der Kragen platzt. .

Dann kennen unsere Germanisten auf ihrem aktuellen Bildungsstand einfach nicht mehr den Sprach- und Bildungsstand der jungen Leute, für die sie ja auch wirken sollen. Tatsache ist, dass der Wortschatz der jungen Menschen heutzutage so niedrig ist, dass ich sie mit einem Klassiker radikal überfordere. Ich bin heilfroh, wenn sie dann einen leichten Text haben und überhaupt lesen. Sie würden das Original einfach in die Ecke schmeißen. Es ist ein Zwischenschritt. Ich würde natürlich nicht sagen, dass es das ersetzt. Aber es ist eine Hinführung und die ist unheimlich wichtig.

Bei Kevin hat sie diese Hinführung schon geschafft, er kann sich vorstellen, nach Keller auch Goethe oder Schiller zu lesen, allerdings nicht im Original:

Ansonsten wär' das nicht noch mal was für mich, noch mal so'n altes Buch zu lesen, ein neueres würd' ich nehmen. Also wenn die neu geschrieben sind halt, wo ich das halt versteh', würd' ich's dann nehmen.

Hinweis: "... einfach klassich" heißt die Reihe des Cornelsen-Verlages, erschienen sind bislang Kellers "Kleider machen Leute", Schillers "Wilhelm Tell", Storms "Der Schimmelreiter", Goethes "Götz von Berlichingen" und Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche", die Bände kosten zwischen 2,20 und 3,20 Euro.
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