BildungsZeit
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11.1.2005
Fremde Federn finden
Eine Lerneinheit im Internet klärt über Plagiate auf
Von Tobias Wenzel

Abschreiben ohne Quellenangabe: In Zeiten des Internets sind Plagiate immer häufiger zu finden. (Bild: AP)
Abschreiben ohne Quellenangabe: In Zeiten des Internets sind Plagiate immer häufiger zu finden. (Bild: AP)
Shakespeare war faul. Zumindest haben Wissenschaftler nachweisen können, dass 31 seiner 32 Werke Gedankengut von anderen Autoren enthalten. Auch Berthold Brecht hat Plagiate begangen. Das alles erfahren wir aus einer neuen Internet-Lerneinheit. "Fremde Federn finden" heißt sie. Sie soll über Plagiate aufklären, besonders über solche, die Schüler mit Hilfe des Internets begehen. Immerhin sollen rund 30 Prozent aller Schüler schon einmal Texte aus dem Internet geklaut haben.

Oliver: Man kann Suchmaschinen benutzen oder auch gezielt Seiten anwenden. Und dann sich so aus dem Internet runterdrucken und dann das Wichtigste für sich rausmarkieren und das noch mal neu auf Computer schreiben. Das funktioniert ganz gut eigentlich.

Oliver weiß, wovon er spricht. Der Siebtklässler eines Berliner Gymnasiums hat schon öfter Referate auf dem schnellen Weg erledigt: durch so genannte Internet-Plagiate. Dabei kopiert er fremde Texte oder Textbausteine aus dem Internet, formuliert sie teilweise um und gibt das ganze später im Referat als sein geistiges Eigentum aus. Damit trickst er die Lehrer aus. Nicht jedoch Debora Weber-Wulff. Sie ist Professorin für Informatik an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft und außerdem Expertin für Plagiate im Internet:

Weber-Wulff: Ich habe festgestellt, als ich selber mal auf viele Plagiate aufmerksam geworden bin und festgestellt habe, wie einfach es war, tatsächlich die zu finden, dass viele Lehrer einfach gesagt haben: 'Menschenskind, wie hast du das denn gefunden? Das Internet ist doch so groß!‘ Und ich war ganz verwirrt, weil es ist doch sehr einfach. Man muss wirklich nur ein paar Wörter eingeben in eine Suchmaschine; man hat schließlich das Plagiat vor sich liegen.

Wie das genau funktioniert, kann man in der neuen Internet-Lerneinheit "Fremde Federn Finden" lesen. Debora Weber-Wulff hat diese aufwändigen, aber einladenden Aufklärungsseiten zum Thema Plagiat verfasst und mit einem speziell für pädagogische Zwecke entwickelten Navigationssystem versehen. Debora Weber-Wulff beantwortet jede Frage allgemeinverständlich und ergänzt die Antworten um weiterführende Links. Am Ende der Lerneinheit steht ein Test:

Weber-Wulff: Man möchte ja selber testen können. Und zu diesem Zweck haben wir zehn Aufsätze geschrieben. Von diesen Aufsätzen sind sieben Plagiate. Und drei sind originale Aufsätze, die wir extra für diese Übungsaufgabe hergestellt haben. Ja, und dann sind Sie dran: Ist es ein Plagiat oder nicht?

Dazu braucht man keine teure Plagiatsuchsoftware. Kostenlos, und laut Debora Weber-Wulff genauso effektiv, ist das Verfahren, das sie mit Hilfe einer Suchmaschine wie Google anwendet. Hierbei gibt man einfach drei bis fünf eher seltene Substantive aus dem verdächtigen Text zusammen in die Suchmaschine ein. Schüler und Studenten finden nämlich gerade bei einem Fremdwort wie "Authentizität" meist kein Synonym und lassen deshalb den Ausdruck unverändert. Das verrät sie. Manchmal haben Lehrer auch schon Erfolg, wenn sie einen ganzen Satz in Anführungszeichen in die Suchmaschine eintippen. Das weiß auch Andreas Kling. Der Lehrer für Französisch und Musik am Oberstufenzentrum Handel in Berlin-Kreuzberg hat im Internet einen Beitrag von Debora Weber-Wulff entdeckt:

Kling: Ich bin dann genau nach dem Artikel von Frau Weber-Wulff vorgegangen. Ich hab dann einfach Referate ausgeteilt über Komponisten und Epochen in Musik und hab dann nach zwei drei Wochen die Arbeiten zurück gekriegt und dachte, ich probiere das mal aus im Internet, und bin dann über diese Suchfunktion rein und hab dann den ersten Satz des einen Referats eingegeben. Und der hat mich dann auf eine einzige Seite geführt, wo nämlich genau dieser Satz drin steht. Und als ich den angeklickt habe, hatte ich im Prinzip das ganze Referat vor meinen Augen liegen im Internet.

Ein Schock für den Lehrer. Allerdings überprüft jetzt Andreas Kling nicht alle Referate. Das macht er nur bei Verdachtsfällen. Und die sind zum Beispiel gegeben, wenn Schüler eine unerwartet gute Arbeit abliefern:

Kling: Der Schüler, der das gemacht hat, der hatte eigentlich nicht sehr viel Ahnung drüber, hatte mir aber diese Seiten ausgedruckt, die sehr sehr wissenschaftlich waren, die sehr gut recherchiert waren, und wo Namen drin vorgekommen sind von Komponisten, die ich, ehrlich gesagt, zum Teil noch nicht mal gehört habe. Und das hat mich doch schon sehr verwundert, dass ein in Anführungszeichen schlechter Schüler doch so weit in die Recherche eingestiegen ist. Und das konnte einfach nach zwei, drei Wochen nicht sein.

Oft verrät auch der Stil die Schüler, weiß Debora Weber-Wulff. Der übermäßige Gebrauch des Konjunktivs zum Beispiel. Oder einfach Rechtschreibfehler, die aus dem Internet übernommen wurden. Seit die Berliner Informatikerin über die Suche nach Internet-Plagiaten informiert, bekommt sie zahlreiche Reaktionen, besonders von erleichterten Lehrern:

Weber-Wulff: Plötzlich haben sie eine Methode, die einfach ist, mit der sie sozusagen auf gleichem Niveau gestellt sind. Sie können zurückschlagen. Sie sind nicht mehr die dummen Lehrer. Das finden sie klasse. Ich krieg von Schülern und Studierenden unterschiedliche Reaktionen. Auch Beschimpfungen. Ich muss wohl für die CIA arbeiten. Aber ich kriege auch Zustimmung. Die sagen: Hej, ich hab‘ gearbeitet für meine zwei und ich war echt neidisch auf denjenigen, der eine eins gekriegt hat, aber keinen Finger krumm gemacht hat, weil er sich nur etwas gekauft hat aus einer Hausarbeitenbörse.

Fairness und den korrekten Umgang mit fremdem Gedankengut muss man eben lernen, meint Debora Weber-Wulff. Das Internet ist eine nützliche Informationsquelle, die einem manchmal den Gang zur Bibliothek erspart. Nur müssen Schüler lernen, diese Quelle zum Beispiel durch Anführungszeichen kenntlich zu machen. Insofern hat die Berliner Informatikerin die Lerneinheit "Fremde Federn finden" nicht gegen, sondern letztlich für Schüler geschrieben, die, wie Oliver, das Internet als unerschöpfliche Referatsquelle ansehen:

Oliver: Man muss die Texte verändern, so dass es halt nicht auffällt, und noch mal neu abschreiben. Ein bisschen verzweigen die Wege, dann finden das die Lehrer nicht so schnell raus.
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