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14.1.2005
Start
Schülerstipendien für begabte Zuwanderer
Von Georg Gruber

Im deutschen Bildungssystem haben es Kinder von Einwanderern besonders schwer (Bild: AP)
Im deutschen Bildungssystem haben es Kinder von Einwanderern besonders schwer (Bild: AP)
Chancengleichheit: mangelhaft. Das deutsche Schulsystem ist sozial unausgewogen, ein Akademikerkind hat dreimal höhere Chancen, das Abitur zu machen als ein Kind aus einer Arbeiterfamilie. Kinder von Einwanderern haben es besonders schwer, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss ist hoch. Doch es gibt auch Schüler aus Zuwandererfamilien, die mit guten Noten auf sich aufmerksam machen. Start - Ein Programm der Hertie-Stiftung, will diese Jugendlichen besonders fördern, mit Stipendien. Gestern wurden in Berlin zehn Jugendliche in das Programm neu aufgenommen, das bereits in verschiedenen anderen deutschen Städten erfolgreich läuft.

Artem: Ich komme aus Russland, aus einer kleinen Stadt nahe der Grenze zu Estland.

Artem, 17 Jahre.

Artem: Ich lebe bei meiner Schwester, meine Eltern sind ums Leben gekommen, als ich 14 war.

Vor drei Jahren zog er nach Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit lernte er deutsch, wurde schon mit seinem ersten Zeugnis bester Schüler des 9. Jahrgangs seiner Gesamtschule. Notendurchschnitt: 1,3.
Artem ist einer der zehn Berliner Stipendiaten des Start-Programmes der Hertie-Stiftung.

Artem: Ich erhoffe, dass ich gefordert werde, ich möchte neue Leute kennen lernen, neue Erfahrungen machen und mich weiterbilden vor allem, also mein Ziel ist so gut wie möglich zu werden.

Start startete vor drei Jahren in Hessen und breitet sich seitdem langsam bundesweit aus, immer in Kooperation mit anderen Stiftungen. Das Ziel: Eliteförderung unter Migranten, ein vernachlässigtes Feld.
In Deutschland erreichen wesentlich weniger Migranten-Kinder die Hochschulreife als in anderen Einwanderungsländer, wie zum Beispiel Kanada. Ein Defizit, mit negativen Folgen für die Jugendlichen, die schwerer Arbeit finden, aber auch für die Gesellschaft - eine Missachtung von Ressourcen, von Humankapital. Roland Kaehlbrandt, der Geschäftsführer der Hertiestiftung.

Kaehlbrandt: Start wurde entwickelt, um der erfolgreichen Integration ein Gesicht zu geben, um zu zeigen, dass wir Zuwanderung nicht immer unter dem negativen Problem orientierten Blick sehen, sondern dass wir Zuwanderung auch als Chance begreifen können, um deutlich zu machen, dass viele Zuwanderer erhebliches leisten, trotz schwieriger sozialer Bedingungen und auch sprachlicher Bedingungen hervorragende Leistungen erbringen und dass sie sich in unserem Land auch engagieren und für diese Gesellschaft stehen.

Auf die zehn Berliner Plätze haben sich 70 Jugendliche beworben. Die Aufnahmekriterien:

Kaehlbrandt: Gute bis sehr gute schulische Leistungen, auf jeden Fall gesellschaftliches Engagement, als Schulsprecher, Klassensprecher, Schülerredakteur und schließlich auch materielle Bedürftigkeit, also nicht die Tochter des Botschafters.

Die auserwählten Jugendlichen bekommen einen neuen Computer mit Internetanschluss, dazu monatlich 100 Euro, "Bildungsgeld", für Bücher, Software oder auch Theaterbesuche.

Artem: Das Finanzielle ist für mich auch sehr wichtig, in diese schwierigen Zeiten sind 100 Euro auch ein großes Geld.

Insgesamt sind inzwischen 121 Jugendliche aus 31 Ländern in dem Programm der Stiftung, ein Viertel stammt aus türkischen Familien, 20 aus Pakistan und Afghanistan, andere aus der Ukraine, Polen, Vietnam oder dem Kosovo. 40 Prozent männlich, 60 Prozent weibliche Stipendiaten.

Ga-Lem: Ich habe mich hier beworben, weil ich weiß, dass ich hier unterstützt werde, in der Verwirklichung meiner Ziele, weil das ist sehr wichtig für mich, weil ich will auf jeden fall ein gutes Abi machen und damit am liebsten in Harvard anmelden, das ist eine Universität in Amerika, und will dann Labormedizin studieren, mein Ziel seit Kindheit und ich weiß, hier werde ich geholfen.

Ga-Lem, ihre Eltern stammen aus Hongkong. 11. Klasse Gymnasium, Notendurchschnitt: 1,6
Das Stipendien-Programm umfasst Bildungsseminare, von Rhetorik über "Grundgesetz und Grundrechte" bis zu "Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts". Dazu Exkursionen und Kontakte in die Wirtschaft hinein, über Praktika. Die Stipendiaten müssen halbjährlich Berichte schreiben, werden gefördert und gefordert:

Kaehlbrand: Wir erwarten, dass sie weiter sehr gute Leistungen bringen, dass sie sich in dem Stipendienprogramm engagieren, wir erwarten, dass sie ihr gesellschaftliches Engagement halten und ausbauen, und es zeigt sich auch, dass 40 Prozent ihr gesellschaftliches Engagement steigern und 70 Prozent ihre Noten verbessern.

Doch was ändert Elitenförderung am Problem, dass Einwandererkinder insgesamt schlechtere Bildungschancen haben, dass viele gar nicht in die Nähe der Aufnahmekriterien kommen?

Kaehlbrand: Ein typische Frage, aber ich kann Ihnen sagen, alle Probleme wollen wir auch gar nicht mit dem Programm lösen, wir wollen einfach mal dazu beitragen, dass ein anderer Blick auf Zuwandererjugendliche geworfen wird, dass ihre Leistung gesehen und anerkannt wird, dass sie selber dies spüren und sie weiter tragen und das tun sie.

Filiz: Als ich von diesem Programm gehört habe und mein Lehrer meinte, das Stipendium wird für die Schüler erteilt, die begabte Migranten sind, dass da der Lehrer an mich gedacht hat, das war sehr wichtig für mich.

Filiz, 17 Jahre, aus Berlin-Kreuzberg, die Eltern stammen aus der Türkei. 12. Klasse Gymnasium. Notendurchschnitt: 1,3

Filiz: Und nachdem er gesagt hat, man kriegt einen Computer und 100 Euro im Monat, das war nur so ja es ist schön, man kann es sehr gut gebrauchen, aber was mich am meisten interessiert sind die Bildungsseminare und die Treffen mit den anderen Stipendiaten, das ist für mich viel wichtiger.

Start ist - neben einem Programm der Robert Bosch Stiftung in Baden-Würtemberg - bundesweit das einzige Projekt, das auf die Förderung von begabten Migranten zugeschnitten ist. Die Jugendlichen sollen Vorbild sein, sagt Kenan Önen, der Projektleiter von Start:

Önen: Und zwar als Vorbild, dass man es über die Bildung schaffen kann, dass man nicht unbedingt ein guter Sportler sein muss, um anerkannt zu werden, sondern Bildung, ist die Chance von unten nach oben zu kommen. Und solche Menschen brauchen wir und die muss man auch fördern, weil man geht immer davon aus, dass sie es auch alleine schaffen könnten, das ist gar nicht der Fall, sie sind zwar gut in der Schule, aber es fehlt ihnen was, es fehlt ihnen die Vernetzung zur Gesellschaft, wenn man es in höhere Sphären hinein bringen will, dann muss man früh damit anfangen.
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