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20.1.2005
Gesprächstraining für Medizinstudenten
Von Elke Drewes

Ein Arzt impft eine Patientin (Bild: AP)
Ein Arzt impft eine Patientin (Bild: AP)
In diesem Jahr wurde die Approbationsordnung für Ärzte geändert. Danach müssen Medizinstudenten nun auch ärztliche Basisfähigkeiten lernen. Dazu gehört nicht nur Spritzengeben, sondern auch die Gesprächsfähigkeit. In besonderen Kursen werden Medizinstudenten auf das Arzt-Patientengespräch vorbereitet. An der Charité Berlin und an der Universitätsklinik Heidelberg wurde das Gesprächstraining in Modellprojekten erprobt. An der Universitätsklinik Göttingen lernen Medizinstudenten seit diesem Semester das Arzt-Patientengespräch von der Pieke auf.

Helmut Michels, Medizinstudent im 4. Semester, schlüpft in den weißen Kittel.
Jan Ammons, ebenfalls Medizinstudent, 25 Jahre alt, spielt den Patienten. Der ließ nach einem Urlaubsabenteuer auf Ibiza einen Aids-Test machen. Ergebnis: positiv. Der Arzt soll ihm jetzt in diesem Rollenspiel die HIV-Diagnose mitteilen. Keine leichte Aufgabe.

Herr Farbig, das Untersuchungsergebnis ist da, für Sie sicher nicht angenehm: der Test ist leider positiv, haben Sie Fragen? (gong) - Was heißt das jetzt weiter? - Es sind gute Überlebensraten heute, aber Sie werden mit Einschränkungen leben müssen, sprich Tabletten schlucken.

Jan Ammons als Patient ist erst einmal sprachlos und schaut zu Boden.
Der Medizinstudent in der Rolle des Arztes will ihm Mut machen.

Wie gesagt, Kopf hoch, ist alles nicht so schlimm, wie man denkt.

Eine kleine Gruppe von Studenten hat das Gespräch beobachtet. Der letzte Satz des Arztes kam beim Patienten nicht gut an.

Habe nicht so wirklich geglaubt, was du da gesagt hast, von wegen nicht so schlimm. So runter gespielt. Man geht aus Praxis raus und ist allein.

Die 28-jährige Lukrezia Martini und die 23-jährige Natalie Midrano litten mit unter der angespannten Atmosphäre des Übungsgesprächs.

Ist doch schwierig, die richtigen Fragen zu finden in so einer Situation.
Ist keine schöne Sache, allein in so einer gespielten Rolle ist es bedrückend, zu sehen, wie wenig man anbieten kann. Trotz allem muss man tun, was nötig ist.


Professor Christoph Herrmann-Lingen leitet das Gesprächstraining für Medizinstudenten an der Universität Göttingen. Denn in seinem Medizinstudium hatte er ein solches Training schmerzlich vermisst.

Ich habe tatsächlich in meiner Studienzeit keine gezielte Ausbildung in Gesprächsführung erhalten. Abgesehen vom letzten freiwilligen Teil des praktischen Jahr, das habe ich in der Psychosomatik absolviert. Da ist gezeigt worden, dass Gesprächsführung mehr ist, eine Anamnese weiter geht als das Abfragen aktueller Symptome.

Der Internist und Psychotherapeut bot erst auf freiwilliger Basis Gesprächskurse für Medizinstudenten an. Die liefen in kleinem Kreis, bevor dann in diesem Semester nach der neuen Approbationsordnung das Arzt-Patientengespräch zum Pflichtkurs für alle Studenten wurde.
Auch er hat das Übungsgespräch beobachtet.

(Gut war, Sie haben dem Patienten Unterstützung angeboten, gleichzeitig, und hier liegt die Kritik, haben Sie ihm signalisiert, dass Sie froh sind, wenn der Patient wieder draußen ist. Das ist sicher nicht die beste Lösung.

Der Professor ermutigt die Studenten, sich mehr auf den Patienten und seine Gefühle einzulassen. Ein schwieriger Balanceakt: denn viele haben Angst, die Distanz zu verlieren.
Student Helmut Michels bekommt nun die Aufgabe, eine Minute lang mit seinem verstörten Patienten zu schweigen, die Stille nach der unangenehmen Diagnose auszuhalten. Das Ergebnis überzeugt auch den angehenden Arzt.

Es kommt mehr Ruhe rein. Dann kommt man rein, alles hektisch und dann macht man die Minute. Dann kommt man selbst zur Ruhe und der Patient vielleicht auch, das ist eine gute Erfahrung.

Die Studenten lernen: Wer sich Zeit nimmt, auf den Patienten, seine Ängste und Befürchtungen einzugehen, den lässt die belastende Situation eher wieder los.
Für viele ist das Gesprächstraining ein wesentlicher Baustein der Ausbildung und wichtig für die Selbstdefinition.

Sinnvoll, dass man nicht die werdenden Ärzte blutlinks auf die Patienten loslässt. Das ist nicht immer so einfach wie man es sich denkt. Bisher war ich nur Patient, die Patientenrolle kenne ich schon, war ich schon oft. Aber sich einfach mal in den Arzt rein zu versetzen, ich habe noch nicht das Bild von mir, ich bin selber Ärztin, aber das wird bei solchen Übungen hier aufgebaut.

Insgesamt 20 Stunden Gesprächspraxis bekommen die Studenten im ersten klinischen Semester nach dem Physikum. Rund 200 Studenten unterrichtet der Göttinger Internist und Psychotherapeut Professor Christoph Herrmann-Lingen pro Semester in Gesprächsfähigkeit.

Manche kommen mit einer natürlichen Begabung, aber andere kommen und haben wenig Vorstellungen, wie sie sich als Ärzte verhalten können und gehen mit einem deutlich besseren Gespür für die Patienten.

Nach den ersten Rollenspielübungen unter einander ist es dann soweit.
Die 22-jährige Anne Kessel zieht sich den weißen Kittel an und führt ihr erstes Gespräch mit einem echten Patienten in einem Klinikraum vor laufender Videokamera.

Schönen guten Tag, schön, dass Sie da sind. Was für Beschwerden haben Sie denn?
Ich hatte eine Herz-OP und danach Probleme mit der Psyche, die OP habe ich super überstanden, aber dann kam der Einbruch.


Die Studentin im weißen Kittel fragt den Patienten gezielt nach seiner Arbeit, Familie, nach weiteren Krankheiten und einschneidenden Erlebnissen. Patient Georg Hennecke ist von dem 20-minütigen Gespräch begeistert.

Ich fand das sehr gut. Für eine Studentin hat sie sehr gut gefragt. Die Art zu fragen, ihre Spontaneität, das hat mir gut gefallen.

Auch Anne Kessel ist mit ihrem ersten Patientengespräch zufrieden -
die Aufregung am Anfang hat sie mit Notizen auf dem Stichwortzettel und konzentriertem Nachfragen überbrückt.

Das erste Mal, dass man wirklich einen Patienten vor sich hat, ist schon was anderes. Das ist ungewohnt, man schlüpft in die Rolle, aber es geht, man funktioniert ganz gut.

20 Stunden Gesprächstraining - das ist seit diesem Semester der Einstieg in die klinische Phase des Medizinstudiums an der Universität Göttingen. In den Bereichen Krebsmedizin und Psychosomatik können die Studenten der höheren Semester ihre Gesprächspraxis vertiefen.
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