BildungsZeit
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21.1.2005
Schüler unterrichten Behinderte im Umgang mit Computern
Das "Future Online Social School Project" in Kulmbach
Von Michael Netzhammer

Computerspiele fördern die motorischen Fähigkeiten (Bild: AP)
Computerspiele fördern die motorischen Fähigkeiten (Bild: AP)
Wer eine Ausbildung im sozialen Bereich machen möchte, der tut gut daran, möglichst früh in Kontakt mit den Menschen zu kommen, für die man später einmal da sein möchte. Das muss nicht immer in der Rolle des Helfers sein, sondern kann auch auf Gegenseitigkeit basieren, wie das Future Online Projekt im bayerischen Kulmbach zeigt. Dort unterrichten Schülerinnen und Schüler der Fachhochschule für Soziales Behinderte im Umgang mit dem Computer. Die Behinderten wiederum zeigen den Schülern, wie sie mit dem Rollstuhl umgehen können und auf welche Besonderheiten sie Rücksicht nehmen müssen. Ein Geben und Nehmen also im Future Online Projekt.

Schüsse hallen durch den Raum, vermischen sich mit dem Wummern hoch drehender Automotoren und den genervten Kommentaren, wenn Schüler mal wieder ein Moorhuhn verfehlt oder mit ihrem rasenden Fahrzeug die Kurve übersehen haben. Die Geräusche der Computerspiele erinnern mehr an eine Spielhölle als an ein Klassenzimmer. Doch im Projektraum der Adalbert-Raps-Schule im fränkischen Kulmbach ist vieles ungewöhnlich. Die Lehrer zählen höchstens 21 Jahre und schulen behinderte Menschen im Umgang mit Computern. Den Sinn, erklärt Michael Bauer, stellvertretender Leiter der Werkstatt für Behinderte:

Das Ziel ist die Hinführung zu neuen Medien, was natürlich für behinderte Menschen eine besondere Schwierigkeit bringt, denn es ist oft so, dass behinderte Menschen hier keine Zugangsmöglichkeiten haben, sei es finanzieller sei es technischer Art. Das wird hiermit ermöglicht.

Der 18-jährige Sebastian lernt mit Timo Englisch, Sandra hilft Horst eine Brieffreundin zu finden und Jenny rast mit Stefan über die Autobahn.

Ich gebe Gas und sie versucht zu lenken. Die vorletzte Runde und dann haben wir es gleich geschafft und dann fahren wir noch eine Runde. Zack, gerammt, gerammt, oooooh, wenn es die echte Polizei sehen tät.

Spielerisches Lernen steht im Vordergrund, schließlich sind Computerspiele eine wichtige Stütze, weil man mit ihnen die Motorik der Menschen fördern kann, weiß Sebastian.

Durch andauerndes Spielen, ja wirklich, kann man sehen wie sie sich immer mehr verbessern und genauer werden.

Spielerisch lernen sollen allerdings nicht nur die behinderten Schützlinge, sondern auch die Junglehrer. Um beiden Seiten gerecht zu werden, setzt Projektleiter John van der Galien auf Teamwork und Vielfalt.

Das Projekt macht eigentlich die Vielfältigkeit aus. Die Vielfältigkeit einzelner Bereiche nicht nur innerhalb des Sozialbereiches, also die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen zum Beispiel, sondern Vielfältigkeit eben auch durch gestalten von Filmen, sich sozial zu engagieren, auch mal im Rollstuhl am eigenen Leibe zu erfahren eine Tür nicht aufzukriegen oder irgendwo nicht hineinzukommen wo man eigentlich hinein will.

Anfangs geht es erst einmal darum, die Ängste und Befürchtungen der Schüler gegenüber behinderten Menschen abzubauen. Deshalb hat der Informatiker mit holländischem Pass Schnupperwochen eingeführt, in denen die Schüler in den Behinderteneinrichtungen arbeiten. Meistens verkehren sich die Vorbehalte dann schnell in ihr Gegenteil, erklärt Jenny.

Die Vorurteile die man am Anfang meistens hat, haben sich nicht bestätigt und für mich ist es auch wichtig, dass ich die abgebaut habe, weil Behinderte sind so liebe Menschen und man kommt mit diesen so super zurecht. Das ist einfach klasse.

Die Menschen mit Behinderungen auf der anderen Seite lernen den Umgang mit Computern. Der Wert des Projektes liegt jedoch auf einer anderen Ebene, sagt Bastian der vor zehn Jahren bei einem Autounfall ein schweres Gehirntrauma erlitten hat.

Das wichtigste für mich ist eigentlich der Umgang mit den Menschen. Kontakt in der normalen Gesellschaft habe ich nur mit meinen Eltern und meinen Nachbarn. Gleichaltrige, die uns sehen, wechseln die Straßenseite, drehen sich um, gehen wo rein, oder warten bis du weg bist. Und das Schlimme ist, die machen das und glauben, das sieht man nicht.

So etwas passiert ihm im Future Online Social School Project nicht. Dort begrüßen die Schülerlehrer den 28-Jährigen, albern mit ihm herum und geben ihm das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ein preisgekröntes Projekt, das nur deshalb existiert, weil der Förderverein der Schule seit 1998 mehr als 500.000 Euro Spenden und Fördermittel erhalten hat. Es gibt großes Interesse, das Modell auch anderswo umzusetzen. Bisher scheitert die Ausweitung jedoch an der Finanzierung.
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