BildungsZeit
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25.1.2005
Individuelle Förderung und Montessori-Pädagogik
Von Claudia van Laak

Besondere Förderung kann nur in kleinen Klassen gelingen (Bild: AP)
Besondere Förderung kann nur in kleinen Klassen gelingen (Bild: AP)
Individuelle Förderung - das ist das Schlagwort schlechthin in der neuen Bildungsdiskussion. Gemeint ist damit, dass jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten lernen soll und dass der Lehrer seine Schüler dort fordert, wo sie besonders gut sind, und dort fördert, wo sie besondere Unterstützung brauchen. Hehre Ziele, an denen viele Lehrer im Alltag verzweifeln. Angesichts dessen bekommt die Montessori-Pädagogik in den letzten Jahren neuen Aufwind und hat zunehmend Erfolg.

Lesewoche an der Potsdamer Montessori-Schule. In der Mitte des Klassenzimmers liegt ein runder Teppich, rundherum gruppieren sich die Schülerinnen und Schüler zu einem Stuhlkreis. Maria hat die Aufgabe, ein Buch vorzustellen.

Ich stell das Buch vor ...

Erstaunlich souverän stellt die 11-jährige Maria ihr Lieblingsbuch vor. Sie erzählt etwas über den Autor, fasst die Geschichte zusammen, liest eine Textstelle vor. All das in freier Rede, ohne Manuskript.

Danach folgen Fragen zum Buch und eine Einschätzung des Vortrags. Lehrerin Corinna Spieckermann hält sich soweit wie möglich im Hintergrund. Maria leitet die Diskussion, nimmt ihre Mitschüler dran, bekommt Lob von ihnen. Die Geschichte hast Du gut erzählt, sagt ihre Nachbarin.

Du konntest sie gut ...

Dann setzen sich die 24 Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen zusammen. Sie haben jeweils ein Buch ausgewählt und bearbeiten nun schriftlich Fragen dazu.

Joscha, Moritz und Kilian sitzen in einer Gruppe zusammen. Sie sind zehn, elf und zwölf Jahre alt, wären also in einer herkömmlichen Schule in der vierten, fünften und sechsten Klasse. In der Montessori-Gesamtschule lernen sie gemeinsam.

Das ist manchmal angenehm ... aber manchmal nervig.

Sie haben immer in der Gruppe die Möglichkeit, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Und wer schneller ist, bekommt die neuen Aufgaben eben eher als derjenige, der ein bisschen mehr Zeit braucht.

Lehrerin Corinna Spieckermann muss sich prinzipiell an den Lehrplan für staatliche Schulen halten, hat aber größere Spielräume. Sie gestaltet den Tag mit ihrer Klasse weitgehend frei, kann so individuell auf die Schülerinnen und Schüler eingehen und ihnen die Zeit zum Lernen geben, die sie brauchen. Eine Pausenklingel gibt es in der Montessorischule nicht. Trotz der Gruppen- und Freiarbeit bleibt es erstaunlich ruhig im Klassenzimmer. Dem 10-jährigen Joscha gefällt es am besten,

wenn hier wirklich eine schöne Arbeitsatmosphäre ist, wenn es hier still ist, dann ist es sogar ruhiger als draußen auf den Fluren.

In der Potsdamer Montessorischule lernen nicht nur Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam. In einigen Klassen sitzen zudem Rollstuhlfahrer, Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche oder geistig Behinderte. Die Mischung ist unser Programm, sagt Schulleiterin Ulrike Kegler.

Wir glauben überhaupt nicht daran, dass man unter Gleichen am allerbesten lernen kann, die Lebenspraxis und Berufspraxis bestätigt das, man lernt am besten, wenn man viele Eindrücke hat und viele unterschiedliche Sichten auf die Welt in einer Gruppe zusammen sind.

Ulrike Kegler hat Schritt für Schritt die frühere Karl-Liebknecht-Oberschule in eine Montessori-Schule umgewandelt. Zunächst begann sie mit der Integration Behinderter, dann folgte das klassenübergreifende Lernen. Vor zwei Jahren gewann die Gesamtschule den landesweiten Wettbewerb "Innovative Schulen in Brandenburg." Das Konzept geht also auf. Schulleiterin Kegler fühlt sich durch die Ergebnisse der Pisa-Studie zusätzlich bestätigt.

Wir wissen ja seit Pisa, dass wir in Deutschland die homogensten Lerngruppen haben, gefiltert, gefiltert, gefiltert, und trotzdem keine guten Ergebnisse. Ich würde sagen, nicht trotzdem, sondern deswegen.

Das Lernen in heterogenen Gruppen ist Teil des Gesamtkonzeptes. Dazu gehören auch eine bestimmte architektonische Ausgestaltung der Klassenräume und besondere Lehrmethoden. Mit alters- und intelligenzgemischten Klassen kann man keinen einfachen Frontalunterricht machen, sagt Ulrike Kegler. So arbeiten die Kinder im Unterricht individuell oder in kleinen Gruppen an bestimmten Aufgaben.

Wir nennen das Freiarbeit, Projektmethode, Epochenunterricht. Wir gehen davon aus, jedes Kind ist anders, steht an einer anderen Stelle, hat Sensibilität für etwas anderes, dann muss eine Methode darauf eingehen.

Für diesen Unterricht hat Ulrike Kegler nicht mehr Personal zur Verfügung als andere Schulen, schließlich ist die Montessori-Gesamtschule eine staatliche Bildungseinrichtung. Guter Unterricht ist eine Frage der Qualität, nicht der Quantität, sagt die Pädagogin bestimmt. Damit überzeugt sie auch die Eltern. Während viele Schulen in Brandenburg aufgrund der zurückgehenden Schülerzahlen um ihre Existenz kämpfen, hat die Potsdamer Montessori-Gesamtschule regelmäßig mehr Bewerber als Plätze.
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